Als Herbert Marcuse vor neunzehn Jahren in Starnberg starb, hatte er den Zenit seines Ruhmes überschritten. Heute scheint er fast vergessen. Bei einer Durchsicht der Vorlesungsverzeichnisse und Literaturlisten deutscher Universitäten sucht man vergeblich nach den Büchern, die vor dreißig Jahren die studentische Intelligenz in Berkeley, Paris und Berlin auf die Barrikaden trieben. Der Suhrkamp-Verlag gibt sich keine erkennbare Mühe, die vor Jahren begonnene Gesamtausgabe seiner Schriften zu Ende zu führen. Nun erinnert der Frankfurter Publizist und Soziologe Peter-Erwin Jansen mit einer kleinen Sammlung unveröffentlicher Texte an Marcuses bevorstehenden hundertsten Geburtstag. Es fügt sich in die beschriebene Symptomatik, daß dieses Buch im Verlag zu Klampen erscheint. Dieser Verlag pflegt das Erbe der kritischen Theorie mit mäzenatischem Einsatz, ohne jede Rücksicht auf kulturindustrielle Marktgängigkeit.

Das Buch "Feindanalysen - Über die Deutschen" versammelt Texte, die im Zusammenhang stehen zu Marcuses Tätigkeit im Office of Strategic Services, einer Unterabteilung des amerikanischen Geheimdienstes. Für ein Publikum, das Marcuse nur als Stichwortgeber einer Studentenbewegung kannte, die sich in Reaktion auf den Vietnamkrieg gebildet hat, mag es pikant erscheinen, daß ein kritischer Theoretiker für den amerikanischen Geheimdienst gearbeitet hat.

Kennern ist dieser Zusammenhang vertraut, und bekannt ist auch, daß Marcuse dieser Episode seiner Biographie wenig Bedeutung beimaß. Allenfalls bedauerte er, daß die amerikanischen Besatzungsmächte sich nicht an seine Vorschläge gehalten haben.

Im Zentrum des Buches steht der Text "Die neue deutsche Mentalität - Memorandum zu einer Untersuchung über die psychologischen Grundlagen des Nationalsozialismus und die Möglichkeiten ihrer Zerstörung". Marcuse charakterisiert die Mentalität der Deutschen zunächst durch das Merkmal einer "uneingeschränkten Politisierung"

die Nationalsozialisten hätten alle Grenzmarkierungen zwischen privaten und öffentlich-politischen Sphären der Gesellschaft niedergerissen. Weiterhin attestiert er den Deutschen eine "uneingeschränkte Desillusionierung"

das propagandistische Trommelfeuer hätte sie dazu gebracht, jeder normativen Rechtfertigung von Politik zu mißtrauen. Daraus ergibt sich für Marcuse auch ihre "zynische Sachlichkeit"

der allgegenwärtige Terror des Regimes fördert bei den Menschen eine Einstellung, in der ausschließlich technisch-rationale Maßstäbe wie Geschwindigkeit, Geschicklichkeit, Energie, Organisation, Energie und Effizienz Geltung haben.