Der Satz des Schauspielers Josef Bierbichler: "Ohne die Fähigkeit, der Gesellschaft Wut- und Schmerzensschreie zu entlocken, kann Theater einpacken", trifft zwei Wahrheiten in der Debatte über den heutigen subventionierten Kulturbetrieb.

Die erste Wahrheit ist debattenintern, wenn Sigrid Löffler in der ZEIT Nr. 17/98 Bierbichler zitiert, um Ulrich Greiners Wutschrei gegen die lasche Selbstgenügsamkeit des träge gewordenen Staatstheaters als Lebensbeweis für das Theater zu werten.

Ulrich Greiner klagt die "Ernsthaftigkeit, die sich den Nöten der Epoche und ihrer Kunst willentlich aussetzt", ein, Sigrid Löffler verteidigt zwar die Notwendigkeit von Subventionen für Kultur, glaubt aber dennoch, daß die öffentlich geförderte Theaterkultur ihren "Zenith überschritten" habe. Darf sich, angesichts dieser Debatte, die Politik nun getrost zurückziehen und die Theater und Kulturinstitutionen dem Zauberfaktor Markt überantworten?

Wir müssen zwei zentrale und scheinbar gegensätzliche Bereiche der Debatte voneinander trennen: zum einen die Frage nach der gesellschaftlichen Bedeutung der Künste, die den Staat in die Verantwortung nimmt, für die kulturelle Basis der Gesellschaft zu sorgen; und zum anderen die Frage nach den organisatorischen und geschäftlichen Strukturen der Kulturinstitutionen, die als Produktionsunternehmen in Management und Marketing den Bedingungen eines effektiven Wirtschaftsunternehmens Genüge leisten müssen. Es ist ein landläufiges Vorurteil, daß große Kultureinrichtungen unbewegliche, wirtschaftlich ineffektive Apparate seien, in deren Getriebe Unsummen versickern, ohne daß es dem Endprodukt Kunstwerk anzumerken wäre. Richtig daran ist, daß tatsächlich ein Großteil der Etats in festen Personalkosten steckt. Die großen Theater sind große Arbeitgeber im nichtkünstlerischen Bereich.

Falsch ist es, zu glauben, die Kunst ließe ihren Marktwert nicht sehen und hören: Eine exzellente Beleuchtung und Bühnentechnik, das Können teurer Weltklassekünstler sind sichtbar und hörbar. Noch falscher ist der Vorwurf, Kulturinstitute könnten nicht solide wirtschaften, weil die Künstler kein Verhältnis zum Geld hätten.

Dazu allerdings muß die Politik, die Kulturpolitik, die Voraussetzungen schaffen. Sind die Theater mit gleichberechtigter künstlerischer und kaufmännischer Geschäftsführung und mit Aufsichtsräten besetzt, die mit wirtschaftlicher Kontrollkompetenz handeln, dann ergibt das eine durchaus effiziente Struktur. Eine der wichtigsten wirtschaftlichen Bedingungen ist die Chance, alle erzielten Einnahmen behalten und weiterverwenden zu dürfen. Es kommt für die Kultureinrichtungen darauf an, die Attraktivität des Angebotes zwischen Nachfrage und künstlerischem Experiment flexibel zu gestalten. Es muß erfolgreiche Produktionen geben, die auch zu vermarkten sind, um andere, schwer zugängliche Produktionen zu ermöglichen. Die Leitungen der Häuser müssen sich als Unternehmer verstehen, die mit ihren Pfunden wuchern.

Der Wert des Produkts "Kunst", das diese Unternehmen erzeugen, ist schwerer kalkulierbar als derjenige von marktüblichen Handelsartikeln oder Dienstleistungen, für deren Markttauglichkeit auch Tests möglich sind. Die "Knüller" im Kunstbereich entstehen aus dem künstlerischen Spielraum heraus, dessen ihre Entwicklung aber auch bedarf.