Göttergleich thront das Denkmal hoch über Tbilissi, die eiserne "Mutter Georgiens", mit Wein und Schwert für Freund und Feind gerüstet - so fern von der aufgewühlten Millionenstadt unter ihr wie diese von wirklichem Frieden.

"Noch im Morgendämmer der Menschheit wurden wir Georgier von den Griechen verflucht, weil wir das Eisen aus der Erde gefördert haben, und es scheint, als habe dieser Fluch bis heute seine Kraft nicht eingebüßt" - Eisen, Krieg und Tod kennt der Erzähler in Otar Tschiladses neuem Buch "Awelum" (georgisch 1995) nur zu genau.

Die eiserne Mutter steht, Väterchen Lenin aber wurde von seinem Tbilisser Sockel gestürzt - den Bildersturm im Frühling 1989 überlebte lediglich eins seiner Beine. Damit fängt alles an im fünften Roman des georgischen Epikers Otar Tschiladse. Und damit hört es auch fast schon wieder auf: Denn im "Krieg von Tbilissi", in den Unruhen vom Jahreswechsel 1991/1992, die in der Flucht des Präsidenten Gamsachurdia gipfeln, kommt der Titelheld zu Tode.

Vor wenigen Wochen, am 26. Mai, konnte Georgien zwar seiner Unabhängigkeitserklärung vor achtzig Jahren gedenken, doch manche Fensterhöhle der an Silvester 1991 ausgebrannten Häuser gähnt noch immer leer auf die Renommierstraße Rustaweli, und an den Rändern des Landes rumort es weiter.

"Ich bin den europäischen Staaten sehr dankbar, die uns durch ihre Aufmerksamkeit vor Rußland schützen", sagt der Autor, auf die jüngsten Spannungen mit den Abchasen angesprochen. "Mein Vaterland ist klein, und der Bär wartet nur darauf, uns zu schaden." Daß dieser Alpdruck stellenweise allzu emphatische und apodiktische Anrufungen der Freiheit, der Liebe und der Heimat entfesselt, mag man der prallen Parabel auf eine zerrissene Nation nachsehen.

Awelums Geschichte reicht zurück bis in die späten Dreißiger. Damals landen seine Eltern in den Lagern des Georgiers Stalin, und der Kleine muß seine Schwester Kato herschenken: eine "sowjetische Rettung" des Mädchens, die Awelum zeitlebens quälen wird. Denn für Katos Leben gab er ihre Seele fort - eine Rettung vor dem Hungertod, "die um den Preis der Umgestaltung erkauft worden war", um den Preis tiefer Demütigung. Ist diese Perestrojka zu teuer?

Und die zweite, die am 9. April 1989 mitten in der georgischen Hauptstadt ihre Todesopfer fordert und Awelums Tochter psychisch unter die Räder kommen läßt, war sie es wert?

Ein ganzes Leben lang hat Awelum gefragt und nach wahrer Freiheit gesucht - um doch immer am System, an den Verhältnissen und vor allem an sich selbst zu scheitern. Allerweil will er retten: seine leidgeprüfte bessere Hälfte, die ihm in Tbilissi die Infrastruktur für ein genialisch-eskapadenreiches Dichterdasein bietet

eine Pariserin, die um seinetwillen sogar zwei Jahre bespitzelt in einem Moskauer Rattenloch haust

und eine waschechte Moskauerin, die schließlich aufgibt. Welche Frau kennt ihn nicht, den glühenden Verehrer, der ihr - in vollem Ernst - wahlweise von Erlösung faselt oder sich selbige von ihr verspricht? Doch viele sind berufen und wenige auserwählt. Das weiß zum Glück auch der Ich-Erzähler, der die Vierecksgeschichte in einem perspektivisch schillernden, vielfach verästelten stream of consciousness schildert. Das Ganze verpackt er als fünfhundertseitige Flaschenpost an den "müßigen Leser" der Zukunft.

Wenig bleibt übrig nach dreißig Jahren wortreich verteidigtem Doppel- und Dreifachspiel außer, so heißt es, "Awelums eigener Schwäche, Zaghaftigkeit und Feigheit, die er, wenngleich vergeblich, nur immerfort zu rechtfertigen und zu idealisieren suchte, in Poesie wie in Prosa, denn die Bedingungen dafür waren ausgezeichnet, von der Obrigkeit selbst und wie eigens für ihn geschaffen, auf daß er leichter, freier (würdiger) seine alltäglichen, vergänglichen kleinen Leidenschaften und Erleb nisse mit ewigen Begriffen tarnen, will sagen, die eigene Unmoral und Verantwortungslosigkeit mit den gegebenen politischen Umständen rechtfertigen könnte".

So wird zusammengespannt, was nicht nur in Awelums Liebesleben zusammengehört, sondern auch die ironisierenden Reflexionen des Erzählers prägt: einerseits das durch und durch "westliche", typisch männliche Selbstfindungspathos und andererseits das ernste Ringen um das Richtige im Falschen

ein Ringen, das ganz in den Verkrümmungen des sowjetischen Satellitenstaates wurzelt. Das dritte Eckdatum des Romans ist denn auch der 9. März 1956, als die verwirrte Jugend Tbilissis gegen Chruschtschows Entstalinisierungspolitik aufbegehrte und erbarmungslos abgeknallt wurde: Eins dieser Kinder verblutet unter Awelums hilflosen Händen. Seit jenem Massaker vegetiert das Leben "in der toten, abgestorbenen Stadt" und träumt sich in andere Welten.

Awelum, ein überzeugender Prototyp dieser und so mancher anderen Schizophrenie des westöstlichen Landes, das bis zum heutigen Tag als Spielball strategischer und materieller Interessen herhalten muß, Awelum mit seinen ebenso symbolischen wie überaus realen Affären hängt in Cafés herum, säuft, hurt und läßt sich zuweilen als Vorzeigeschriftsteller hofieren, der ein bißchen Freiheit in seine Bücher sät. Wie jenes Flügelwesen aus Michail Soschtschenkos Parabel möchte er sich davonstehlen - und tut es doch nicht.

Flügel - gestutzte, blutende - flattern immer wieder durch Tschiladses Text.

Awelums eigene Tochter etwa stellt sich 1989 den Soldaten entgegen, und ihr Vater, der ängstliche Prediger der Freiheit, kann sie genausowenig zurückhalten wie der Protagonist in Rafael Chirbes' Roman über die Franco-Diktatur "Der lange Marsch" die seine. "Die selbstgenähte Fahne wie Flügel schwingend, sprang sie auf den Panzer auf. Was folgte, ist allgemein bekannt."

Ist es nicht. Zumindest nicht für ein deutsches Publikum (trotz der über hundert dankenswerten Anmerkungen der Übersetzerin). Der andeutungsreich dahinströmende Text überflutet den Leser so, wie die Figuren und der Autor selbst von der Geschichte, den Ereignissen überwältigt wurden. Tschiladses "Seelenbiographie des georgischen Volkes" schrie nach Ergänzung. Während das Prosadebüt des 1933 geborenen Ex-Lyrikers das Paradies Kolchis ausmalt, springt der zweite Roman bereits in die Zeit der russischen Annexion von 1801 ("Daß mich totschlage, wer mich findet", 1983). Schauplatz des dritten Teils ist das Tbilissi der Jahrhundertwende, als die marxistisch und national motivierten Aufstände niedergeschlagen wurden ("Das eiserne Theater", 1988).

Trotzdem will Tschiladse seine Romane nicht als historische verstanden wissen. Auch in "Awelum" verschwindet das Faktische fast - nicht nur im amourösen Kulturen-Patchwork, das georgische Befindlichkeiten bebildert, sondern in einer atmenden Fabel mit überzeugend menschlich, allzu menschlichen Gestalten. Das auktoriale Alter ego mit den hehren Aspirationen liebt, lamentiert und laviert sich mit großer (gelegentlich freilich arg lauter, arg ausgreifender) Geste durch das Chaos verschütteter Identität und verfänglicher Freiheiten - durch das Georgien des 20. Jahrhunderts. Mit dem Köder des intelligenten Welttheaters lockt der Autor in die abgeschiedene Gegend am Schwarzen Meer, rhetorisch gewieft erschließt er die Räume eines gar nicht so fremden Denkens und die Nöte einer verlorenen Nation. Der Verfall der sowjetischen Vasallenstaaten, die orientierungslose Existenz im Dazwischen zwingt Tschiladse zum apokalyptischen Furor, denn "es kräht der Hahn, es bellt der Hund, es brüllt der Büffel, und Georgien führt Krieg". Bis die eiserne Mutter vom Sockel steigt und als kokettes Mütterchen Grusinien mit Richter Azdak in aller Ruhe ihr Weinchen süffelt, ist es noch lang hin.

Otar Tschiladse ist in diesen Tagen auf Lesereise: Am 16. Juni in Berlin, am 17. in Bremen, am 19. in Chemnitz und am 20. in Leipzig

Otar Tschiladse: Awelum Roman

aus dem

Georgischen von Kristiane Lichtenhagen

Verlag Volk & Welt, Berlin 1998

500 S., 46,- DM.