Kinder werden seltsam erwachsen bei uns", sagte meine Großmutter, "sie schießen nicht so in die Höhe wie die schönen blonden Kleinen, das nicht. Unsere Kinder sind noch Knirpse, müssen aber schon Totenwache halten oder sich mit zehn Körnern Gottesgabe am Tag begnügen. Sie haben wenig Zeit zum Spielen. So satt und alt sind ihre Augen, daß man ihnen zur Freude bunte Glasperlen in die Barthaare fädeln würde, hätten sie nur einen Bart."

Der zehnjährige Sohn des Dorfvorstehers Aga Mustafa ist solch ein Kind. Eines Morgens steht er bis zu den Knien im Wasser des Wilden Flusses, auf der Suche nach flachen Steinen zum Aufknacken von Mandelschalen. Da wird er plötzlich am Arm gepackt, es ist Schwester Schako, die ihn vor den Teufelsgruben, den gefährlichen Löchern am Grund, warnt. Ihr Mann und ihre beiden Söhne sind einer Blutfehde zum Opfer gefallen, sie hat ihr Dorf verlassen und wohnt nun, zusammen mit ihren sechs Ziegen, in einem Lehmziegelstall. Eine schöne Freundschaft entspinnt sich da zwischen dieser lebensweisen Frau und dem Kind, das sich bei ihr jeden Morgen nach dem Aufwachen sein mit Rahm bestrichenes Fladenbrot holt.

Eines Abends gesellt sich zu Schwester Schakos Herde ein fremdes Ziegenweibchen mit bernsteinfarbenen Augen und einem weißen Fell wie Seide: Kolo. Obwohl sie ein Weibchen ist, übernimmt sie sehr schnell die Führung der Herde. Nicht nur die Ziegenböcke merken, daß man sich mit ihr am besten nicht anlegen sollte. Denn Kolo ist etwas Besonderes, ein Gast Gottes und der Stolz der Hütte.

Es sind eigenartig realistische und zugleich märchenhafte, kleine Geschichten, die Vedat Dalokay (1927 bis 1991) für seine Kinder aufgeschrieben hat, und es blieb das einzige Kinderbuch des erfolgreichen türkischen Architekten und späteren Bürgermeisters von Ankara, der mit diesen Erinnerungen seiner ländlichen Heimat ein (mehrfach ausgezeichnetes) Denkmal setzte: Szenen aus einem Dorf, unspektakulär und voller Humor, fremd und spannend. Und so sollten sie gelesen werden: ob laut oder leise.

Schwester Schako macht sich Sorgen, weil Kolo wenig Milch gibt. Um sie vom bösen Blick zu heilen, begeben sich die alte Frau und der Junge auf den Weg zu Sultan Hidir, einem Lokalheiligen, der unter dem Purpurfelsen begraben liegt. Sie binden einen Stoffetzen an den Ast des Wunschbaums, doch die Bittgebete helfen nicht. Also suchen sie Hadschi Mustafa, den Dorf-Imam, auf. Kolo überschwemmt den Innenhof des Imams mit ihrem Urin, frißt heimlich dessen Gebetskette und gibt zwei Tage später zwei Eimer bläulichweiße Milch, die nach Thymian und Pelargonien duftet. Sie ist zur Heiligen geworden.

Kurz vor ihrem Tod ruft Schwester Schako den Jungen zu sich, um ihm das Geheimnis des Lebens zu verraten: "Wenn ich sterbe, wird es kein Jahr dauern, bis ich eine Handvoll Erde bin, und ich werde eins sein mit dem Acker und dem Wasser. Ich werde dem Mandelbaum Blüte und der Ölweide Duft sein. Auf der Wiese werde ich Gras sein, und Milch in Kolos Euter. Ich werde im Blut dessen sein, der die Milch trinkt, und ich werde in deinem Fleisch sein."

Man möchte dieses schön gebundene Büchlein nicht aus der Hand legen, die Bilder von Julia Kaergel immer wieder anschauen. Dieses Buch ist ein Kleinod, ein Geschenk Gottes, das man hütet wie seinen Augapfel.