Gerhard Schröder entdeckt die Neue Mitte. Das funkelnde Wörtchen "neu" soll auf seinem Weg ins Kanzleramt wie ein Talisman wirken. Wer in Deutschland die Mehrheit und die Macht erringen wolle, der müsse die Mitte gewinnen: Der Kanzlerkandidat beruft sich auf ein Wort Willy Brandts. Diese Weisheit hatten die Sozialdemokraten vergessen, sie büßten dafür mit sechzehn Jahren Machtentzug.

Macht braucht Mitte, wie wahr. Wen aber meint diese Neue Mitte, was ist neu, und was ist Mitte? Schröder lupfte in seiner Leipziger Rede nur ganz kurz den Schleier, dafür zählte er alle auf, die er umgarnen möchte: In einem Atemzug erwähnte er die Facharbeiter, die Angestellten und ihre Familien, die Empfänger mittlerer Einkommen, denen wachsende Steuern und Abgaben arg zusetzen. Auch Handwerk, Mittelstand und überhaupt die Leistungsträger standen auf Schröders Liste - samt all jenen, die Neuerungen wagen. Kurz, diese Neue Mitte wirkte im Nu ziemlich überlaufen. Dort drängen sich, malt man Schröders Skizze einmal bunt, Polier und Polizistin, Laborchefin und Metzgermeister, Gymnasiallehrer und Gewerkschaftsfunktionär, Programmierer und Jungunternehmer, eben Leute wie du und ich. Die Masse, die Mehrheit. Wer sie gewinnt, gewinnt.

Die Neue Mitte also sind wir, und wir haben es satt, daß wir - vor allem wir - den Wandel vorantreiben sollen, dafür aber nicht belohnt, sondern bestraft werden. In unserem Lande, so seufzt es aus der Seele vieler Bürger, werden die Reichen reicher und finden sich die Armen schon in nächster Nachbarschaft. Im Westen geht es immer mehr Menschen schlecht, im Osten viel zu wenigen endlich besser; dort ist keine neue Mittelschicht in Sicht, und die heimelige alte Mitte des real existierenden Sozialismus ist auch perdu.

Breitet sich im Inneren soziale Unsicherheit aus, so droht von draußen globales Ungemach. Und was tut die Regierung? Nichts und alles falsch zugleich, längst vergreist in ihrem sechzehnten Lebensjahr. Auf derlei Überdruß am alten vertraut Schröder.

Dabei sehnt sich die Mitte nicht nach großer Politik, nur nach angemessener: pragmatisch, praktisch, gut. Denn Mitte braucht Maß. Die Überspanntheit linker Theoretiker liegt ihr so fern wie das Ressentiment der rabiaten Rechten. Ihre Ikone ist die nette Durchschnittsfamilie, wie sie unser Titelbild zeigt:

Er vermutlich im Angestelltenverhältnis, gut ausgebildet, recht erfolgreich, der Zukunft zugewandt, kann sich aber gegen gewaltige Abzüge auf seinem Lohnzettel nicht wehren. Und die rettenden Steuerschlupflöcher werden er und seine Frau kaum erreichen, dazu bleibt unterm Strich einfach zuwenig. Auch sie ist berufstätig, will oder muß es sein, selbst wenn die Bezahlung so aufregend nicht ist und sich bei ihr - warum nicht bei ihm? - mitunter das schlechte Gewissen gegenüber den Kindern regt. Anders als für ihre Altersgenossen in Westeuropa gibt es für deutsche Kinder noch immer keine Ganztagsregelschule, sie müssen sich den halben Tag irgendwie, irgendwo selbst beschäftigen. Bildung ist Bürgerrecht, hieß es einst, und die heilige Familie stehe unterm Schutz des Grundgesetzes. Aber angesichts eines überforderten Bildungswesens befällt auch diese Eltern leises Entsetzen, und die beiden Kinder spüren vielleicht schon die Angst vor späterer Arbeitslosigkeit.

Das Gefühl großer Unsicherheit ist neu für eine solche Familie. Der Verlust von Arbeit und bescheidenem Wohlstand kann inzwischen auch sie, die "Besserverdienenden", leicht treffen (und Gerhard Schröder ist so klug, dieses Lieblingsschimpfwort der Sozialdemokraten aus seinem Vokabular zu streichen, zugunsten der Neuen Mitte eben, der Ausdruck kränkt keinen und meint jeden).