Am Anfang war Castor. Kaum im Amt, wies Angela Merkel - wie schon ihr Vorgänger im Bonner Umweltressort - die niedersächsische Landesregierung an, die Tore des heiß umkämpften nuklearen Zwischenlagers Gorleben zum ersten Mal für eine Fuhre atomaren Mülls zu öffnen. Tagelang flimmerten Bilder von Polizeieinsätzen über die Fernsehschirme. Am 25. April 1995 erreichten die monströsen Behälter mit dem strahlenden Abfall aus dem badischen Atommeiler Philippsburg ihr Ziel. 4000 Demonstranten aus dem gesamten Bundesgebiet hatten den Transport verhindern wollen - vergeblich. Am Ende rollte der Castor, Angela Merkel hatte über die Atomgegner obsiegt. Es sollte ein Pyrrhussieg sein.

Seit Mittwoch vergangener Woche fühlt sich Merkel selber als Opfer der Nukleargemeinde. Sie tat, was die Antiatombewegung gern getan hätte: Sie stoppte sämtliche Atommültransporte, jedenfalls vorläufig. Jahrelang, so mußte die der Atomenergie bisher so wohlgesinnte Ministerin erfahren, hatten die Meilerbetreiber sie im unklaren darüber gelassen, daß beim Transport des Strahlenmülls nicht alles mit rechten Dingen zuging. Auf wundersame Weise waren viele Atomtransporte bei ihrer Ankunft in den atomaren Wiederaufarbeitungsfabriken La Hague und Sellafield stärker radioaktiv verseucht als bei ihrer Abfahrt aus Deutschland - teilweise 3000mal stärker als erlaubt (siehe Seite 16: "Mit Kondom und Silikon"). Ein technisches Phänomen. Und ein politischer Skandal.

Die zunächst rätselhafte Erscheinung bescherte der Atomgemeinde ihren politischen GAU. Obwohl bisher kein Fall bekannt geworden ist, daß durch die Überschreitungen des Grenzwertes tatsächlich Leib und Leben von Menschen gefährdet wurden, bezichtigte der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft die Atomindustrie des "menschenverachtenden Verhaltens". Derweil hat die Verschwiegenheit der Nuklearlobby, jahrelang mit teuren Anzeigenkampagnen um Imagepflege bemüht, den Erklärungsnotstand beschert. "Ich weiß nicht, wie ich in der Öffentlichkeit damit umgehen soll", bekennt Erwin Münch, der oberste PR-Mann des Stromkonzerns RWE Energie AG (siehe Seite 18: "Eine schrecklich nette Familie"). Und selbstverständlich nutzt die Opposition in Bonn vier Monate vor der Bundestagswahl die Gunst der Stunde und sägt am Stuhl von Angela Merkel (siehe Seite 16: "Auf Stütze"). Tatsächlich hatte Bundeskanzler Helmut Kohl nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986 das Ökoressort im Kabinett vornehmlich mit einem Ziel geschaffen: dem verunsicherten Volk das Gefühl zu vermitteln, die Risikotechnologie sei hierzulande voll unter Kontrolle.

Fehlanzeige. Alles außer Kontrolle. Greenpeace erstattete gegen praktisch das gesamte deutsche Atom-Establishment Strafanzeige. Die Zuverlässigkeit der Betreiber steht auf dem Prüfstand. Je länger kein Atommüll verschickt werden darf, desto näher rückt der Zeitpunkt, da die Meiler wegen fehlender Entsorgung abgeschaltet werden müssen.

Es begann am letzten Freitag im April, eben fast auf den Tag genau drei Jahre nach Merkels Sieg in Gorleben. Ein Beamter der französischen Aufsichtsbehörde für Nuklearsicherheit (DSIN) griff zum Telefon und wählte die Nummer des Bonner Umweltministeriums. Die gleichzeitig dem französischen Umwelt- wie dem Industrieministerium unterstehende Behörde, bis dato nur für die Überwachung der französischen Atomanlagen zuständig, war kurz nach dem Antritt der Linkskoalition von Regierungschef Lionel Jospin beauftragt worden, auch die Mülltransporte nach La Hague zu kontrollieren. Genaues wisse man zwar noch nicht, ließ der französische Beamte seinen Gesprächspartner in Bonn wissen, aber man habe bei Transporten in die atomare Wiederaufarbeitungsanlage Unregelmäßigkeiten entdeckt. Behälter und Waggons strahlten stärker als erlaubt. "Es sind auch ein paar Fälle von Euch dabei", sagte der Franzose. Von 14,8 und 22 Becquerel statt der erlaubten 4 Becquerel war die Rede.

Die Information sorgte in Bonn zunächst nur für Verwirrung, auch wegen des Sprachproblems. "Wir haben nicht richtig verstanden, was genau gemeint war", sagt Gerald Hennenhöfer, Leiter der Abteilung Reaktorsicherheit in Merkels Ministerium. Fest stand nur, daß die Franzosen offenbar ein Problem hatten. 35 Prozent ihrer Atommülltransporte waren kontaminiert. Während die grüne Umweltministerin Dominique Voynet von Gesundheitsgefährdungen sprach, wiegelte das Industrieministerium ab.

Der Bonner Abteilungsleiter Hennenhöfer verfolgte den innerfranzösischen Streit noch gelassen. Bis ihn am 12. Mai die Meßprotokolle des WAA-Betreibers Cogema erreichten. Sauber hatten die Franzosen Buch darüber geführt, mit welcher radioaktiven Belastung Behälter und Eisenbahnwaggons in Valognes ankamen, wo die Fracht für die letzten dreißig Kilometer auf Lastwagen verladen wird. 68 Transporte aus deutschen Kernkraftwerken waren seit Anfang 1997 in dem Städtchen in der Normandie eingetroffen, 16 davon mit zum Teil weit überhöhter radioaktiver Verschmutzung. Der Spitzenwert betrug 13 400 Becquerel. Als gut eine Woche später Angela Merkel die Abgesandten der Atomkraftwerksbetreiber zu sich einbestellte, mußten die gestehen, das Problem schon seit Mitte der achtziger Jahre zu kennen.