Eine schrecklich nette Familie

Auf ihrer Jahrestagung formiert sich die Atombranche zur Abwehrgemeinschaft gegen Angsthasen von Nils Klawitter

Wenn Dieter Simonsen für das Kammerorchester der deutschen Energiewirtschaft Geige spielt, dann geht es um mehr als um Musik. "Wir sind Anhänger der Kernenergie und möchten dafür Reklame machen", sagt er. Deshalb spielt die "Camerata Nucleare" zur Eröffnung der Jahrestagung der Kerntechnik in München Antonio Vivaldi. Dieter Simonsen streicht eine von ihm selbst gebaute Geige. Seit die Siemens-Tochter Interatom 1994 abgewickelt wurde und ihn in den Vorruhestand schickte, hat er Zeit, Instrumente zu bauen.

Interatom und er seien "Opfer der nordrheinwestfälischen Energiepolitik", sagt der hagere Hochbauingenieur, und: "Ohne Siemens hätte ich von Sozialhilfe leben können."

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Wenn Simonsen über Kernenergie redet, spricht er von "wir" und "uns", und die Tagungsteilnehmer werden zur Familie, zur Abwehrgemeinschaft gegen irrationales Mißtrauen einer ahnungslosen Gesellschaft. "Wir haben uns bemüht, zur Kerntechnik zu forschen. Für uns ist das, was jetzt passiert, zum Lachen."

Welch ein Zufall - gerade jetzt, da die Kernenergie eine neue Vertrauenskrise meistern muß, sammelt sich die Atomfamilie zum Jahrestreffen. Und soll aller Welt die erhöhte Strahlung der Transportbehälter erklären. Wilfried Steuer tut das so: "Dös is, wie wenn 's Auto aus der Wäsch' kommt, da is' halt mal ein Tropfen drin." Steuer ist Präsident des deutschen Atomforums, des Dienstleisters der Atomindustrie, und Vorstandsvorsitzender der Energieversorgung Schwaben. Er ist promovierter Agrarwissenschaftler, war Landwirtschaftsminister in Baden-Württemberg und hat sich am Dienstag morgen vor seiner Eröffnungsrede gedacht: "Das Thema mit dem Transport mußt du gleich bei den Hörnern packen." Steuer gibt den Bauern unter den Stromchefs in Deutschland ab. Hauptsache, jeder merkt: Der Württemberger läuft zur Höchstform auf. Er ist der Mann fürs Grobe und Grundsätzliche, und diesmal entschuldigt er sich im Namen der deutschen Atomindustrie bei Frau Merkel, "der engagierten Fürsprecherin unserer Sache". Dann folgt Steuers Pflichtprogramm, die übliche Schelte: Man könne sich in dieser Republik, außer in Bayern, nicht mehr auf die Gerichte verlassen, es würde verweigert, verzögert und verhindert - "Kalkarisierung" des Landes nennt Steuer das.

Vor dem Saal schenkt ein junger Angestellter der französischen Nuklearfirma Cogema Champagner für die gekränkten Angestellten der Atomwirtschaft aus. Bei ihnen, dem technischen Mittelbau der Energieversorger, sollen die Informationen über erhöhte Strahlenbelastung der Transporte jahrelang zwischengelagert worden sein. Erwin Haydn, Sprecher der Bayernwerk AG, muß lange über die Frage nachdenken, ob eine Selbstkontrolle der Atomindustrie funktionieren kann. Wohl schon, meint er, aber es sei nun fast im eigenen Interesse, kontrolliert zu werden. Haydn ist am Mittwoch vergangener Woche eingefallen, daß es für die strahlenden Behälter keine Meldepflicht der Unternehmen gab, und das erzählte er ganz cool in der "Tagesschau". "Ich war erleichtert, als ich das entdeckt hatte", sagt er nun. Pflichten hätten seine "gewissenhaften Mitarbeiter" aber nicht verletzt, es sei ja niemand gefährdet worden. "Sauber wie Hundezähne" hätten die Transporte die Kraftwerke verlassen.

Bis Donnerstag wird sich die Atombranche auf der Jahrestagung zureden. Mit Vorträgen zur Nachhaltigkeit und Entladesicherheit wird sie ihren Mitarbeitern zeigen, daß sie nicht für die falsche Sache arbeitet, und sie wird Menschen Mut machen. Solchen, die für die Sache der Kernkraft standen und denen die Politik übel mitgespielt hat. Menschen wie Dietrich Schwarz. Er ist Maschinenbauer und arbeitet für den Stromversorger VEW in Dortmund. Er gehört, sagt er, "zu den bestinformierten Menschen der Welt auf dem Gebiet des Hochtemperaturreaktors". Sein Baby, der Reaktor in Hamm-Uentrop, wurde von einer grünen Ministerin beerdigt. "An meinem 55. Geburtstag haben sie den Kühlturm gesprengt", sagt Schwarz leise. Er hat sich das damals achtmal im Fernsehen angeschaut und dachte: "Die zerstören mein Lebenswerk." Anfang der neunziger Jahre wurde der Unternehmensbereich Kernkraftbau bei VEW eingestellt. Schwarz bekam eine Honorarprofessur an der Universität Dortmund und wurde bei VEW befördert - zum Leiter des Referats Sonderaufgaben. "Aber ich sag' Ihnen das so, wie es ist: Ich bin Assistent der Geschäftsleitung."

Dann sagt er noch: "Ich hab' mehr Vergangenheit als Gegenwart."

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