Hans Joachim Schädlichs "Trivialroman"
Ratten, Nattern, Quallen, Wanzen
Nomen est omen, heißt es beim römischen Komödiendichter Plautus. Eine Sentenz, die einem wohl einfallen mag, wenn man die Biographie von Hans Joachim Schädlich rekapituliert. "Schädlich für die DDR?" Diese doppeldeutige Frage stellten die Neuen deutschen Hefte nach der Ausreise Schädlichs in die Bundesrepublik im Dezember 1977, die Behörden der DDR hatten darauf längst mit ja geantwortet: In den Stasi-Akten taucht der Autor konsequent als "Schädling" auf.
Nach dem großen Erfolg des Prosabandes "Versuchte Nähe" im Jahre 1977 war man bestrebt, diesen Schädling möglichst schnell loszuwerden. Der promovierte Germanist und Linguist, Schüler des bedeutenden Sprachwissenschaftlers Theodor Frings, führte bis dahin an der Ostberliner Akademie der Wissenschaften ein abgeschirmtes Gelehrtenleben, bis man ihn dort nicht mehr sehen wollte, nachdem er Ende 1976 die Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns unterschrieben hatte.
Wer aber wußte schon, daß der Verfasser der "Phonologie des Ostvogtländischen" (1966) und anderer einschlägiger wissenschaftlicher Studien seit 1969 Erzähltexte in seiner Schublade hatte, die mit Akribie und Phantasie zugleich das Leben in der DDR und ihre Machtmechanismen mit gefährlichem Scharfsinn darstellten und sezierten - nie auf jene plane Weise, die man sozialistischen Realismus nennt, auch nicht tendenziös-direkt, sondern mit satirisch-grotesker Vielschichtigkeit, oft freilich auch mit einem hinter gnadenloser Sachlichkeit vernehmbaren Leidenston.
Daß Hans Joachim Schädlich ein professioneller Linguist war und ist, das spürt man seiner Prosa bis heute an. Von einer "Geburt des Romans aus dem Geiste der Linguistik" hat Walter Hinck im Hinblick auf seinen experimentellen Roman "Schott" (1992) gesprochen. Ein hellhöriger Beobachter der Sprache ist er jedenfalls geblieben, gerade in seinem jüngsten Opus "Trivialroman". Da findet sich zum Beispiel eine irrwitzige Passage, in welcher der "Chef", eine Art krimineller Peeperkorn, der nur in abgebrochenen Sätzen redet, sich von dem kollaborierenden Journalisten Feder sein Gestammel in wohlgesetzte Rede übertragen läßt.
Daß Schädlich die literaturwissenschaftliche Gattungsbezeichnung "Trivialroman" als Titel wählt, hat Tradition. Auch Goethe schrieb ein "Märchen", eine "Ballade" und eine "Novelle" - und Schädlich selber veröffentlichte in dem schon fast zum Klassiker zeitgenössischer Literatur gewordenen Prosaband "Versuchte Nähe" das sogenannte Kriminalmärchen, eine zeitgenössische Kontrafaktur zu Rotkäppchen und dem bösen Wolf. Das Spiel mit der Gattung ist eine Grundtendenz seiner Prosa, die sich von seinen ersten literarischen Versuchen an mit einem Hang zur Parabel verbindet.
"Trivialroman" ist die Geschichte einer Gangsterbande, die sich hinter einer Zeitung verschanzt, deren korrupter Redakteur der Ich-Erzähler ist. Daß diese Bande nicht für sich steht, sondern eine andere Welt vertritt, das zeigen schon die Namen der Akteure: Dogge, Qualle, Ratte, Natter, Biber, Aal, Wanze - ein recht unerquickliches Bestiarium, dessen Vertreter durchaus die Allegorien dessen sind, was die Volksmeinung mit jenen Tiernamen verbindet.
Die alten Fabeltiere werden im Zeichen immer anonymerer Gewaltverhältnisse durch immer weniger menschenähnliche und menschenvertraute Wesen ersetzt. Der von einer "Horde" von "Gorillas" umgebene Dogge ist der scharfe Hund, der brutale Scherge der Bande, Wanze und seine "Schnüffler" sind ihre Spitzel, Aal und seine "Maulwürfe" betreiben die Wühlarbeit, Qualle ist der schleimige Ideologe und Schönredner, der sich nach der Zerschlagung der Bande zum protestantischen Gemeindeprediger mausert.
- Datum 16.04.1998 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1998
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