Nachts auf der Kastanienallee, es sind die ersten Frühlingstage in Berlin. Die ortsübliche Mischung aus westlicher Alternativkultur, neontechno- bis hippiestrickwarenbunt, und ihrer leicht grimmigen ostdeutschen Variante, graue bis schwarze Anzüge. Die dichtbevölkerte Achse am Prenzlauer Berg zeigt sich ganz von ihrer expressionistischen Seite. Die Straßenbeleuchtung flackert gelblich, und die kantigen jungen Männer träumen davon, daß diese Straßen noch die Geheimnisse bergen, die ihnen die Biographie ihres Lieblingsautors Franz Jung verspricht: einen veritablen "Weg nach unten". Mehrere schwarzgekleidete Jungs stürmen aus einer Toreinfahrt und rufen: "Nieder mit allen Regierungen!"

Tja, so sind die drauf, die sich hier, im Zentrum der einzigen einigermaßen "wiedervereinigten" Subkultur Deutschlands, von Christoph Schlingensiefs Aktivitäten hinter ebendieser Toreinfahrt einen politischen Anstoß versprechen. Der Hof, aus dem die jungen Männer hervorwanken, gehört zum "Prater", zur Dependance von Frank Castorfs Berliner Volksbühne. Ein Zirkuszelt steht darauf, zu dem ein parolengesäumter Weg führt. An den in Bauwagen ("alternative Lebensform") und kleinen Zirkuszelten ("Phantasie an die Macht!") untergebrachten Büros vorbei gelangt man zur Manege, in der Schlingensiefs "Chance 2000 - Wahlkampfzirkus 98" aufgeführt wird. Wenn die Vorstellung läuft, wird sofort klar, daß an "Phantasie", "alternative Lebensformen" und "Politik" hier keiner mehr glaubt. Doch das historische Gewicht dieser Begriffe zwingt Schlingensief, sie zur Grundlage jedes weiteren Schritts zu machen, der ihre Überwindung oder ihr Gegenteil denken oder darstellen soll. Eine der stabilen Einsichten fast aller seiner Produktionen ist die, daß man nur weiterkommt, wenn man das bis dato Maßgebliche sichtbar durchstreicht. Nicht einfach ignoriert oder parodiert, sondern ihm durchstreichend alle Ehren der Darstellung erweist. Oder besser: beim Durchstreichen kläglich, aber sichtbar scheitert und so den Platz freihält. Egal, ob das Fassbinder, Dutschke oder Beuys sind, die 68er, die Raumpatrouille oder eine Parteigründung.

Mit den Parteien hat es aber folgende Bewandtnis, wie Schlingensief, als Sergeant Pepper angetan, uns zu Beginn der Vorstellung erklärt. Die Chance 2000 e. V. sei der nach wie vor bestehende Trägerverein aller möglichen Aktivitäten (und gleich werden deren lustige Aktivisten ihre schrillen und possierlichen Ideen vorstellen), aber die aus ihm herausgewachsene Partei habe sich gespalten, nämlich in die "Partei der letzten Chance" und die "Schlingensief-Partei".

"Die Partei der letzten Chance wird tatsächlich von politischen Gruppen, Anarchistinnen, antirassistischen Gruppen und einer Art Spaßguerilla getragen. Die Schlingensief-Partei, das ist eher so Kunstmafia, sagt er auch selber", erklärt ein kritischer Schlingensief-Sympathisant. Die Partei der letzten Chance mit ihren Ansätzen von Parteiarbeit sei dem Chef nach kurzem langweilig geworden, und er habe geputscht, weiß ein anderer in der wimmelnd vollen Prater-Kneipe. Schlingensief erzählt mir, wie es ihn erschreckt habe, daß "da sofort Leute waren, die Mecklenburg-Vorpommern repräsentieren wollten", "Lobbyisten", wie er sie nennt.

In Männermagazinen wird Schlingensief als der große Schock-Tabubruch-Zampano geliebt; dem Kulturmanagement gilt er als Hoffnungsträger einer neuen, Medien, Zielgruppen und eine Vielfalt politischer und ästhetischer Orientierungen integrierenden Wunder-Gesamtkünstlerkunst. Diese Berliner Veranstaltungsreihe dagegen wird tatsächlich von politischen Bedürfnissen geprägt, wie sie für einen neuen, diffusen Typus naiver, enttäuschter, abenteuerlustiger oder auch nur restlos pessimistischer Linksradikaler kennzeichnend sind. "Ich habe zwar eine Menge Probleme mit der ganzen Sache, aber ich glaube schon, daß der Schlingensief Bewegung bringen will in diesen ganzen Stillstand", sagt einer.

Aber was für eine Bewegung, und welchen Stillstand meint er, meinen sie? Und wollen das Helmut Kohl und RTL und das ganze hektische Medienleben nicht auch schon immer? Bewegung und Zirkulation: Der Wunsch danach, so läßt sich rückverfolgen, kommt aus dem postmodernen Westen - hier gesellen sich Verbindlichkeit, Drastik und Massivität hinzu. Gerade bei den Ex-DDR-Oppositionellen trifft man immer wieder auf dieses zutiefst ideologische Verlangen nach echtem Schweiß und Leben - gegen das ganze trübe Treiben der Postmoderne und der Uneigentlichkeit. Manchmal erinnert das eher an Jungmänner-Talk aus Vorkriegs- als aus Nachkriegszeiten. Und soll nun die gängige Politik hier als unernster Zirkus denunziert werden, um eine neue zu fordern? Oder soll dieser Zirkus selbst als unernster, tabubrechender Skandal in die ernste Politik einmarschieren? Oder folgt die Beschwörung der Politik, des Wahlkampfes und der Auftritt eines Schlingensief nur den unklaren Bedürfnissen nach Lebenssteigerung auf dem Prenzlauer Berg?

Es ist wirklich ein aufdringlich allegorisches Ambiente. Die Manege - alt, muffig, aber liebenswert und auch ganz unterhaltsam. Ganz wie die Demokratie, um die es hier zu gehen scheint und die Schlingensiefs Publikum von dieser Darbietung verhohnepipelt, dann doch wieder bestätigt, radikal in Frage gestellt oder gar direkt angegriffen sieht. Und aus dem Arsenal der Institutionen, Regelungen, Garantien, Freiheiten dieser Demokratie hat sich Schlingensief natürlich mit dem Wahlkampf die trashigste, kaputteste und zugleich lustigste Nummer ausgesucht. All diejenigen ehemaligen Staatsfeinde, die heute auch die positiven und gegen rechts verteidigenswerten Seiten unseres Staatswesens entdecken, meinen damit eher die Rechtsstaatlichkeit und Garantien, wie sie etwa das gute, alte abgeschaffte Asylgesetz bereithielt. Jeder ist für Legitimation durch Verfahren, doch dieses spezielle, das sich Wahlkampf nennt ...? (Auch wenn keiner ein besseres vorzuschlagen wüßte, das nicht automatisch zu Guildo Horn oder der Wiedereinführung der Todesstrafe führte.) Trash-Plakate, Elefantenrunde und Westerwelle? Parbleu, die Achillesferse der Demokratie.