Die Spiritualität der Popmoderne
Endstation Klo: Rainald Goetz macht den Tag zur Nacht und tanzt mit "Rave" in die Banalität
Ich war kurz kotzen, jetzt geht's mir wieder super." Der Schriftsteller Rainald Goetz hat in seiner langanhaltenden Jugend die Verhältnisse zum Tanzen bringen wollen. Leider hat sich sein Wunsch restlos erfüllt. Der Spießer tanzt im Underground, Bravo hält die sexuelle Revolution in Schwung, und MTV betreut den Remix der Subversion. Der Unternehmer spielt Verfassungsfeind, und die Avantgarde füttert die Werbeindustrie. Konformismus ist der radical chic der neuen Intellektuellen. Denn alles Leben wird Pop.
Tanz weiter.
Vor gut zehn Jahren begann im Thatcherdumpfen England eine musikalische Revolution. Rainald Goetz war mittendrin, und noch heute schmeckt er den Staub der frühen Jahre. Doch Londons Acid verendete in der Berliner Love Parade. Friede, Freude, Einerlei. Aus Pop ward Püree. Seitdem hat Techno die Sprengkraft einer Seifenblase. Den Rest betreut Dr. Motte. Heute dreht Goetz den Spieß einfach um. In einem Manifest (ZEITmagazin Nr. 29/1997) feierte er die Berliner Love Parade als Sieg der Demokratie. Genieß dich selbst, aber plötzlich. Friede den Palästen und Techno in den Hütten. Die Phantasie ist an der Macht. Aber von welcher Rebellion wird uns der Raver noch erzählen?
"Rave" heißt ein neues Buch von Rainald Goetz, das sich, mit einem Sektkübel voll Selbstironie, "Erzählung" nennt. Goetz erfindet darin einen unbekannten Helden und leiht ihm seine Stimme, sein Alter und seine Verachtung. Dieser namenlose Held säuft und kokst durchs Nachtleben und will davon groß erzählen. In der Lounge der Popkultur bewegt er sich wie ein Fisch im Wasser.
New York, Berlin, Ibiza. Schlechtes Benehmen ist sein bestes Kapital und Münchens P1 sein liebstes Revier. Da jagt er süße Supermäuse und diese ihn.
Endstation Klo. "Schatz, mach dich nackig." Manchmal "knallt es". Eigentlich lohnt der Aufwand nicht, doch man gönnt sich ja sonst nichts. "Abfeiern, Aufreißen, Ausrasten." Aus die Maus. So gehen die Jahre spaßmäßig ins Land.
"Dein Leib komme."
Meistens kommt es zum Äußersten. Zum Techno, dem heiligen Bumbum. Klar, das Bumbum hat keinen Sinn, sondern ersetzt ihn. Techno betäubt die Monotonie der mittleren Jahre. Techno vernichtet die Zeit. Techno beendet die Despotie des Alltags. Techno befreit den Körper aus dem Gefängnis der Seele. Techno ist Selbsterlösung. Selig begrüßt der Raver die Plattenkünstler wie der sozialistische Romancier den Helden der Arbeit. Wider Erwarten rutschten dem Frontberichterstatter in den Katarakten der Nacht genaue und milkazarte Sätze aufs Papier, und für einen Taktschlag trifft das "Körpergefühl die Schrift" wie die Vibration eines letzten Versprechens, wie ein Jubel, der das Denken schuldlos macht wie am ersten Tag und befreit durch die gewaltlose Gewalt der Musik, genannt Techno. Danach kommt "Textstillstand", und der Edelraver rennt den Worten hinterher wie gestern der Topmaus. Zum Glück kommt der Dealer.
Man wirft nach. Im Nebel der Droge wird der "fettgütige Basswummbeat" zum Sakro-Pop und der Discjockey zum Priester. RAVE. (R)Ave. Ave Maria, so buchstabiert sich die Spiritualität des Techno. "Gratia plena". Nacht für Nacht beugt der Tänzer die Knie. Mysterium der Gegenwart, Auslöschung der Zeichen. Doch nix is. Am Morgen der Großen Freiheit stolpert der Clown der Dissidenz in einen Haufen Asche. Es ist der Dreck vom letzten Fest. Damit endet die lange Geschichte des Subjekts. "Und er sah, daß es gut war."
Manchmal juckt es noch, und dann kratzt er zurück. "Man grunzt und rotzt und faßt sich überall hin." Nach seiner Odyssee plündert der Mensch auf Ibiza die Zimmerbar und vernascht in New York den room service. Gratia plena.
So geht es in die Endlosschleife, denn Nihilismus ist ein Glücksgefühl. Was dem Metzgerlehrling der Manta, ist dem Raver der Koks. Rebellion? Es war nur das Delirium des Weltspießers, dem bei zweihundert Beats die Joppe schwillt.
Oder die Freundschaft der Männer. Sind die Freunde besoffen, und sie sind es immer, liest der Raver Niklas Luhmann und Ernst Jünger. "Musik und Ausgehen, Trinken, Luhmann." Es ist der Kick zum Abschied, denn die Arbeit am Negativen ist beendet. Nichts wollen, nichts wünschen, nichts hoffen. Was Westbams Sound für den Leib, ist Luhmanns Theorie für den Verstand: Die Ekstase der Affirmation, denn der Held will raus aus dem "Denk-Knast des Nein".
Anschließend Exzeß an der Hotelbar. Ave.
Ende der Nacht, Regen am Morgen. Es herrschen der nackte Frieden und der helle Wahn. "Geil geil geil", sagt der Klugscheißer und meint sein schwer gelebtes Leben. "Es gab ja keine Handlung. Das war ja der Witz." In Wirklichkeit ist nicht der Raver, sondern Rainald Goetz (44) der tapfere Held im Beat der Nacht. Zweihundertsiebzig Seiten lang hat er seiner Lallbacke beigestanden und aufs Pferd der Literatur geholfen. Nach der semantischen Selbstentleerung seines Helden hat er gerettet, was zu retten war, und die Euphorien des Stumpfsinns "gescratcht" wie Sven Väth der DJ. Toll und proll dröhnt sein sinnloser Baß gegen die Sinnmaschine der Welt. Der Rest ist von erhabener Banalität. Literatur als Ästhetik der Leere, die ihrem Gegenstand so ähnlich ist wie ein Beat dem anderen.
Naturgemäß ist der Suhrkamp Verlag, wo das abendländische Subjekt eine Heimstatt hat, stolz auf diesen Triumph, und seit Menschengedenken hat er solche Vorstudien zum spätkapitalistischen Bewußtsein nicht mehr gefeiert.
Vorstudien, sagen wir: Über die Auszehrung der weißen Kultur nach ihrem Sieg.
Über die bestialische Einsamkeit in der Discomoderne. Von Dr. R.Goetz. "Au ja, klasse Idee." - "Nein, wir hören nicht auf, so zu leben." Sagt der Held.
"Extrem geil und extrem kaputt natürlich auch."
Rainald Goetz: Rave
Erzählung Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1998 274 S., 38,- DM
- Datum 23.04.1998 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle DIE ZEIT, 18/1998
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