Literaturhistorie Fruchtbares Tollhaus
Zwischen Wollust und Grauen: München zur Zeit der Belle Époque
Wenige Wochen vor dem Ersten Weltkrieg teilte Frank Wedekind aus Paris seiner Tochter Pamela mit: "Paris ist die schönste Stadt der Welt, dann kommt Rom und sehr bald München." Über den Vorrang von Paris und Rom läßt sich streiten. Der vage Listenplatz für München bleibt als Überraschung auf alle Fälle im Gedächtnis haften. Nur einige Jahrzehnte zuvor hatte Ludwig Tieck über die bajuwarische Hauptstadt noch festgehalten: "1. Abscheuliches Nest, 2. Schlimmes Klima, 3. Schlechte Wohnungen, 4. Rohe Nation."
Zwischen 1831, als Tieck wieder abreiste, und 1914, als Wedekind wieder zurückkam, mußte sich am nördlichen Alpenrand Erhebliches zugetragen haben.
Aus der vielfach verachteten, auch verkannten halbdeutschen Bayernstadt - Pomp, Anarchie, Ländlichkeit, Zensur waren hier stets verbunden gewesen - war um 1900 das legendäre "Wahnmoching" der Franziska Gräfin zu Reventlow geworden, jenes München mit ersten Nacktkulturkolonien an der Isar, mit "kosmischen" Dichtern in Schwabing, Malerpalais, mit Thomas Mann beim Spaziergang, mit Stefan George, der sich im Fasching als Dante kostümierte und seinen Lieblings-Liebesknaben Maximilian mit einer Leier voranschreiten ließ. Ein fruchtbares Tollhaus. Aber beileibe nicht nur amüsant und ein Provinzereignis.
In seiner Chronik "Bohemiens und Belle Epoque" versucht Werner Ross behutsam und facettenreich Ordnung in die Charaktere und Karrieren von München/Wahnmoching der Prinzregentenzeit zu bringen. Nach den vor allem architektonischen Vorarbeiten König Ludwigs I., nach den Kulturgesprächszirkeln seines Nachfolgers Max II., nach dem Zaubermonarchen Ludwig II. war der Boden bereitet, daß Kosmopoliten aus Prag (Rilke) oder Moskau (Kandinsky) hier zumindest in Untermiete gingen. "Hier ist das Leben doch lebbar denn hier gibt es noch Geister etwas aus der Berliner Luft ganz verjagtes ...", schreibt Stefan George 1901. Hier, um den Symbolisten herum, gab die Zeitschrift Jugend einer Kunstrichtung den Namen, hier aus München kam der Simplicissimus, mit den subtilsten Attacken auf das Wilhelminische Kaiserreich. Favoriten und die modernsten Gestalten in der Münchner Menschensammlung von Werner Ross sind die Gräfin Reventlow und Frank Wedekind. Sie waren wahrscheinlich die freiesten Geister. Franziska Reventlow, die schöne Ruhelose aus einem norddeutschen Schloß, lebte im Schreiben, in ihren Liebesabenteuern einen neuen Frauentypus vor: "Hab Dank.
Wir waren Mann und Weib - / Es ist geschehn. / Nun lass uns wieder aufrecht gehen / Allein und klar."
Dazu paßt Wedekind, der in seinen zirkusgrellen Stücken, in seinen Chansons beengende Tabus platzen ließ: "Hereinspaziert in die Menagerie, / Ihr stolzen Herrn, ihr lebenslust'gen Frauen, / Mit heißer Wollust und mit kaltem Grauen / Die unbeseelte Kreatur zu schauen, / Gebändigt durch das menschliche Genie."
- Datum 25.07.2008 - 14:18 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 25/1998
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