Herr Scholz, spricht der Reporter fahrig in den Hörer, Herr Scholz, bitte erschrecken Sie nicht. Ich bin ein Journalist. Schweigen. Dann sagt die Altmännerstimme: Es ist mein einziger Triumph, daß wir die Beerdigung meiner Enkelin geheimhalten konnten. Was wollen Sie denn noch? Begreifen wolle er, beteuert der Reporter und haßt, daß ihm die Stimme kippelt. Was hat er für ein Recht auf dieses Leid? Aber da Janas Tod so viele und vieles betrifft, ist längst nicht mehr privat, was ins Verborgene gehört.

Herr Scholz, was haben Sie den linken Demonstranten gesagt, zwei Tage nach der Tat?

Ich war ja gar nicht dort. Die Polizei hat ein Tonband abgespielt. Ich habe inständig darum gebeten, Gewalt zu vermeiden und politischen Mißbrauch zu unterlassen. Und daß man die Trauer der Familie respektieren möge.

Jana wurde der linken Szene zugerechnet, so stand es in der Erfurter Pressemitteilung, die Angelo Lucifero ...

Lucifero, sagt Siegfried Scholz erregt. Mein einziges Ziel ist, daß dieser Mann wegkommt. Der schnitzt die Pfeile, die andere verschießen. Und lebt von Gewerkschaftsbeiträgen. Ich habe schon Freunde zum Austritt überredet. Die Jana hat in der Klubhausszene verkehrt. Aber ihre linken Sprüche, das waren doch nur Phrasen. Wenn man nachhakte: Nichts. Keine Antwort.

Haben Sie Jana zu allen Zeiten gut gekannt?

Ja, sagt Siegfried Scholz fest. Ja, auch in den schwierigen Phasen. Als sie mit der Maria ausgebüxt war von zu Hause. Als sie von der Schule wollte, nur noch reisen, Freiheit fühlen. Das Bild am Tatort, an der Blumenwand, das sei sie, typisch: dieses Forsche, Schlaue, trotzig, Unternehmungsgeist. Er habe sie viel photographiert und überhaupt für jedes Enkelkind ein Album angelegt. Schade, daß Sie nicht, vielleicht, was weiß ich, ob Sie, daß man doch persönlich, rufen Sie heute abend noch mal an.

Zwei Geschichten müssen wir erzählen. Die eine handelt von Politik, die andere von Kindern. Beide beginnen gleich, in der Telephonzelle am Gorndorfer Rondell. Gorndorf ist die Neubau-Exklave der thüringischen Kleinstadt Saalfeld. In der Zelle telephoniert ein Junge, Michael, fünfzehn Jahre alt. Draußen gehen zwei vierzehnjährige Mädchen vorbei, Jana und ihre Freundin, die hier Maria heißen soll. Sie schieben Janas Fahrrad und schlagen den Feldweg ein, der hinunter in die Altstadt führt. Als Michael Jana erkennt, stürzt er aus der Zelle und eilt den Mädchen hinterher. Am Bernhardsgraben hat er sie eingeholt. Er beschimpft Jana und tritt gegen das Rad. Jana fällt, steht wieder auf und wehrt sich. Michael zieht sein Messer. Es ist der 26. März 1998, nachmittags um vier.

Das Opfer und der Täter kannten sich gut

Eine Vorgeschichte war gerade erschienen ("Die Fahnen im Wind", ZEIT Nr. 13/98). Sie beschrieb Saalfelds touristisches Idyll, bräunliche Schatten und den bürgerlichen Wunsch nach Normalität. Aber Saalfelds Jugend strebt in verfeindete Szenen. In der Altstadt haben sich die sogenannten Linken etabliert, in Gorndorf eine Neonazi-Subkultur. Dazwischen fließt die Saale. Am 14. März war Großkampftag. Aus ganz Deutschland strömte linkes Volk nach Saalfeld, um gegen jeden rechten Konsens zu demonstrieren. Die NPD organisierte einen unbehaarten Gegenmarsch. 5000 Polizisten und der Medientroß komplettierten das Erlebnis. Saalfeld war, auch psychisch, abgeriegelt. Danach hatten sich die Jugendszenen weiter aufgeheizt.

Äußerlich ist am 15. März der Sturm vorüber. Auch der Reporter verschwindet, bis nach Frankreich. Es ist die Illusion unseres Berufs, daß wir, den Schauplatz verlassend, die Geschichte abgeschlossen hätten. Nur der Text wird fertig, die Geschichte nie. Am 26. März, nachmittags um vier, sitzt der Reporter in Avignon unter den Papstpalästen auf der berühmten Brücke und träumt in die gleißende Rhône. Die Welt ist vollkommen. Jetzt sticht in Gorndorf der Junge zu.

Bereits um 18.51 Uhr wird aus Erfurt eine Pressemitteilung verschickt. Absender: Angelo Lucifero, Vize der Thüringer Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherung, Leiter der Landesarbeitsgemeinschaft Antifaschismus/Antirassismus. Das Fax meldet den Mord an einer Linken: Janas Tod. "Am heutigen Abend wird in Saalfeld eine Spontandemonstration durchgeführt. Für den Samstag kündigt das Saalfelder Bündnis gegen Rechts eine weitere Demonstration an. (...) Wir bitten die VertreterInnen der Medien mitzuhelfen, daß die Hintergründe dieses Mordes nicht vertuscht werden und wieder einmal vermeldet werden kann, daß ,jeder rechtsextreme Hintergrund auszuschließen' sei."

Der Reporter, zurück in Berlin, findet die schreckliche Nachricht erst vier Tage später. Hektischer Anruf im Hamburger Pressehaus. Hamburg bleibt gelassen: Alles aufgeklärt. Eine Beziehungstat. Der Täter psychisch gestört. Kein politisches Thema.

Tatsächlich, so liest man überall: Jana und Michael kannten sich gut. Sie wurden zusammen eingeschult und kamen sechs Jahre später aufs Gorndorfer Gymnasium. Der Junge, zu leistungsschwach, mußte zurück an die Realschule. Wegen seiner Aggressivität war er kürzlich in psychiatrischer Behandlung. Ein undeutscher Makel. Vergeblich buhlte Michael um Akzeptanz in der rechten Szene. Am Mordabend stand von rechts im Internet: "Der Täter (...) ist geistig nicht zurechnungsfähig und wäre im Dritten Reich mutmaßlich dem Euthanasie-Programm zum Opfer gefallen."

In der Vernehmung beteuert Michael ideologische Motive. Jana habe ihn "Scheißfascho" genannt. Das war vor einem halben Jahr. Schon vor zwei Jahren, wird uns Siegfried Scholz erzählen, hatte Michael Jana einen Liebesbrief geschrieben. Den las sie zwecks allgemeiner Erheiterung ihren Freundinnen vor.

So wäre alles klar? Aber warum verweigert der freundliche CDU-Bürgermeister Richard Beetz plötzlich jegliches Telephonat? Wieso sagt der Richter Andreas Spahn, Vorsitzender des Jugendfördervereins, die vier Szene-Streetworker seien in großer Gefahr? Weshalb gab es in Gorndorf nach dem Mord eine Sektund Siegesfeier? Am Tatort wurden die linken Mahnwächter bedroht: Das war nur die erste Zecke, euch stechen wir auch noch ab. Identifiziert sich Rechts statt mit dem Täter mit der Tat?

Wir müssen nach Saalfeld.

Hoch überm Bahnhofsvorplatz schaukelt eine schwarze Fahne. "Jana Georgi" steht darauf in weißem Öl, "ermordet am 26. 3. 98 in Saalfeld". Anderntags wird die Fahne verschwunden sein. Wohin? Ich weeß nüscht, sagt die Frau am Kiosk, ich weeß grundsätzlich nüscht, is besser so. - Der Bahnhof liegt auf Gorndorfer Seite.

Vom Rathaus hinterm Baugerüst lappt ein bemaltes Laken: Saalfeld trauert um Jana. Auf den Stufen vor dem Klubhaus hocken in Nacht und Niesel die linken Kinder und bewachen den welken Altar, den sie für Jana aufgehäufelt haben. Ein Mahnmal im Exil. Nicht jeder traut sich zum Tatort hinaus.

Stimmt es, daß auch die Rechten in Gorndorf Blumen niedergelegt haben?

Alles Heuchelei. Hier haben sie aus'm Auto mit Flaschen nach uns geschmissen und gebläkt, wenn Jana beerdigt ist, wollen sie das Grab zerstören.

Dann kichern, prahlen, stammeln sie durcheinander: Die Stadt kuscht vor den Nazis, der Bürgermeister, Fascho, nur an Investoren denkt er, alles spielt er runter, klar war der Michael 'n kleiner Vollidiot, trotzdem wollt' er Nazi sein, da hat er die Jana, mehrmals hat er's angekündigt, keiner nahm's für voll, pervers, abstechen darf nicht passieren, egal, worum es geht. Aber jetzt gibt es kein Tabu mehr.

Gorndorf, nächster Vormittag. Hier ist es geschehen. Janas Bild in einem Beet von Blumen, Plüschtieren, Kerzen. Am Zaun dahinter Trauertransparente, Gedichte in Kinderschrift. Fliegender Vogel am grauen Himmel, ich sehe dich durch das Fenster, du bist frei, du fliegst weit fort. Was ist Freiheit! Was ist Friede! Jetzt kommt eine alte Frau und streichelt das Spielzeug: Ich hab' auch eine Tochter auf dem Friedhof. Das kann keiner begreifen, wie es der Mutter zumute ist.

Ein Junge radelt herbei. Vierzehn ist er, hartes Kindergesicht. Ein Rechter? Nee, er sei normal, doch, das gehe in Gorndorf, links sein nicht. Dann sagt er, so nebenhin: Ich hab' ja den Mörder entdeckt.

Du warst dabei?

Weggerannt ist er. Hat sich im Gebüsch versteckt. Ich hab's gesehen, Polizei gerufen.

Wie fühlst ... Was ist jetzt anders für dich?

Was?

Hat sich dein Leben verändert seit dem Mord?

Man trauert schon 'n bißchen mit. Es macht einen schon betroffen. Messer hat fast jeder. Hätt' nicht gedacht, daß einer wirklich zustößt. Die Linken haben schon gesagt: Für Jana fallen zwei von euch. Ich muß jetzt weg, weil die da kommen.

Die da sind Marias Großeltern. Sie räumen das ganze Gedenkbeet auf die andere Seite des Wegs. Der Anlieger wünschte seinen Zaun gereinigt. Eine Sichtblende gegen den Trauermob hat er schon früher angebrettert.

Was kann die Stadt tun, um die Jugendszenen auseinanderzuhalten?

Gar nichts, sagt Marias Großvater abgewandt. Die sollen sich vertragen.

Straßengespräche mit Gorndorfern: So viel Natur hier draußen. Tagsüber alles ganz normal. Geklaut wird heftig. Die Rechten tun doch keinem was. Mich hat einer mit dem Moped angefahren auf'm Bürgersteig, ich sag', Junge, die Straße ist ganz leer, da schlägt der zu. Allgemeine Verrohung. Keine Hemmschwelle mehr. Die Polizei nimmt die Kerle mit, der Richter läßt sie laufen, dann lauern sie dir auf. Die Stadtverwaltung, feige. Wenn der Bürgermeister offensiv verkünden würde, Saalfeld duldet keinerlei Faschismus, dann brauchten wir keine linken Demos von außerhalb.

Glatzenruf vom Imbißstand: Die Presse lügt!

Die Jungs sind jovial und breiten ihre rechten Ideale aus: Deutschland, Arbeit, Kinder, ordentlicher Mensch.

Leute, das ist Mitte, nicht rechts.

Kiffen und Drogen, da seien sie voll gegen. Es gebe aber auch Linke und sogar Ausländer, die seien einwandfrei. Wir hätten uns, sagt einer, fast mit den Linken vertragen. Bis zu dem Ding mit dem Michael. Die Jana ist ein einwandfreies Weib gewesen. Die hat jeden Scheiß mitgemacht, jeden.

Was ist mit Hitler?

Na ja. Nönö.

Lyrikfund im rechten Kellertreff des Stadtteilzentrums Gorndorf: Es wird dunkel und die Nacht bricht herein / dann ziehen wir unsere Kapuzen an / gemeinsam stehen wir für die nordische Macht / das Feuer der Reinheit hat es in uns entfacht / ein brennendes Kreuz in der rechten Hand / so säubern wir zusammen unser Vaterland / wir sind stolz, stark, arisch und rein / und absolut stolz darauf weiß zu sein.

Natürlich. Worauf denn sonst?

Ich will die Polarisierung. Anders läßt sich der Saalfelder Konflikt nicht lösen, und Saalfelds gibt es überall. So spricht in seiner Erfurter Wohnung der Hesse, Antifaschist und Gewerkschaftsfunktionär Angelo Lucifero. Die Stadt entpolitisiere alles und negiere das Problem. Die akzeptierende Jugendarbeit gerate zur Kumpanei: Seid ruhig rechts, Hauptsache, ihr haltet Burgfrieden. Welche Blindheit, welch fahrlässige Naivität! Das sei doch bundesweit die rechte Strategie: Nach außen Ordnung präsentieren, Jugend emotional binden, national befreite Zonen schaffen - hier die linksfreie Zone Gorndorf.

Frank Spieth, gleichfalls Erfurter Hesse, DGB-Chef von Ostthüringen: Wir müssen höllisch aufpassen, daß wir bei unserem Engagement gegen rechts nicht die liberale Mitte verlieren.

Im demoralisierten Osten wünscht mancher Diktatur

Die gewinnt man aber nicht, denkt der Reporter, indem man zwei Tage nach dem Kindermord durch Saalfeld marschiert und brüllt: Wandelt Wut in Widerstand! Da gewinnen nur die Bürger hinter der Gardine mit ihren Videokameras. Um Mitte muß man werben, statt sie zu denunzieren als zu lasch, zu bieder, zu normal. Vielleicht kann auch mal ein Linker ohne Ekelgriebe Deutschland sagen und unter Heimat etwas Besseres begreifen als Gedöns von Blut und Boden. Human gewachsene Autorität muß her, so wie in "Romeo und Julia" der Prinz von Verona seiner Stadt gebietet: Alle büßen! Gebietet? Das wünscht im demoralisierten Osten mancher: aufgeklärte Diktatur. Was gilt Freiheit, wenn man einen Schützer braucht, einen guten starken Mann?

Das ist die Sorge des Reporters, nicht seine Geschichte, die, wie gesagt, aus zweien besteht. Die linken Erfurter Strategen kennen die Lage in Saalfeld und den Fall Jana Georgi. Siegfried Scholz kennt sein Enkelkind. Beide Kenntnisse sind richtig und defizitär. Und der Reporter? Ist ans einzelne gewiesen, wie wir alle. Der Pfarrer Henrich Herbst mag das Leid der ganzen Welt erkennen er hat nur eine Kirche, deren Glocken er in der Mordnacht läuten kann: St. Johannis zu Saalfeld. Und nicht für die Jugend ist die Gorndorfer Gymnasialdirektorin Monika Tippelt zuständig, sondern für die echten, namentlichen Kinder, die am Morgen danach im Klassenzimmer warten, weinend, fassungslos versammelt um den leeren Platz, wo, aus Teelichten gebildet, Janas Name brennt.

Dann gingen sie mit ihren Rosen zum Tatort hinunter, durch den tobenden Kordon der Medienmaschinerie. Unfaßbar, sagt Monika Tippelt. Die idiotischste Frage war: Wo lernt man als Lehrer, mit so was umzugehen? - Denken Sie, hab' ich gesagt, das kann man lernen?

Nur das Drama war gefragt. Das eigentliche Drama, sagt Monika Tippelt, ist die Erfahrung der Sinnlosigkeit in vielen arbeitslosen Familien. Die Sprachlosigkeit, die zerbrochene Wertewelt. Die Eltern haben nur gelernt, sich über Arbeit zu definieren, nicht als Mensch an sich. Die Schule kann das kaum reparieren. Schule vermittelt Wissen, nicht Identität.

Da setzen die Rechten an. Das interessierte kein Fernsehteam. Wenn Janas Tod schon nicht richtig politisch war, wollte man wenigstens Romeo und Julia draus machen.

Auch Siegfried Scholz hat nichts als Angst gehabt vor der öffentlichen Walze, seit er am Abend des 26. März im Autoradio hörte: Rechtsradikaler erstach linkes Mädchen. Er dachte: Wo mag jetzt die Jana sein? Dann kam er heim. Als er wieder etwas bei sich war, rief er den Sender an, um die Tragödie ihrer Lucifero-Interpretation zu entreißen. Jetzt sitzt er vor seinem Tonic-Wasser am Hintertisch der Gaststätte "Weltrich", zierlich, akkurates Silberhaar, Dreher, Anlagenfahrer, vor der Wende Vorsitzender der Saalfelder CDU, seit 1992 arbeitslos, wie seine drei Töchter. Zwei Stunden lang spricht er über Jana, die vagabundierenden Kinder und die enthemmte Freiheit. Und was sei das für ein Staat, der nur dem Täter einen Anwalt stellt? Er habe sich so gefreut, sagt Siegfried Scholz, als der Käfig DDR zusammenbrach. Aber die Demokratie habe keinerlei Einfluß auf die wirtschaftlichen Mächte. Was da verdient wird von wenigen Leuten, damit könnte man Deutschlands gesamte Armut beseitigen.

Das ist die Lage. Siegfried Scholz' Leben hing seit Janas Tod von der Integrität und Verschwiegenheit eines einzigen Menschen ab: des Bestattungsunternehmers Felke. Der verhinderte mit vielerlei Finten, daß Siegfried Scholz sein Enkelkind inmitten eines Heerlagers begraben mußte.

Herr Scholz, ich war heute nachmittag auf dem Friedhof in ... Es ist ein würdiges Grab. Ihre Jana hat einen guten letzten Ort, da oben am Wald.

Ja, sagt Siegfried Scholz, und wie weit man schauen kann, bis zur Leuchtenburg, bis nach Jena bei guter Sicht. Ich hab' zu Maria gesagt, sie soll ihren Freunden bestellen: Wer die Jana liebhat, dem liegt sie nicht zu weit, der kommt sie dort besuchen.