Von Troja nach Vietnam
Jonathan Shay erklärt mit Homers Ilias das Trauma amerikanischer Veteranen
Kriege traumatisieren, nicht nur die Opfer, sondern auch die Täter. Wer die Hölle von Verdun, Stalingrad oder Da Nang überlebt hat, kämpft oft lebenslang mit den Folgen des Traumas - mit Alkoholmißbrauch, Isolation, Neigung zum Selbstmord oder der Unfähigkeit, soziales Vertrauen aufzubauen.
Heute, drei Jahrzehnte nach der Landung amerikanischer Truppen in Vietnam, leiden eine viertel Million Frontveteranen an posttraumatischen Persönlichkeitsschäden. Die Zeit heilt nicht alle Wunden.
Viele der ehemaligen Vietnamsoldaten landen bei Jonathan Shay, Psychiater am Department of Veterans Affairs bei Boston. Mit ihm reden sie über ihre seelischen Ängste und Nöte, über Störungen, die kaum ein Psychiater je kurieren kann. Nun hat sich Shay selbst in einem Buch Luft gemacht. In "Achill in Vietnam" wagt er den Vergleich des Vietnamerlebnisses mit Homers Ilias: Das Geschehen um Troja wird zum Vorbild für den modernen Krieg, der Gesang vom "Zorn des Achill" zur Erklärung des "posttraumatic stress disorder".
Für Jonathan Shay ist Achill der Archetyp des "Berserkers". Der antike Held trauert über den Tod seines Freundes Patroklos und wütet, weil das Prinzip der thèmis verletzt wurde, das Gebot von Sittlichkeit und Ordnung. Das Toben gegen Agamemnons Rechts- und Treuebruch bringt Achill zur Raserei. Ganz ähnlich, argumentiert Shay, reagierten die Vietnamsoldaten, die von ihren Vorgesetzten im Stich gelassen oder zu Kriegsverbrechen gezwungen wurden: Auch bei ihnen führt die moralische Verletzung, das Gefühl, verraten und verkauft zu sein, zum rasenden Berserkertum. Der Zorn des Achill wird zum primären Trauma der Kriegserfahrung.
Eine Metapher für das Verhältnis zwischen Soldat und Armee ist für Shay die sensible Beziehung zwischen Eltern und Kind. Der Verrat von Eltern an der thèmis durch Inzest, Mißbrauch oder Vernachlässigung bringt ein Kind in tödliche Gefahr. Für Soldaten sind Lügen und Beschönigungen der Vorgesetzten und Politiker ein ähnlich starker Vertrauensbruch. Homer zeigt, wie der gute Charakter des Achill durch den Treuebruch geschwächt und zerstört wird. Nach dem Tod des Patroklos verliert Achill seine Menschlichkeit: Er wird zum bestialischen Gott, zur göttlichen Bestie.
Natürlich läßt sich nicht alles mit der Ilias erklären. Homer ignoriert viele Aspekte des Krieges: Entbehrung, Mangel und körperliche Qualen, die Tötung der eigenen Vorgesetzten, Verluste durch "eigenes Feuer" und das Leid der Zivilisten. Als Werk der Dichtkunst ist die Ilias nicht zu soziologischer und historischer Präzision verpflichtet. Aufschlußreich ist der Vergleich mit dem modernen Kriegsgeschehen dennoch. So war vor Troja die Wutphase nur kurz, in Vietnam konnte sie dagegen lange dauern. Und nach dem Krieg tauchte sie im zivilen Leben wieder auf, in Form schwerster posttraumatischer Persönlichkeitsveränderungen.
Vor allem die Dehumanisierung des Feindes schadet der Seele. Während die Griechen die Trojaner als legitime Bewohner einer heiligen Stätte respektierten, wurde im Vietnamkrieg der Feind verteufelt. Die US-Soldaten sahen im Feind die "Gelben", die "Nullen" und "Schlitzaugen". Doch das vergiftete Feindbild schlägt auf den Urheber zurück und verstärkt noch die Traumatisierung.
- Datum 07.05.1998 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 20/1998
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