Die Juden hätten 1933 den Deutschen den Krieg erklärt, schreibt Jan van Helsing in seinem zweibändigen Werk "Geheimgesellschaften". Deshalb hätten die Juden "allerhöchstens ein Anrecht auf ein Stück Land irgendwo in Rußland". Selber schuld seien sie am wiedererstarkenden Antisemitismus: Der israelische Geheimdienst Mossad finanziere "größtenteils die deutsche Neonazi-Szene". Helmut Kohl, enthüllt Helsing, sei Mitglied eines jüdischen Geheimbundes. Als Sohn jüdischer Eltern geboren, habe sich "Henoch Kohn" später taufen lassen und "den deutschklingenden Namen Kohl" angenommen.

Die "Geheimgesellschaften", 700 Seiten stark, erschienen 1995 im Ewert-Verlag, der auf Gran Canaria und im nordrhein-westfälischen Lathen residiert. Binnen Wochen wurden mehr als 100 000 Exemplare verkauft, das Stück zu 45 Mark: ein Bestseller, ein Millionengeschäft.

Im Mai 1996 ließ die Staatsanwaltschaft Mannheim den Lagerbestand beschlagnahmen und leitete ein Strafverfahren wegen Volksverhetzung ein. Dabei kam Überraschendes heraus: Der Autor Jan van Helsing heißt mit bürgerlichem Namen Jan Udo Holey und gehörte einst zur Punkerszene im baden-württembergischen Crailsheim. Dort hatte er einmal für Aufsehen gesorgt, als er auf dem Rathausplatz eine Deutschlandflagge verbrannte. Das Pseudonym Jan van Helsing hat sich der 32jährige bei der Hauptfigur aus Bram Stokers "Dracula"-Roman geborgt, um in einer Mixtur aus Hitlers "Mein Kampf", wilder Science-fiction und Schwarzer Magie ungestraft vor einer "jüdischen Weltverschwörung" warnen und den Holocaust leugnen zu können.

Den Vertrieb des Buches organisierte federführend Uli Heerd vom Michaels-Verlag im bayerischen Peiting. Er saß bis vor kurzem für die Grünen im Kreistag. "Zu dem Helsing-Buch gebe ich keinen Kommentar mehr", sagt Heerd jetzt. "Wir haben es nicht mehr im Angebot. Dafür haben wir jetzt andere Bücher, die sich mit Machtmißbrauch beschäftigen."

Bei Esoterikmessen werden derweil die "Geheimgesellschaften" weiterhin verkauft - unter dem Ladentisch. Bei der Leipziger Buchmesse im März dieses Jahres bot der Ewert-Verlag das Buch sogar offen an, jedoch in englischer und französischer Sprache, um sich so dem Zugriff der Staatsanwaltschaft zu entziehen.

Den Käufern, die sich sonst für Bachblütentherapie, Hellseherei und heilende Steine interessieren, scheint es egal zu sein, daß der Bestseller ins Visier der Justiz geraten ist. "Nur wer sich mit Esoterik nicht auskennt, kriegt das in die falsche Kehle", sagte in Leipzig eine Helsing-Anhängerin, die ihren Namen nicht nennen wollte.

"Drei Millionen Reichsdeutsche" sollen sich im Erdinnern versteckt halten