Als Fritz Bauer im Sommer 1968 starb, zählte ich vierzig Jahre. Aus damaliger Sicht verließ uns ein großer alter Mann, heute, da ich ein halbes Jahrzehnt mehr Jahre zähle als der mir dazumal beispielhafte Streiter zwischen den Polen Recht und Gerechtigkeit, Staatsgewalt und Widerstand, Gedächtnis und Vergessen, ist der Altersunterschied wie aufgehoben und sind nunmehr Erfahrungen, gesammelt im Umgang mit der in Deutschland nach wie vor fragilen Demokratie, vergleichbarer geworden. Waren es damals die Notstandsgesetze, denen sein differenziert kritisches Urteil widerfuhr, so sind es heute die Aufhebung des Rechts auf Asyl und kürzlich das Inkrafttreten des großen Lauschangriffs, die mir anhaltenden Widerspruch abnötigen.

Gewiß, Fritz Bauer sprach und stritt mit anderem Erfahrungshintergrund Stationen seines Lebens hießen Weimarer Republik, drei Jahre KZ-Haft und Emigration -, er bezog sein Rechtsbewußtsein aus langjähriger Praxis als Jurist und nicht zuletzt aus seiner Tätigkeit als hessischer Generalstaatsanwalt, während mir, dem Hitlerjungen von einst, ja nur die harten Nachkriegslektionen hilfreich werden konnten, zudem gab mir allenfalls der unsichere Standort des Schriftstellers einigen Rückhalt: die Position zwischen den Stühlen.

Dennoch ließe sich über die Zeit hinweg immerhin etwas Gemeinsames konstruieren: Als Jurist war Fritz Bauer in den fünfziger und auch noch in den sechziger Jahren zwar umgeben von Freunden und dennoch ein Einzelgänger, doch nicht etwa ein Solitär aus eigenem Willen, vielmehr jemand, dessen Berufsfeld weitgehend von Juristen besetzt war, deren Karrieren in der Zeit des Nationalsozialismus begonnen hatten und deren Praxis in nicht wenigen Fällen Schrecken verbreitet hatte.

Die fließenden Übergänge von einem System zum anderen - es gab keine Stunde Null - und das politische Kalkül der Adenauer-Zeit waren solch äußerlich ungebrochenen Lebensläufen dienlich: Nicht nur als Richter und Staatsanwälte, auch als Chefärzte und Universitätsprofessoren oder gar in Doppelfunktion als Politiker - so der ehemalige Marinerichter und spätere Ministerpräsident Filbinger - erfreuten sie sich allgemeiner Duldung. Lange dauerte es, bis endlich das braune Unterfutter abgetragen war. Ich nehme an, daß sich Fritz Bauer dieser Vereinzelung bewußt gewesen ist und sich zugleich als radikaler Demokrat mehr Mitstreiter gewünscht hat. Nicht daß es ihm an einem Freundeskreis gemangelt hätte, wohl aber - und erklärlicherweise - an Unterstützung seiner Bemühungen durch Berufskollegen. Als Vereinzelter hat er unter dem Titel "Was ist Landesverrat" zur Spiegel-Affäre Stellung bezogen. Ohne ihn und sein profundes Engagement wäre es nicht zum Auschwitz-Prozeß und zu den nachfolgenden Prozessen gekommen. Vereinzelt und vergeblich kämpfte er für einen modernen Strafvollzug, der auf traditionelle Vergeltungsstrafe verzichtet. Deshalb wurde er mir und meiner Generation beispielhaft. Deshalb wurde ein Preis nach ihm benannt, den zu empfangen ich heute die Ehre habe. Doch diese Einzigartigkeit hat ihre Schattenseite. Sie ergibt sich aus einer schweigenden Mehrheit. Sie gewinnt an Größe, indem sich andere, sogar insgeheim Gleichgesonnene, aus diesen oder jenen Gründen bedeckt halten. Sie überragt als einsame, vereinsamte Leistung in einer Demokratie, der es chronisch an streitbaren Demokraten mangelt.

Und schon bin ich im Verlauf meiner Dankesworte bei mir oder, genauer, bei der Begründung der mich benennenden Preisvergabe angelangt. Sie zählt lobend auf, gegen was ich Einspruch erhoben, aus welchem Anlaß ich mich zwischen die Stühle gesetzt und wann ich zuletzt für jedermann unübersehbare Mißstände, zum Beispiel die dem Rechtsstaat spottende Abschiebehaft, barbarisch genannt habe. Das alles reiht sich als Einzelleistung. Verdienste einer Einmannfraktion sollen gepriesen werden. Doch wäre es nicht besser um die bundesdeutsche Gesellschaft bestellt, wenn es eine Vielzahl von Schriftstellern oder, sagen wir: Intellektuellen gäbe, die bereit wären, unüberhörbar gegen die fortgesetzten Waffenlieferungen in die Türkei Einspruch zu erheben, und die sich entschlössen, mit der mehrmals beschädigten Verfassung in der Hand laut anklagend zwischen den Stühlen zu sitzen, also die regierungsamtlichen Vorbeter des Rechtsradikalismus von Stoiber bis Kanther beim Namen zu nennen?

In den vergangenen Jahren, als die Einheit Deutschlands zu einer neuen, diesmal sozialen Spaltung mißriet, kam es mir oft so vor, als sei diese eine lebendige Demokratie stimulierende Dienstleistung als Daueraufgabe einzig drei älteren Herren namens Jens, Habermas, Grass aufgelastet. Drei austauschbare Namen, mal in dieser, mal in jener Reihenfolge plaziert. Die letzten Mohikaner. Drei bejahrte Musketiere. Also drei Dinosaurier, die einfach nicht anders können. Drei "Ewiggestrige", stand zu lesen. Natürlich weiß ich, daß dem Wort Engagement ein altmodisches, an Mottenkugeln erinnerndes Rüchlein anhängt. Mir ist geläufig, bis zu welchem Kältegrad cool zu sein heute die Mode vorschreibt. Zynisches Verhalten gilt nicht nur als Talk-Show-Gequassel im allabendlichen Sat.1-Programm als telegen. "Nur nicht Farbe bekennen" heißt die Devise. Und von allwissendem Lächeln gekräuseltes Schweigen liegt im Trend. Mag die Zahl der Arbeitslosen mit den Börsengewinnen im Wettstreit liegen, wir verhalten uns distanziert.

Doch frage ich mich, wie soll, bei solch beflissener Zurückhaltung, der amtierenden oder einer wünschenswert neuen Regierung ein wirksames Verbot von Waffenlieferungen in die Türkei und in andere Krisengebiete abgenötigt werden? Wo bleibt der gesellschaftliche Druck, der stark genug wäre, endlich einer modernen und die hier geborenen Ausländer einzubeziehenden Staatsbürgerschaft zur Gesetzeskraft zu verhelfen? Wer hilft mit, den nicht nur mich, nein, uns alle beschämenden Akt legalisierter Barbarei, die Abschiebelager, aus der Welt zu schaffen? Ich weiß keine Antworten auf diese Fragen, es sei denn, die heute noch junge Generation fände alsbald zu ihrem Ausdruck engagierter Bürgerpflicht.