Hitler und Honecker lassen sich durchaus vergleichen. Beide beginnen mit H, wie Hauser. Trotzdem gibt es Unterschiede. Hitler war Völkermörder, Honecker Verwaltungschef einer kleindeutschen Diktatur. Hauser war, oder ist gar noch, Regierungssprecher des geeinten Deutschland, das sich wahrhaftig einig fragt, wie ein Mann dieser Schlichtheit in solch hohes Amt gelangen konnte. Nun, Helmut Kohl hat ihn berufen, auf daß er, Otto Hauser, fortan der Mund des Kanzlers sei.

Als erstes sprach der Mund des Kanzlers, NSDAP und PDS ließen sich durchaus vergleichen. Dieser Unsinn war nicht neu; schon im Wahlkampf 1994 gelang Helmut Kohl das Wort von den rotlackierten Faschisten . Als zweites drohte der Mund des Kanzlers den ostdeutschen Wählern: Sie sollten die Hilfsbereitschaft des Westens nicht überstrapazieren. Dort balle sich schon so manche Faust in der Tasche. "Die Westdeutschen fragen sich natürlich, wir helfen beim Aufbau im Osten mit, und dann wird links gewählt."

Der Stammtisch des Ostens ist der Bahnhofskiosk. Falls nur an ostdeutschen Bierbuden gewählt würde, hätte Deutschland längst die Neonazi-Diktatur. Von links gesehen, ist der Kapitalismus daran schuld, die Synonymität von Wachstum und Arbeitslosigkeit. Von christlich-rechts wird vermutlich bis zum Jüngsten Tag die autoritäre DDR-Erziehung dankbar bezichtigt. Nach links sei gesagt, daß Dummheit und Verrohung nur statistisch vom Kapitalismus kommen, moralisch aus jedem Menschen selbst. Und jene DDR-Bürgerrechtler, die bei der CDU ihre Heimat suchen, seien herzlich ermuntert, an Bahnhofskiosken Seminare zum Thema "Freiheit statt Sozialismus!" abzuhalten. Es ist die Tragik vieler SED-Zerschmetterer, daß sie als Kritiker des Heutigen versagen. Daß sie, ewig DDR-verhaftet, immerfort die alte Front abschreiten. Daß sie Gemeinsinn als Tyrannis denunzieren und den Wirtschaftsdarwinisten das heilige Wort Liberalismus überlassen, als wäre Freiheit Daimlers Rendite, Biermanns Nationalpreis oder meine immer nur private Selbstver- wirklichung.

Die Abwahl der CDU im Osten hat ihre historische Rationalität

Richard Schröder sprach für den gesamten Osten, als er nach der Magdeburger Wahl im Spiegel seinen Doppelschock bekannte: erst der DVU-Triumph, dann, aus Bonn, die Verwurstung des Desasters für den Bundestagswahlkampf. Wer nach Magdeburg unbelehrt die linke Gefahr beschwört, kollaboriert nicht nur mit rechtsaußen. Absichtsvoll stärkt Peter Hintzes Rote-Hände-Mottenkistenkampagne die PDS, um durch Polarisierung die SPD in die Zange zu nehmen. Was verschlägt's, wenn das die moralinen Ossis nicht kapieren? Doch, wir begreifen. Quer durch Ostdeutschland zieht sich der Blues des Höppnerschen Satzes: "Die CDU hat den Osten abgeschrieben." Es gehe nur noch um die Weststimmen.

Die Abwahl der CDU im Osten ist ein Vorgang historischer Rationalität. Man erinnere sich der Sensation, als 1990 bei den ersten freien Wahlen in der DDR die christdemokratische "Allianz für Deutschland" triumphierte. Zuvor wurde ein SPD-Sieg prophezeit - eine dürre soziologische Prognose. Aber der Zug der Wendezeit, vom Kanzler gelenkt, tutete und dampfte mythologisch national. Das machte Kohls CDU im Osten zur Arbeiterpartei - ein Mißverständnis, das die Ossis nun korrigieren.

Vierzig Jahre hatten die Ostdeutschen nach Westen geblickt. Die Westdeutschen auch. Die DDRler fluteten mit nationalstaatlichen Kompensationswünschen in die postnationale Bundesrepublik und wurden lieb gefragt: Sind Sie zum ersten Mal in Deutschland? Bar aller Psychologie schien der Westen zu glauben, der DDR-Anschluß nach Artikel 23 des Grundgesetzes habe nicht nur das Verfahren der Vereinigung geregelt, sondern auch ihr Wesen. Die Ostdeutschen wollten die Einheit, also würde Einheit werden. Sie hatten ihre Eigenstaatlichkeit beendet, also war da nichts Eigenes. Sie wünschten parlamentarische Demokratie, also würden sie Demokraten sein, demokratische Parteien wählen, wie sie selbstverständlich nur der Westen hatte, und freudig deren östliche Filialen bevölkern. Demokratische Teilhabe wurde nur verlötet mit BRD-Strukturen angeboten. Aber wer heiratet, vermählt sich nicht mit der eigenen Geschichte, sondern mit einer fremden. Das gilt für Aschenputtel und Prinz.

Noch 36 Prozent der Ostdeutschen, so hat Allensbach ermittelt, halten die parlamentarische Demokratie für ein bewahrenswertes Gut. Pro und Contra des Ostens sind kaum politisch organisiert. Was heißt im Osten Opposition? Fundamentales Ressentiment. Und Prosperität? Persönliches Fortkommen. Nach mir die Sintflut - das ist die Erbmentalität der DDR. Dem Osten fehlen politische Milieus und eine selbstbewußte Bürgerrechtlichkeit, die der Westen in Jahrzehnten Marktgesellschaft auszuprägen lernte. Eben diesen Osten, der nichts nötiger hätte als emanzipatorisches Selbstbewußtsein, ermahnt Papa Hauser zur Dankbarkeit, als wäre der Aufbau Ost ein Westpaket der CDU. Mit Stimmzettel als Rückschein.

Es sei den Westdeutschen gesagt, daß die Transfers nach Osten unverzichtbar helfen. Von Herzen sei allen gedankt, denen die deutsche Einheit immer noch mehr bedeutet als eine ideologisch-taktische Manövriermasse. Das Magdeburger Modell muß sie nicht schrecken. Die PDS bettelt geradezu um parlamentarische Teilhabe. Reinhard Höppner hat ihr eine Chance gegeben, die seine eigene ist und ein Dienst an der Demokratie: Auf daß die PDS nicht jene Radikalenkirche werde, als die sie Kohl, Hauser, Hintze brauchen. Reinhard Höppner ist der erste politische Held des Ostens. Wie er seiner Bonner SPD-Zentrale das Magdeburger Modell aufs tränende Auge drückte, das war für den Osten ein Urerlebnis der Selbstbehauptung. Dank Höppner könnte Gerhard Schröder am 27. September einen Titel erben, den sein heutiger Träger nicht mehr verdient: Kanzler der Einheit.