Der lange Schatten Stalins

Manfred Hildermeiers großer Versuch einer Gesamtdarstellung sowjetischer Geschichte von Helmut Altrichter

Das Ende der Sowjetunion hat nicht nur den Blick für die Zäsuren und Bruchstellen geschärft, es hat auch den Streit um den Königsweg der Interpretation neu entfacht - zwischen Ideen-, Politik- und Sozialgeschichte, wozu sich nun verstärkt die "neue Kulturgeschichte" gesellt. So nimmt man die neue Gesamtdarstellung der sowjetischen Geschichte von Manfred Hildermeier gespannt zur Hand. Der Autor ist Professor für Osteuropäische Geschichte in Göttingen und war zur Fertigstellung seines Werkes 1995/96 Gast des Historischen Kollegs München.

Um es gleich zu sagen: Das zentrale Kapitel des Buches, die Beschreibung des langen Jahrzehnts zwischen 1929 und 1941, gehört zum Besten, was es darüber in deutscher Sprache gibt. Auf gut 300 Seiten legt der Autor dar, wie Stalins "Revolution von oben" Rußland grundstürzend veränderte und zum "Exempel einer totalitären Ordnung" machte. Dabei wird einsichtig, wie der innenpolitische Machtkampf und die Durchsetzung Stalins mit den Diskussionen um den ersten Fünfjahresplan zusammenhing, der das Wirtschaftsleben in staatliche Regie übernahm und die Industrialisierung mit gigantischen Bauprojekten vorantrieb.

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Die beachtlichen industriellen Wachstumsraten wurden mit Terror und Hunger erzwungen Hunderttausende angeblicher "Kulaken" im Zuge der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft nach Sibirien deportiert. Die Zahl derjenigen, die als "Konterrevolutionäre", "Saboteure" und "Spione" verhaftet und in Straflager eingewiesen wurden, ging in die Millionen und Millionen verhungerten nach einer Mißernte in der großen Katastrophe von 1932/33.

Die knappen Andeutungen lassen bereits die Schwerpunkte der Darstellung erkennen: In ihrem Mittelpunkt steht die innere Entwicklung, stehen Partei und Staat und die Auswirkungen der von ihnen betriebenen Politik auf Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur. Die Beobachtung konzentriert sich vor allem auf Zentralrußland die Peripherie und die Nationalitätenprobleme bleiben am Rande, und die Außenpolitik findet nur insoweit Berücksichtigung, als es zum Verständnis des inneren Geschehens unabdingbar erscheint. Daß der Politik, den Beratungen und Entscheidungen des Zentrums eine Schlüsselrolle zukam, wird heute kaum mehr jemand ernsthaft bestreiten. Der Hinweis darauf, daß Stalin oft mehr lavierte als führte, daß ihm eine Vielzahl von Helfern und Helfershelfern zur Hand ging und der Terror seine eigene Dynamik entwickelte, ändert nichts daran, daß die Initiative von oben ausging und kaum aus bloßen Sachzwängen "ableitbar" erscheint.

Was für Stalin und die dreißiger Jahre gilt, trifft auch auf Lenin zu, dessen Politik auf den ersten 300 Seiten behandelt wird. Er war es, der die Bolschewiki seit dem Frühjahr 1917 auf die neue Losung "Alle Macht den Räten" einschwor, ohne Rückendeckung durch das Parteiprogramm den Bauern Land, den Soldaten Frieden versprach und seit dem Frühherbst auf den bewaffneten Coup drängte, der gegen heftige Widerstände im eigenen Lager Anfang 1918 auch den Frieden mit den Mittelmächten durchsetzte und schließlich im Frühjahr 1921 erkannte, daß der eingeschlagene "kriegskommunistische" Kurs gegen den Widerstand der Bevölkerung nicht durchzuhalten war und deshalb eine Liberalisierung der Wirtschaftspolitik einzuleiten begann. Insofern erscheint es durchaus gerechtfertigt, daß auch in diesem ersten Teil die Diskussionen in Partei- und Sowjetgremien, zwischen den führenden Bolschewiki, den Ausgangs- und Mittelpunkt bilden.

Gelegentlich gewinnt man allerdings den Eindruck, daß der Autor dazu neigt, die Rolle der Politik, von politischer Planung und Rationalität zu überschätzen. So geht in seiner Darstellung etwas unter, daß Lenin selbst einen Zickzackkurs verfolgte: Ausgerechnet er, der der Spontaneität der Arbeiter stets mißtraut hatte, machte sich 1917 zum Fürsprecher der Räte.

Selbst wenn er es zunächst aus machtpolitischtaktischen Überlegungen tat, scheint er im Herbst und Winter 1917/18 vorübergehend selbst an die Realisierung einer solchen Basisdemokratie innerhalb und außerhalb der Fabriken geglaubt zu haben, bevor er im Frühjahr wieder Disziplin und Ordnung predigte und zu seinen "staatskapitalistischen" Vorstellungen zurückkehrte.

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