Was der Romanheldin das Herz bricht, ist vielen Frauen schon einmal widerfahren: Nach Wochen gemeinsamen Liebestaumels, in denen Seelenverwandtschaften entdeckt und Zukunftspläne geschmiedet wurden, macht sich der angehimmelte Lover plötzlich rar. Er bittet um Bedenkzeit, stammelt abstruse Erklärungen und setzt sich schließlich gänzlich zu einer anderen ab.

Die Ich-Erzählerin in dem US-Bestsellerroman "Alte Kuh - Neue Kuh" von Laura Zigman (Goldmann Verlag, München 1998) stößt in der Wissenschaftsbeilage der New York Times auf eine biologische Erklärung für ihr heulendes Elend: Ein Beitrag über das Paarungsverhalten von Zuchtstieren erklärt angeblich die dunkle Seite der männlichen Natur. Coolidge-Effekt nennt die Wissenschaft den Widerwillen des Bullen, mehrmals die gleiche Kuh zu besteigen. Wild entschlossen widmet sich die Heldin Jane Goodall, deren Name auf die berühmte Affenforscherin anspielt, fortan der Erforschung dieses Phänomens.

Bei mehreren Tierarten, die daraufhin untersucht wurden, dämmt wiederholter Geschlechtsverkehr mit dem gleichen Weibchen den sexuellen Appetit des Männchens. Die Präsentation einer neuen Sexualpartnerin bringt dagegen schlagartig die eingeschlafene Libido wieder auf Trab. Das Phänomen wurde nach dem 30. US-Präsidenten Calvin Coolidge (1872-1933) benannt. Nach einer auch in der Fachliteratur kolportierten, aber nie authentifizierten Anekdote besuchte Mr. Coolidge einst mit seiner Gattin eine Farm, wo Mrs. Coolidge auf einen Hahn aufmerksam wurde, der gerade eine Henne bestieg. Als man ihr mitteilte, der Hahn vollzöge diesen Akt bis zu zwölfmal am Tag, soll sie geantwortet haben: "Sagen Sie das meinem Mann!" Als der Präsident daraufhin erfuhr, daß es sich jedesmal um eine andere Henne handelte, entgegnete er kühl: "Sagen Sie das meiner Frau!"

Aus der Sicht der Evolutionsbiologie stellt der Coolidge-Effekt eine rationale Strategie zur Steigerung der genetischen Fitneß dar: Weil Männchen ihren Fortpflanzungserfolg durch wiederholten Sex mit dem gleichen Weibchen nicht mehren können, existiert in ihrem Gehirn ein Mechanismus, der ihre Libido nach einer Weile auf eine produktivere Alternative - eben die neue Kuh - umlenkt. In einem Experiment, das in Fachkreisen für Aufsehen sorgte, hat der Psychologe Dennis F. Fiorino von der University of British Columbia im kanadischen Vancouver inzwischen eine mögliche biochemische Basis für diesen "Kuhhandel" aufgedeckt (The Journal of Neuroscience, Bd. 17, S. 4849).

Die Arbeit beruht auf der Erkenntnis, daß sexuelle Lust - ebenso wie alle anderen Formen der Wonne - einem "Vergnügungsviertel" in der Tiefe des Gehirnes entspringt. Die Rotlichtzone besteht aus einem Nervenstrang, der sich von einem wichtigen Ballungszentrum im primitiven Mittelhirn (dem ventral-tegmentalen Bereich), über das Zwischenhirn bis zum Nucleus Accumbens im Limbischen System erstreckt. Wann immer ein Tier eine angenehme Erfahrung macht, schütten die Nervenzellen im Lustzentrum den Botenstoff Dopamin aus, der hier anscheinend wie eine Glücksdroge wirkt. Auch Rauschgifte und euphorisierende Drogen setzten an dieser Stelle an. Daß Sex das Dopamin in diesem Hirnbereich hochtreibt, haben Forscher in der letzten Zeit mit Hilfe der sogenannten Mikrodialyse aufgezeigt, bei der Tiere eine Sonde in die kritische Region des Gehirnes gepflanzt bekommen. Mit feinen Teflonschläuchen, die die Beweglichkeit nicht einschränken, werden dann ständig Proben der Gehirnflüssigkeit abgeleitet und in rascher Abfolge analysiert. Die Gegenwart einer empfängnisbereiten Rättin ließ den Dopaminspiegel der Männchen um neunzig Prozent emporschießen. Bei der anschließenden Kopulation kletterte der Pegel um weitere zehn Prozent.

Fiorino maß nun kontinuierlich den Dopamin-Spiegel männlicher Ratten, die sich mit einer Rättin "austoben" durften. Nachdem ihr sexueller Elan durch den Coolidge-Effekt zum Erliegen kam, wurde ihnen eine neue Partnerin mit unverbrauchtem Sex-Appeal beigesellt. Bei deren Anblick kehrte schlagartig die erlahmte Zeugungskraft zurück, und die Tiere warfen sich für mehrere neue Runden Sex ins Zeug. Der Effekt war auch deutlich am Dopamin-Ausstoß zu verfolgen: Mit der abnehmenden Begeisterung für Weibchen Nummer eins flaute auch die Konzentration des Dopamins mächtig ab und fiel nach und nach auf den Ausgangswert zurück. Als dann das neue Weibchen auf der Bildfläche erschien, machte das Dopamin wieder einen steilen Höhenflug - ein Zyklus, der sich mit gleichsam mechanischer Präzision wieder und wieder abspielte.

Es stellt sich nun die Frage, ob im menschlichen Gehirn eine ähnliche Biochemie abläuft. Vielleicht verlieren auch andere Wonnen durch Wiederholung ihren Kick, etwa Nahrungsmittel. Manche Forscher wollen nun bei Ratten klären, ob sich der Schwund von Erregung und Dopamin durch biochemische Blocker bremsen läßt - ob sich also eine Droge zur Stabilisierung monogamer Beziehungen finden läßt. Eines scheint jetzt schon sicher: Viagra wird diesen Effekt auf keinen Fall bringen. Das Potenzmedikament wirkt nur, wenn eine sexuelle Erregung bereits vorhanden ist.