Der Streit um Gene und Intelligenz ist entschieden. Erster Teil einer ZEIT-SerieSeite 3/3

Der IQ mißt abstraktes Denken, nicht die Kreativität

Es ist jedoch ein Mißverständnis, daß die Naturwissenschaften nur Phänomene untersuchen könnten, die klar definiert sind. Die Definition mag sich erst ganz am Ende finden. Noch steht die große einheitliche Intelligenztheorie aus. Wie auch immer man nennen will, was die IQ-Tests messen - sie messen etwas, das steht fest, denn die Meßwerte sind von einer in der Psychometrik wundersam raren Stabilität, und zudem besitzen sie heute wie damals genau das, weswegen die IQ-Tests Anfang des Jahrhunderts ersonnen wurden Vorhersagekraft. Die Korrelation zwischen IQ und Schulerfolg beträgt 0,55. Leistungsunterschiede und die Länge der Schullaufbahn gehen zu je 30 Prozent auf IQ-Unterschiede zurück. Auch noch etwa 25 Prozent der Varianz beim Berufserfolg erklären sie. Das heißt einerseits, daß zum Erfolg in Schule und Beruf sehr viel mehr gehört als ein hoher IQ, andererseits aber auch, daß der IQ der stärkste einzelne Prädiktor für ihn ist; und daß man in viele Berufe eben nicht ohne einen gewissen IQ hineinkommt.

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Schließlich die Frage, ob IQ-Tests die Intelligenz messen und was diese eigentlich sei. Wie Snyderman/Rothman in ihrem Buch zeigten, verunsichert sie die Experten viel weniger als die Öffentlichkeit. Diese haben keinesfalls völlig verschiedene Vorstellungen von der psychometrischen Intelligenz. Fast einhellig waren sie der Ansicht, daß die Tests recht gute Meßinstrumente für abstraktes Denken, Problemlösungs- und Lernfähigkeit sind, aber nicht für Dinge wie Kreativität, Leistungsmotivation oder Wahrnehmungsschärfe. Wie weit eine Definition der Intelligenz greifen sollte, darüber gehen die Meinungen auseinander. Was ihren Kern ausmacht, darüber herrscht nahezu Konsens.

Die "biologistischen" Grundannahmen aus der Zeit der IQ-Kriege sind der "soziologistischen" Kritik nicht erlegen; sie stehen heute fester da als damals. Ein ideales Maß ist der IQ gewiß nicht; es gibt bisher nur kein besseres. Und da die Gene sich einen gewissen Respekt verschafft haben, erscheint es der Öffentlichkeit heute nicht mehr so abenteuerlich wie damals, ihnen einen Einfluß sogar auf unsere Denkfähigkeit zuzutrauen. In manchen intellektuellen Kreisen ist die Verdammung des IQ noch heute so gang und gäbe wie damals. Aber sie war so voreilig wie vordem seine Vergötzung.

 
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  • Quelle (c) DIE ZEIT 1998
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