Vor zwei Monaten hatte Tony Blair noch erklärt, Dounreay sei der "beste Betrieb seiner Art in der Welt". Vergangenen Mittwoch verlor der Führer des coolen Königreichs im Unterhaus die Fassung. Es sei "unverantwortlicher Extremismus", fuhr er den Führer der schottischen Nationalisten an, die Öffentlichkeit wegen der nuklearen Wiederaufarbeitungsanlage im schottischen Norden in Panik zu versetzen.

Zwei Tage später gab Energieminister John Battle bekannt, daß die Atomfabrik geschlossen wird - und zwar sofort. Es war das unerwartete Ende einer langen Skandalgeschichte, die weniger mit dem Niedergang der Atomindustrie als mit dem Aufstieg des schottischen Nationalismus zu tun hat.

Zuletzt kam Dounreay im April in die Schlagzeilen. Tony Blair und US-Präsident Bill Clinton hatten im geheimen ausbaldowert, fünf Kilogramm hochangereicherten Urans aus der Kaukasusrepublik Georgien "vor Terroristen und Aufständischen zu retten" und in Dounreay "in Sicherheit zu bringen". Die amerikanische Luftwaffe übernahm den Rambo-Part und flog das Uran aus Tiflis aus. Blair setzte sich über Einwände seines für eine Lizenz zuständigen Industrie- und Handelsministeriums hinweg. Als die Aktion bekannt wurde, fiel das Wort von Dounreay als der weltbesten Nuklearanlage. Das Uran, versprach der Premier, solle hier zu Isotopen für medizinische Zwecke verarbeitet werden.

Sogar langjährige Antiatom-Aktivisten ließen sich von Blairs Rhetorik einwickeln. In Wirklichkeit verfügt Dounreay gar nicht über die zur Isotopenherstellung notwendige Ausrüstung. Die Atomfabrik an der Nordküste der britischen Insel ist überaltert und kämpft seit Jahren um ihr Überleben.

In den Flügen der British Reginal Airways von London nach Inverness, der Hauptstadt des schottischen Nordens, saßen in den vergangenen Monaten immer häufiger sorgenvoll dreinblickende Herren, die dicke Aktenordner mit den Aufschriften "UKAEA" und "intern" oder "vertraulich" studierten. UKAEA ist das Kürzel des britischen Atomenergieamts in Harwell bei London, das über seine kommerzielle Tochter AEA Technologies für Dounreay verantwortlich ist.

Von Inverness sind es zwei Stunden Autofahrt bis zu dem Nuklearkomplex. Die UKAEA experimentierte hier seit 1955 mit Brütern und nuklearen Zukunftstechniken.

Vorteile des Standorts sind große Entfernungen von Ballungsgebieten und starke Tidenströmungen, die radioaktive Einleitungen ins Meer schnell wegwaschen. Der 1962 angelaufene, experimentelle Dounreay Fast Reactor (DFR) erzeugte als erster Brüter der Welt Strom für den Hausgebrauch. Er wurde 1977 abgeschaltet. Sein Nachfolger, der Prototyp PFR, speiste von 1975 bis 1994 Elektrizität in das schottische Netz ein. 1958 lief eine Wiederaufarbeitungsanlage an, die in ihren besten Jahren Brennstäbe aus Forschungsreaktoren von Schweden bis Südafrika, von Deutschland über Indien bis Japan verarbeitete.