Wie diese Gesellschaft ihre Jugend verspielt
Generation in Gefahr
Die größte Fortschrittshoffnung ist, daß es den Kindern einmal bessergehen solle als ihren Eltern. In Deutschland haben weite Teile der aktuellen Elterngeneration diese Hoffnung aufgegeben. "Fast die Hälfte der erwerbstätigen Bevölkerung nimmt an, daß die eigenen Kinder den Status der Herkunftsfamilie im Hinblick auf materiellen Wohlstand und soziale Anerkennung nicht erreichen werden", schreibt der Sozialforscher Wilhelm Heitmeyer.
Diese Kinder, diese jungen Leute, sagen wir: bis etwa Dreißig, sind Studenten und Arbeitslose, cabriofahrende Erben und autonome Chaoten, Devisenhändler und Technotänzer, Skinheads, JU-Funktionäre, Fußballprofis und Arzthelferinnen. Niemals zuvor war eine Generation in der Situation, aus einer so großen Zahl von Lebensstilen auswählen zu können; kaum eine war weniger bedroht von Hunger und Krieg; kaum eine Jugend kam sich so überflüssig vor wie die heutige.
Mehr als drei Viertel der unter Dreißigjährigen sehen ihre Zukunft "eher gemischt" oder "eher düster": Dieser deprimierende Befund der Shell-Jugend-Studie '97 reichte im vergangenen Jahr freilich noch nicht aus, um mehr als ein flüchtiges öffentliches Interesse an der Jugend zu wecken.
Wer nichts zu verlieren hat, dem gelten Regeln wenig
Doch der abgeschriebene Fortschritt, das Fehlen von jugendlichem Optimismus, das deuten mehrere Jugendstudien der letzten Jahre an, hat Folgen für alle: Viele junge Menschen verhalten sich apathisch oder verächtlich-distanziert zu einem Gemeinwesen, das doch ihren Schwung bräuchte. Viele pflegen gegenüber ihren Mitmenschen eine egomanische Ellenbogenmentalität. Wer seine Biographie ständig selbst neu erfinden soll, muß halt sehen, wo er bleibt. Eine wachsende Zahl von Kindern und Jugendlichen schließlich spürt die Freiheit der Anomie - wer glaubt, er habe nichts zu verlieren, braucht sich an Regeln nicht mehr zu halten.
Wie eine Gesellschaft der Zukunftslosen aussehen kann, läßt sich schon jetzt auf manchem Schulhof, in der Hardcore-Abteilung der einen oder anderen Videothek und in zahlreichen Hochhaussiedlungen aus den sechziger Jahren beobachten. Was unbefangene Zeitgenossen bereits seit einer Weile zu sehen glaubten, hat jetzt für die Jugendforschung eine kritische Grenze erreicht: Vor einigen Tagen veröffentlichten Soziologen, Erziehungswissenschaftler und Kriminologen unter dem Titel "Zukunftsinvestition Jugend" ein Bildungsmanifest, das politisch intervenieren will und ob seiner Argumente nicht ignoriert werden kann. Klaus Hurrelmann, Wilhelm Heitmeyer (beide Bielefeld), Christian Pfeiffer (Hannover), Roland Eckert (Trier), Jürgen Zinnecker (Siegen) und andere haben die Erkenntnisse ihrer Fächer zur Situation junger Menschen in Deutschland zusammengetragen. Sie zeichnen ein erschrekkendes Bild: nicht einer verlorenen, wohl aber einer in Gefahr geratenen Generation.
Die materielle Situation vieler Kinder (und ihrer Familien) in einem Land, in dem private Haushalte über ein Vermögen von viereinhalb Billionen und Immobilien im Wert von sechseinhalb Billionen Mark verfügen, ist schlecht: Knapp eine Million der rund vierzehn Millionen unter Vierzehnjährigen leben von Sozialhilfe. Die Jugendarbeitslosigkeit, in Deutschland bisher vergleichsweise niedrig, hat sich seit Anfang der neunziger Jahre verdoppelt und liegt nun bei zehn bis zwölf Prozent im Westen, sechzehn bis zwanzig Prozent im Osten: Bundesweit sind wenigstens 600 000 Menschen unter 25 Jahre arbeitslos. Wer länger als ein Jahr ohne Stelle bleibt, droht in die Kaste der "Nichteingliederbaren" abzusinken, die sich vorwiegend aus Haupt- und Sonderschulabsolventen und Hauptschulabbrechern (1996: 80 000) zusammensetzt. Für junge Akademiker sind die Aussichten statistisch besser, doch auch sie schlagen sich nach dem Studium oft mit Teilzeitjobs, befristeten Verträgen, Scheinselbständigkeit, Umschulungen und unbezahlten Praktika durch.
- Datum 07.05.1998 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1998
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