Aufstand im Kinderzimmer
Frank J. Sulloway über den "Rebell der Familie"
Kaum ein Buch hat in den letzten Jahren Wissenschaftler so beschäftigt wie Frank J. Sulloways "Der Rebell der Familie". Es wird, so eine Kritikerin, eine ebenso einschlagende Wirkung haben wie Freuds und Darwins Werke. Und diese Wirkung hat mit der Frage zu tun, der Sulloway auf fast 600 Seiten nachgeht: Was läßt einen Menschen zum - wissenschaftlichen wie auch politischen - Revolutionär werden? Ist dies seine Klassenzugehörigkeit, ist es eine erbliche Anlage, oder eine besondere historische Situation, die als Katalysator wirkt? Sulloways Antwort: Dies und vieles andere mag mit hineinspielen, aber ausschlaggebend - und statistisch von größtem Voraussagewert - bleibt die Familiendynamik, die Geschwisterposition und Geschwisterrivalität. Zu dieser Erkenntnis gelangte Sulloway, nachdem er zwanzig Jahre lang etwa 10 000 Lebensläufe aus allen Epochen der abendländischen Geschichte studiert und mehr als 500 000 Informationen im Computer gespeichert hatte.
Das Resultat seiner Forschung fügt sich für Sulloway nahtlos in Darwins Evolutionstheorie ein. Denn ihr zufolge gibt es den Kampf ums Überleben nicht nur zwischen einzelnen Arten der Überlebenskampf tobt auch innerhalb menschlicher Familien. In diesem Kampf ist für Kinder elterliche Gunst das für materielles und seelisches Überleben wichtigste Gut. Und bei der Verteilung dieses Gutes waren bislang - so lehren es 500 Jahre von Sulloway überblickter westlicher Geschichte - Erstgeborene bevorzugt. Sie fanden sich in einer "familiären Nische", die sie erhalten konnten, wenn sie, in Identifizierung mit der Autorität der Eltern, auch deren meist konservative Einstellungen übernahmen. Später Geborene mußten sich dagegen gleichsam mit den Resten vom Tisch der Erstgeborenen begnügen und andere Überlebensstrategien entwickeln. Eine solche Strategie konnte nun darin bestehen, sich für Neuerungen zu öffnen, die elterlichen Grundannahmen in Frage zu stellen oder sich in einem eher demokratischen Konfliktmanagement zu üben. Nicht zuletzt Darwins Persönlichkeit, von Sulloway liebevoll und bewundernd als Musterbeispiel eines wissenschaftlichen Revolutionärs nachgezeichnet, läßt (neben anderen) diese Charakterzüge und Motivationen hervortreten.
Natürlich liefert uns die Geschichte Gegenbeispiele. Die Erstgeborenen Galilei und Luther gehören dazu, doch Sulloway geht diesen und anderen Ausnahmen sehr differenzierend nach. Sein Gesamtbild dürfte für die letzten 500 Jahre westlicher Geschichte stimmen. Ob es indessen für die Gegenwart stimmt und noch für die Zukunft stimmen wird, scheint mir fraglich. Diese Skepsis nährt sich einmal aus der Tatsache, daß sich in westlichen Gesellschaften - einschließlich der chinesischen Gesellschaft, für die die Einkindfamilie verfügt wurde - das Verhältnis von Erstgeborenen zu überlebenden später Geborenen immer mehr zuungunsten der letzteren verschiebt. Kamen während der von Sulloway erfaßten Zeiträume auf einen Erstgeborenen im Durchschnitt 2,6 später Geborene, so wachsen heute in westlichen Ländern schon über fünfzig Prozent der Kinder als Einzelkinder heran. Und Einzelkinder lassen sich nur unbefriedigend in den dargestellten Kontext einordnen.
Weiter zeigt sich in modernen Lebens- und Familienverhältnissen elterliche Gunst als fragwürdiger Überlebensbonus. Denn in Überflußgesellschaften geht es kaum mehr um das materielle, sondern um das seelische Überleben, also um Sinn, Anerkennung undSelbstwertgefühl. Je komplexer sich aber Familienbeziehungen gestalten und destabilisieren, um so eher kann sich auch das, was auf den ersten Blick als elterlicher Liebes- und Gunstbonus erscheinen mag, belastend auswirken. Denn mit dieser Gunst verbinden sich nun häufig offene oder verdeckte Delegationen, die den "begünstigten Erstgeborenen" zum Opfer von Auftragskonflikten machen. Man denke an den jungen Pianisten in dem Film "Shine", der an des Vaters widersprüchlichen Aufträgen: "Werde ein berühmter Pianist, aber verlaß mich nicht" zerbricht.
Auch der Begriff des Rebellen kann unter solchen Umständen unbestimmt und schillernd werden. Ich lasse mich hier von Erfahrungen leiten, die ich als Psychiater in einem Forschungsinstitut in den USA vor fünfundzwanzig Jahren gewann: Ich hatte dort auffällig gewordene Jugendliche zu betreuen. In einer Untergruppe war schon damals vom Rebell der Familie die Rede. Und diese Einschätzung als Familienrebell machte sich typischerweise auch der betroffene Jugendliche selbst zu eigen. Ich erinnere mich an einen etwa fünfzehnjährigen Jungen, der von seinen Eltern und Geschwistern als besonders rebellisch bezeichnet worden war und sich auch selbst als "Rebell der Familie" verstand. Er hatte offenbar alle Werte seiner eher bürgerlichen Familie aufgekündigt, war von Washington nach Kanada getrampt, hatte dort monatelang ein abenteuerliches Leben mit Indianern geführt und war erst wieder nach Hause zurückgetrampt, als ihm alles Geld ausgegangen war.
Doch nun zeigte sich, daß dieser "Rebell" durch seine Eskapaden geheime Wünsche seines Vaters erfüllt hatte, eines kleinen Beamten, der sich an einen Routinejob gefesselt fühlte. Dieser Vater lauschte gebannt den Abenteuergeschichten seines Sohnes. Offen schalt er ihn wegen seines unverantwortlichen Verhaltens, aber er vermittelte ihm auch: Du bist ein toller Typ und hast etwas zustande gebracht, von dem ich nur träumen konnte.
Es waren solche Beobachtungen, die mich meine Vorstellungen über "Familienrebellen" in Frage stellen ließen. Solche "Rebellen" zeigten sich mir oft als die angepaßtesten, das heißt am sensibelsten auf verdeckte Signale und Erwartungen ihrer Eltern eingestimmten Jugendlichen. Kurz: Ob ein Rebell der Familie auch ein wirklicher Rebell ist, läßt sich unter heutigen Verhältnissen nicht leicht entscheiden.
- Datum 29.04.1998 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 19/1998
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