Kino Schlachtfeld der Leidenschaft

Über den spanischen Regisseur Pedro Almodóvar und seinen neuen Film "Live Flesh - Mit Haut und Haar"

Victor und Elena haben sich die ganze Nacht geliebt, und Pedro Almodóvar hat sie dabei gefilmt. Er hat sie gefilmt als bewegte Landschaft aus Körpern, als zärtliches, unersättliches Tier mit vier Beinen. Im Morgengrauen liegt das Paar friedlich beisammen, nicht Kopf an Kopf, sondern Kopf an Fuß. In diesem Augenblick der Erschöpfung bilden die Hintern von Victor und Elena ein wundersames Herz, ein Herz aus Fleisch.

Die Liebesnacht in "Live Flesh" ist eine der schönsten Sexszenen von Pedro Almodóvar - und eine der wenigen, die zur Zeit überhaupt im Kino zu sehen sind. Der Regisseur sitzt in seinem Produktionsbüro in Madrid und erklärt, wie schwer es ist, ein Filmbild vom Sex zu finden, das natürlich aussieht und dennoch nicht billig. "Während der sexuellen Revolution in den sechziger Jahren glaubten wir, alle Tabus würden verschwinden. Jetzt wissen wir, wie naiv das war. Bis heute erlaubt die Gesellschaft den Menschen nicht, ihre Sexualität auszuleben, und zerstört viele Existenzen. An dem neuen amerikanischen Puritanismus - und nicht nur dem amerikanischen - erschreckt mich außerdem, daß er das Kino mehr beeinträchtigt als die anderen Medien. Amerika hat Angst vor der Macht des Kinos, dem merkwürdigerweise mehr Einfluß auf das Publikum zugetraut wird als dem Fernsehen."

Allein der Name von Almodóvars Produktionsfirma, die er gemeinsam mit seinem Bruder Agustín führt, klingt wie ein Gegenprogramm: El deseo - das heißt unter anderem: "Die Begierde". Auch der Originaltitel seines neuen Films spricht eine deutliche Sprache: "Carne tremula", "Zitterndes Fleisch". Wie alle zwölf Filme des spanischen Regisseurs eröffnet auch dieser einen furiosen Reigen der Begierden, der keine andere Action und keine weiteren Spezialeffekte braucht als das, was Menschen einander vor lauter Leidenschaft antun können.

Victor (Liberto Rabal) und Elena (Francesca Neri) sind einander vor Jahren schon einmal begegnet. Damals lebte Victor auf der Straße und war auf einer Kneipentoilette an die drogensüchtige Diplomatentochter geraten. Ein paar Tage später sucht Victor sie auf, aber Elena verschmäht ihn und bedroht ihn mit einer Pistole. Zwei Polizisten erscheinen - David (Javier Bardem) und sein älterer cholerischer Kollege Sancho (José Sancho), der weiß, daß seine Frau Clara (Angela Molina) ihn mit David betrügt. Im Handgemenge löst sich ein Schuß, der das Schicksal aller fünf Personen in diesem Kammerspiel für immer verändern wird. Was sie miteinander verbindet, ist die Schuld. Ein Komplex aus Lüge und Strafe, Verrat und Sühne - und der Anstrengung, sich aus den Fesseln einer falschen Moral zu befreien.

Almodóvars Melodramen: eine schwarze Serie verzweifelter Passionen. Längst nicht mehr so bonbonbunt und exzentrisch wie in "Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs", erzählen sie bis heute vom "Labyrinth der Leidenschaften" (1982) und vom "Gesetz der Begierde" (1986), vom Schlachtfeld Familie ("Womit hab' ich das verdient?", 1984), von amour fou ("Fessle mich!", 1990) und Einsamkeit ("Mein blühendes Geheimnis", 1995). Die Liebe, ob Schicksal oder Zufall, bleibt zerbrechlich und das Zusammenleben ein gefährliches Abenteuer. Nur daß die Exzentrik sich ins Innenleben der Figuren verlagert hat. Den Kitsch als Schutz vor zuviel Gefühl braucht Almodóvar jetzt nicht mehr.

Fast immer, selbst im Winter, scheint dazu die spanische Sonne und taucht Madrid - seine grauen Sozialbauten genauso wie die schrille Undergroundszene der frühen Almodóvar-Filme - in ein erbarmungslos gleißendes Licht. Almodóvars Kino: eine Frage der Temperatur. Die Körper darin glühen vor Verlangen. In den frühen achtziger Jahren war Madrid die Metropole der Punkbewegung Movida, der Almodóvar als Experimentalfilmer, drag queen, Popsänger und literarischer Schöpfer des Pornostars Patty Diphusa angehörte. Heute stellt die spanische Hauptstadt nur noch ihre Unwirtlichkeit zur Schau. Dem Abrißviertel Ventilla, in dem Victor haust, gönnt Almodóvar einen zärtlichen Klagegesang nach Art des Flamenco. Ein Blues auf die Bausünden der Neuzeit.

Den edlen Wilden im Kreise all der starken, neurotischen Frauen hat einst Almodóvars Lieblingsschauspieler Antonio Banderas verkörpert: er war ein Außenseiter unter Außenseitern, ein Waisenkind, dessen sexuelle und soziale Naivität geächtet wurde. Banderas spielte Antonio in "Das Gesetz der Begierde", jenen Liebhaber eines Erfolgsregisseurs, der seinen Nebenbuhler ermordet. Und er spielte Ricki, den entlassenen Sträfling in "Fessle mich!", der Victoria Abril so lange ans Bett fesselt, bis sie freiwillig bei ihm bleibt.

Als Hollywoodstar ist Banderas für Almodóvar mittlerweile zu teuer. Der Autorenfilmer legt Wert auf niedrige Budgets, die ihm seine Unabhängigkeit garantieren. Deshalb hat Liberto Rabal, der Enkel des Bu¤uel-Schauspielers Francisco Rabal, nun die Banderas-Rolle übernommen: ein reiner Tor mit geschorenem Haar, kantigen Gesten und vernarbter Seele. "All diese Charaktere", sagt der Regisseur, "sind so, wie ich selbst gerne wäre. Sie sind animalisch, aber sie handeln noch in ihrer Gewalttätigkeit vollkommen ehrlich. Weil ihnen nichts gehört, wollen sie wenigstens von ihrem eigenen Leben Besitz ergreifen. Sie erfinden ihr Leben, sind Autoren ihrer eigenen Existenz. Darum beneide ich sie. Leidenschaft bringt Helden hervor - oder Monster." In den Filmen Almodóvars meistens beide zugleich.

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