Hier unten ist die Zeit stehengeblieben. 20.36 Uhr zeigte die Bahnhofsuhr an, als sie den Geist aufgab. Da war ja auch niemand, der nach ihr sah und dann auf den Fahrplan, wann denn die nächste U-Bahn käme. Ein Bahnhof wartet auf Fahrgäste: Sitzbänke stehen bereit, Richtungsanzeiger und Informationstafeln möchten Auskunft geben. Nur ein Zug kam hier nie an, denn der Berliner U-Bahnhof Jungfernheide ist tot. Oder zumindest halbseitg gelähmt: Auf dem zweigeschossigen Kreuzungsbahnhof fährt nur eine U-Bahnlinie, die U 7 zwischen Rathaus Spandau und Rudow.

Die Bahnsteige sind durch ein rotes Absperrgitter längs geteilt, wartende Fahrgäste in Richtung Spandau blicken auf einen Geisterbahnhof mit leeren Gleiströgen. Vom verwaisten Ansagehäuschen aus könnte die Anzeigetafel zwar auch auf "Alexanderplatz" oder "Hönow" umgestellt werden, doch in diese Richtung führt kein Tunnel: Zwanzig Meter hinter dem Bahnhofsausgang endet der Schacht an einer Betonwand.

Andere europäische Städte haben ihren Untergrund längst zur Touristenattraktion gemacht: In Paris sind die Katakomben zu besichtigen, Wien bietet Führungen auf den Spuren des "Dritten Manns" an. Berlin hingegen tut sich schwer mit dem unterirdischen Erbe. Zwar ziehen viele Bonner Ministerien ohne Bedenken in NS-Staatsbauten, die Bunker aber möchte manch einer am liebsten zuschütten, versiegeln und vergessen.

Doch das öffentliche Interesse an den Eingeweiden der Hauptstadt ist groß. Als "Berliner Unterwelten" im vergangenen Jahr in den Palast-Bunker nach Schöneberg lud, kamen mehr als fünfhundert Menschen - mit hundert hatte man gerechnet. Die zukünftigen Exkursionen in den Untergrund sollen nach Willen des Vereins keine Gruselshow für Touristen sein. Deshalb ist an eine Zusammenarbeit mit Institutionen wie "Topographie des Terrors" gedacht. "Wir wollen Stadtgeschichte in ihrer Widersprüchlichkeit erlebbar machen", sagt Eberhard Elfert, Vorsitzender des Unterwelten-Vereins, der die Touren leiten wird.

Viel später als in anderen Metropolen entwickelte sich in Berlin die unterirdische Infrastruktur, denn unter dem Straßenpflaster liegt hier eben nicht nur der märkische Strand, sondern nach nur drei Metern das Grundwasser. Das machte das Bauen im Untergrund über Jahrhunderte hinweg nahezu unmöglich. Erst mit der Industrialisierung ging es in die Tiefe: Im 19. Jahrhundert wurden Kanalisationsschächte und Brauereikeller gegraben. Fast vergessen ist die Berliner Rohrpost, die 1944 immerhin auf eine unterirdische Netzlänge von 245 Kilometern kam. Mit einer Geschwindigkeit von zehn Metern pro Sekunde zischten die Büchsen über 27 Linien - eine frühe Form des Telefax.

Auch Zeugnisse der nationalsozialistischen Planungen für die Reichshauptstadt Germania lassen sich im Bauch der Stadt finden: Am sowjetischen Ehrenmal, ganz in der Nähe des Brandenburger Tors, wurden 1968 zwei Auto- und ein Bahntunnel entdeckt, die zur "Großen Halle" führen sollten. Sichtbarste Hinterlassenschaft der Nazis im Untergrund sind allerdings die über 600 Bunker, viele davon heute vergessen oder verfallen.

Schon als Fünfzehnjähriger grub sich der Stadtplaner Dietmar Arnold Zugänge zu ihren geborstenen und verschütteten Mauern und seilte sich in die Betonreste der Schutzräume ab. Mittlerweile erforscht er sie im Auftrag des Berliner Senats. Sein Buch "Dunkle Welten" führt durch die Bunker, Gruften, Brauereikeller und blinden Tunnel der Hauptstadt. "Untergrundgeschichte spiegelt Stadtgeschichte wider", sagt Arnold.