Die Architektin

Der Berliner Architekt Hans Kollhoff ist einer der großen Baumeister im Land. Er gehört zum Kreise derer, die die Hauptstadt Berlin entwerfen. Die Neugestaltung des Alexanderplatzes wird seine Aufgabe sein: Kollhoff will das Geviert mit Hochhaustürmen umstellen. Am Potsdamer Platz wächst ein hundert Meter hohes Kollhoff-Gebäude. Nicht weit davon baut Kollhoff für das Kölner Bankhaus Delbrück. Beim Brandenburger Tor entsteht gerade ein mehrstöckiges Geschäftshaus von Hans Kollhoff. Auch der Staat zählt zu seinen Auftraggebern. Kollhoff baut die ehemalige Reichsbank in Berlin zum Auswärtigen Amt um, Bausumme: rund 300 Millionen Mark.

Dem Büro muß es gutgehen. Die Bauten von Professor Kollhoff sind berühmt.

Weniger glanzvoll geht es hinter der Fassade seines Architekturbüros zu. Die Bausummen vieler Kollhoff-Gebäude sind hoch, die Honorare seiner Mitarbeiter oft nicht. Hannelore Müller (Name geändert) bekam einen Vertrag als freie Mitarbeiterin, wie ihn auch andere junge Architekten bei Hans Kollhoff erhielten. Darin steht, daß sie Ort und Zeit ihrer Arbeit selbst bestimmen könnte. Und auch, daß es ihr ausdrücklicher Wunsch sei, in ein Vertragsverhältnis als freie Mitarbeiterin zu treten.

Beides ist falsch. Tatsächlich ist Hannelore Müller wie eine Angestellte beschäftigt: Sie arbeitet ausschließlich für Kollhoff, hat in seinem Büro einen eigenen Schreibtisch, eine telephonische Durchwahlnummer und ist auf die Infrastruktur von Kollhoffs Büro angewiesen. Sie muß, wie andere freie Kollegen auch, schriftlich Urlaub beantragen, wenn sie einmal nicht im Büro erscheinen will. Ist viel zu tun, berichten Mitarbeiter, verhänge Kollhoff Urlaubssperre über die gesamte Mannschaft. Sie berichten ferner, daß immer wieder ein Full-time-Freier bei Kollhoff um Festanstellung gebeten habe und hingehalten oder abgewimmelt worden sei.

Hannelore Müller ist bei Kollhoff also als Scheinselbständige beschäftigt. Sie ist de facto eine Arbeitnehmerin, für die der Arbeitgeber keine Sozialversicherungsbeiträge abführt. Der Stararchitekt Hans Kollhoff spart sich so nicht nur die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, den Arbeitgeberanteil für die Renten-, Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung, sondern auch die Vorhaltekosten, das heißt den Kündigungsschutz. Er kann jeden der freien Mitarbeiter ohne Angabe von Gründen zu jedem Monatsende feuern. Was Kollhoff tut, ist nicht legal. Der Kölner Rechtsanwalt Jürgen Kunz hat in einem Architektenrechts-Report zusammengetragen, welche Gesetze ein Arbeitgeber verletzt, der Mitarbeiter in dieser Art beschäftigt. Er verstößt gegen
das Kündigungsschutzgesetz,
das Einkommensteuergesetz,
das Sozialgesetzbuch,
das Strafgesetzbuch und
die Abgabenordnung.

Der Mann, der im Berliner Außenministerium Steuermillionen verbaut und wohl auch verdient, bringt gleichzeitig den Staat um die Sozialversicherungsbeiträge ihm anvertrauter Untergebener. Zwar klopft die SonderprüfstelleBundesbaustellen Bauarbeiter auf staatlichen Baustellen in Berlin nach Mindestlohn und Sozialversicherung ab. Doch nach regelwidrigen Gepflogenheiten in den Planungsbüros derselben Baustellen, nach den Löhnen und Sozialversicherungsbeiträgen der Architekten, fragt der Staat als Bauherr nicht.

Als Hannelore Müller, die keine akademische Berufsanfängerin ist, freie Mitarbeiterin im Architekturbüro Kollhoff wurde, bekam sie eine Honorarpauschale von 3500 Mark im Monat. Davon mußte sie Steuern und Sozialversicherungsbeiträge selbst abführen. Ihr blieb ein monatliches Nettoeinkommen von etwa 1800 Mark übrig. Dafür saß sie mit anderen jungen Architekten, die ähnlich schlecht bezahlt waren wie sie, bis zu siebzig Stunden in der Woche am Zeichentisch oder am Computer, oft bis tief in die Nacht und häufig auch am Wochenende. Kollhoff, so berichten Leute, die sich in seinem Büro auskennen, pflegt große Projekte mit wenigen Mitarbeitern durchzuziehen. Meist würden Überstunden weder bezahlt noch in Freizeit abgegolten. Hannelore Müller verdiente später etwas mehr, aber ihr Honorar ist während der ganzen Zeit ihrer Tätigkeit im Büro Kollhoff nie so hoch gewesen, daß sie - umgerechnet auf die Arbeitszeit - mehr als sechzehn Mark die Stunde bekommen hätte. (Davon sind dann auch noch Steuern und Krankenversicherung abzuziehen.) Das ist genausoviel wie der Mindeststundenlohn jener Bauarbeiter, die errichten, was Frau Müller gezeichnet hat.

Gerade in Berlin, wo der Planungsboom der Nachwendezeit vorbei und der Baumarkt seit ein paar Jahren zusammengebrochen ist, gibt es heute Architekten im Überfluß. Rund tausend arbeitslose Architekten und Stadtplaner meldet das Berliner Arbeitsamt, doch darf man die Zahl getrost verdoppeln, da die meisten nie in fester Anstellung waren und daher auch in keiner Arbeitslosenstatistik auftauchen. Der Stararchitekt Kollhoff macht, was viele machen - nur ein bißchen rücksichtsloser. Rund 70 Prozent der Berliner Architekten zwischen 28 und 38 Jahren seien in irgendwelchen Büros als sogenannte freie Mitarbeiter tätig, schätzt Harald Schreiber, im Berliner Finanzdienstleistungsbüros MLP zuständig für die Branche Architektur. Nachvollziehbar für kleine Büros: Sie können nur mit einer wechselnden Zahl freier Mitarbeiter auf die stark schwankende Auftragslage reagieren. Doch zugleich nutzen große und solide Büros die verzweifelte Lage junger Architekten aus.

Wie bei den Architekten, so in fast allen Branchen der Republik: Überall suchen Arbeitgeber nach Lücken im Tarifgefüge und Arbeitsrecht. Manchmal interpretieren sie das Regelwerk nur ziemlich eigenwillig, manchmal handelt es sich um kruden Rechtsbruch, mit dem schlichten Ziel, die Lohnkosten zu drücken. So ist im Hochlohnland Deutschland ein Paralleluniversum entstanden: die kaum erforschte Welt der Billiglöhner.

Nicht immer handelt es sich um frühkapitalistisch anmutende Versuche, hilflose Arbeitnehmer auszunutzen. Manchmal bewahrt der Spottlohn den Arbeitgeber vor dem Gang zum Konkursrichter. Weshalb die Rolle des Schurken bisweilen schwer zu besetzen ist.

Der Architekt Professor Kollhoff gehört immerhin zu jenen Arbeitgebern, deren Verhalten leicht zu bewerten ist. Er spekuliert darauf, daß sich immer junge Leute finden, die wegen seines klangvollen Namens unter allen Umständen bei ihm arbeiten wollen. In der Hoffnung, irgendwann einen Karriereschub zu erleben. Kollhoff anzuzeigen traut sich keiner - aus Angst, einen jämmerlichen Arbeitsplatz zu verlieren und dann gar keine Arbeit mehr zu finden. Hans Kollhoff behauptet übrigens, "keine ,scheinselbständigen' Architekten" zu beschäftigen, "allenfalls freie Mitarbeiter". Deren Honorare lägen "deutlich über dem berlinüblichen Durchschnitt".

Für einen Heiermann bei einem Stararchitekten beschäftigt zu sein bedeutet: Die Scheinselbständigen haben keine Altersversorgung. Sie können keinerlei Rücklagen bilden, um sich selbständig machen zu können. Wenn der Arbeitgeber sie fallenläßt und sie keinen neuen Job finden, müssen sie aufs Sozialamt oder fallen den Eltern zur Last. Was Deutschland in vielen Jahren durch die Sozialversicherungspflicht beseitigt hat, nämlich die Armut im Alter und in Lebenskrisen, könnte es - wenn solche Beispiele Schule machen - bald wieder geben.