Gensoja und Genmais müssen gekennzeichnet werden
Nur gut zum Schein
Der Vorschlag aus Brüssel klingt eindeutig und begrüßenswert: Lebensmittel, die Gensoja oder Genmais enthalten, müssen gekennzeichnet werden. Das hat die EU-Kommission vergangene Woche entschieden. Die Produkte sollen mit dem Hinweis versehen werden: "Aus genetisch verändertem Soja/Mais hergestellt".
Das Votum bedeutet eine Niederlage für Martin Bangemann. Der deutsche EU-Kommissar hatte nämlich lange für eine andere Formulierung plädiert: "Kann genetisch veränderten Mais/Soja enthalten". Schließlich aber lenkte Bangemann ein, denn die Kommission verwarf seine verwirrende und unsinnige "Kann"-Version.
Nach langem Gerangel scheinen die Dinge nun endlich im Sinne der Verbraucher geregelt. Doch wie immer, wenn es in Brüssel um gentechnisch veränderte Nahrungsmittel geht, liegen sie etwas komplizierter. Der Beschluß betrifft keinesfalls alle gentechnisch veränderten Pflanzen, sondern nur zwei Produkte, und zwar eine Sojasorte des amerikanischen Unternehmens Monsanto und einen Mais des schweizerischen Multis Novartis. Die zwei Gensorten wurden noch vor dem Mai 1997 in der EU zugelassen und fallen deshalb nicht unter die Novel-food-Verordnung, die damals zwar in Kraft trat - die konkreten Ausführungsbestimmungen lassen aber bis heute auf sich warten. Eine spezielle Regelung mußte also her.
Außerdem kann keine Rede davon sein, daß der Verbraucher künftig im Supermarkt den Durchblick haben wird. Denn neunzig Prozent aller Produkte, die Bestandteile aus gentechnisch verändertem Soja oder Mais enthalten, müssen - trotz der neuen Bestimmung - nicht gekennzeichnet werden. Unternehmen wie Monsanto begrüßen deshalb die Entscheidung der Kommission.
Öle aus Soja und Mais sowie Maisstärke sind von der Etikettierung ausgenommen, weil man in ihnen verändertes Erbgut und manipulierte Proteine gar nicht nachweisen kann. Ebenfalls ohne Kennzeichnung bleiben sogenannte Additive. Das sind Zusatzstoffe in geringen Mengen. Lecithin aus Gensoja zum Beispiel unterscheidet sich biochemisch überhaupt nicht von Lecithin aus herkömmlichen Pflanzen.
Daß der Rohstoff nach Ansicht der EU-Kommissare folgerichtig nicht gekennzeichnet werden muß, leuchtet zwar ein. Die europäischen Verbraucher aber, die Genlebensmittel mehrheitlich kategorisch ablehnen, können so nicht erkennen, ob beispielsweise Schokolade Lecithin oder andere Rohstoffe enthält, die aus einem manipulierten Gewächs stammen.
Nur wenn gentechnisch veränderte Pflanzen und ihre Bestandteile vom Acker bis zum Teller von natürlichen Produkten getrennt und entsprechend gekennzeichnet würden, könnten die Verbraucher wirklich entscheiden, ob sie die Gentechnik in der Landwirtschaft akzeptieren oder nicht.
- Datum 28.05.1998 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1998
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