Aus der Diskussion: Alterssicherung in Deutschland, Japan und den Vereinigten Staaten

Das gemeinsame Problem: Die Gesellschaft wird älter. Radikaler Wechsel oder Anpassung?

Horst Köhler: Die Alterssicherungssysteme in der Triade sind unterschiedlich aufgebaut. In Deutschland dominiert das Umlageverfahren, bei dem die aktuelle Erwerbstätigengeneration mit ihren Rentenversicherungsbeiträgen die Leistungen an die Rentnergeneration finanziert. In Japan erhalten alle Menschen eine Grundrente vom Staat, die aus Beiträgen der Zwanzig- bis Sechzigjährigen und aus staatlichen Zuschüssen finanziert wird; daneben spielen vor allem betriebliche Pensionsleistungen eine Rolle. Im Gegensatz dazu kommt in den USA dem Kapitaldeckungsverfahren eine sehr viel größere Bedeutung zu. Dort werden Beiträge teilweise angespart und zu einem Vermögen aufgebaut, aus dem die künftigen Rentenansprüche finanziert werden. Alle Systeme stoßen auf Finanzierungsschwierigkeiten.

John Kornblum: Die Sozialversicherung der USA hat sich nicht wesentlich gewandelt, seit Roosevelt sie ins Leben rief. Aber wenn alles so bleibt, wie es ist, werden die Versicherungssysteme ihre Leistungen nicht mehr bezahlen können. Präsident Clinton will daher die zu erwartenden Haushaltsüberschüsse zur Stärkung des Sozialversicherungssystems einsetzen.

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Brian Coyne: Der US-Haushalt ist ausgeglichen, die Wirtschaft stark, aber wir warten nicht auf den Tag, an dem es regnet, um das Dach auszubessern. Wir haben jetzt einen wunderschönen Sonnentag, und an dem sollten wir uns mit der Sozialversicherung auseinandersetzen. Weil wir die Veränderungen jetzt durchführen, weil wir schon heute versuchen, das bestmögliche Sozialsystem für künftige Generationen von Amerikanern zu erreichen, können wir dramatische Veränderungen später vermeiden.

Seizo Matsumoto: Noch 1992 schätzten wir, daß der Beitrag für die Hauptrente der japanischen Arbeitnehmer bis zum Jahr 2025 auf 29,8 Prozent des Monatsgehalts steigen wird. Auf Basis neuer Bevölkerungsstatistiken und Prognosen des Jahres 1997 wird geschätzt, daß die Rentenbeiträge künftig auf gut 34 Prozent erhöht werden müssen. Das kann niemand mehr verkraften.

Tetsuo Kondo: Für den Bestand des Systems haben wir bisher Wachstum voraussetzen können, auch ein Wachstum der Population. Wir müssen jetzt überlegen, was wir angesichts niedriger Geburtenraten und mehr älterer Menschen tun können. In der alternden Gesellschaft leben mehr alte Menschen, die noch gesund und energiereich sind - und überdies befreit von Erziehungszwängen oder finanziellen Verpflichtungen wie dem Abbezahlen des Eigenheims. Diese Älteren, die qualitativ gute Arbeit leisten können, müssen wir effektiv einsetzen.

Joseph Quinn: Für viele Amerikaner ist der Ruhestand ein Prozeß. Es sind meist mehrere Schritte von der Vollzeitbeschäftigung bis zum Ruhestand. Dazwischen steht Teilzeit- oder selbständige Arbeit. Hinzu kommt, daß ein Drittel der Amerikaner, die bereits Rente beziehen, auch noch eigene Einkünfte haben, sehr viel mehr als in der Bundesrepublik. Diese Kombination zwischen Einkünften und Renten führt dazu, daß die Menschen nicht so leicht in die Armut abgleiten. Den Zwangsruhestand haben wir abgeschafft. Und wenn von Alterslast die Rede ist, dann ist das doch eine erfreuliche Nachricht: Die Menschen sind gesünder und leben länger.

Ursula Lehr: Der Vorruhestand, der uns die sogenannte Alterslast aufbürdet, wurde nicht zugunsten und auf Wunsch der Älteren eingeführt, sondern damit die Jüngeren einen Arbeitsplatz bekommen. Nun dürfen die Jüngeren den Älteren nicht vorwerfen, daß sie eine Rentenlast darstellen. Sicherlich wäre der 76jährige, der bei McDonald's arbeitet, ein Problem. Aber vielfach werden bestimmte Tätigkeiten, etwa die Arbeit als Parkplatzwächter, nur deswegen übernommen, damit man sich nicht nutzlos fühlt. Auch das hat mit der Lebensqualität im hohen Alter zu tun.

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