Auf Madagaskar verläuft der Alltag der Bewohner noch sehr gemächlich
Die Insel der Lemuren
In der Zeitung hatte ich gelesen, auf der Avenue de l'Indépendance im Zentrum der Hauptstadt Antananarivo würden Müllhaufen kokeln, Krüppel sich verhungernd durch die Rinnsteine schleppen und Frauen sich an der Straßenecke für eine Mark anbieten.
Rote Flüsse, die durch eine hügelige Landschaft mäandern. Von oben gesehen, macht alles einen äußerst kultivierten, wohlangelegten Eindruck. Die Region ist sehr grün, und in den Talsenken breiten sich Reisfelder aus.
Der Flughafen bietet ein freundliches Bild. Die lästige Devisenerklärung (die alle Reiseführer erwähnen) ist abgeschafft. Madagaskar fährt eine neue Politik der Offenheit, bei der auch Touristen sehr willkommen sind. Niemand beäugt mißtrauisch den einreisenden Fremden, und wenn zehn Mann sich auf seinen Koffer stürzen, so bestimmt nicht, um ihn zu stehlen, sondern nur, um ihn für ein kleines Trinkgeld zum Taxi zu tragen.
Der gesamte Bereich um die Avenue de l'Indépendance wurde von japanischen Städtebauern umgestaltet. "Effacer tout et recommencer à zéro" - so die neue Parole des alten Präsidenten Didier Ratsiraka. Alles löschen und bei Null wieder anfangen.
Präsident Didier Ratsiraka hat die Wandlung vom Sozialisten zum Kapitalisten geschafft. Böse Zungen behaupten, daß er sowieso nie etwas anderes als ein Machtpolitiker war. Andere sagen, daß die sozialistische Phase notwendig gewesen sei, um die Franzosen (und ihren großen Einfluß) loszuwerden. Vorsichtige Kritik am Präsidenten, zum Beispiel, daß sein Regime zu sehr auf seine Person bezogen sei, ist jetzt zulässig. Zu dick wird's eh nicht kommen, denn die größte Zeitung gehört dem Außenminister. Als für zwei Jahre Albert Zafy als gewählter Präsident an der Macht war, verteuerten sich Reis und andere Lebensmittel so sehr, daß sich bei der nächsten Wahl erneut Didier Ratsiraka durchsetzte. Er regiert das Land damit - bis auf das kurze Interim - seit 1975.
Das "Hotel de Paris" liegt an der Avenue de l'Indépendance schräg gegenüber vom Büro der Air Madagascar. Die Arkaden sind mit Stahlgittern gesichert worden. Die zusätzlichen Trennwände im Café zur Straße hin sind innen verspiegelt, so daß der Tourist sich selber sieht, während ihm durch Lücken im Zaun Tischdecken, Blumensträuße, Segelschiffe, Hosengürtel, Küchengewürze, Fachzeitschriften für Geländefahrzeuge und Le Monde von gestern angeboten werden.
Antananarivo arbeitet daran, sein schlechtes Image loszuwerden. Der Park am Ende der Treppe vom Zooma-Markt zur Oberstadt ist schon ein Muster an Gepflegtheit. Security hält böse Buben und leichte Mädchen raus. Aber zwei Schritte außerhalb stürzen sich bettelnde Kinder und alle Verkäufer auf den vaza. Alle Fremden sind reich, sagt ein Halbwüchsiger im Vorübergehen. Im Hotel verschwinden beim Lichteinschalten die Kakerlaken blitzschnell hinter dem Badezimmerspiegel. Wir sind in den Tropen.
- Datum 07.05.1998 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1998
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