Die Wazmänner
Zwei Unscheinbare bauten ein Imperium. Eine Serie (III)
Zwei köstliche alte Knaben - vorausgesetzt, man macht keine Verträge mit ihnen. Da hört der Spaß bei Günther Grotkamp, 71 Jahre, und Erich Schumann, 68 Jahre, den Herren des WAZ-Imperiums, auf. Ihre Advokatenschläue, ihre Härte beim Verhandeln, ihre aggressiven Wettbewerbsmethoden und ihr beispielloses Know-how haben schon viele Konkurrenten in die Knie gezwungen.
Auf den ersten Blick sind sie ein unscheinbares Duo, zwei Anwälte, die kaum jemand kennt. Schumann ist Sozialdemokrat, Grotkamp konservativ. Schumann ist Golfspieler und liebt die Jagd. Grotkamp geht gerne in die Kirche und kümmert sich um seine Gemeinde. Ihren Büros im 3. Stock des WAZ- Pressehauses in der Essener Friedrichstraße fehlt der übliche Konzern-Chic. Sie bezeugen nur ihre Sparsamkeit, nicht ihren Status. Aufhebens von sich zu machen liegt ihnen nicht, sie sind altmodisch und halten es mit der Diskretion. Auf dem branchenüblichen Jahrmarkt der Eitelkeiten sind sie nur Zuschauer, sie selber drehen keine Pirouetten. "Gutes Auftreten bringt es nicht", sagt Erich Schumann nüchtern, "wir treten am liebsten gar nicht auf." Anders als die Zeitungsgründer nach dem Krieg, die ihre Visionen hatten und ihren publizistischen Ehrgeiz, machen die WAZ-Leute keinen Hehl daraus, daß sie andere Prioritäten haben. Mit jenem Ruhrgebiets-Charme, der durch seine lakonische Direktheit einnimmt, sagt Günther Grotkamp: "Man verliert bei dem Versuch, Visionen zu realiseren, zuviel Geld."
Als sie anfingen, galten sie in der Branche als Schmuddelkinder. Über die "Ruhrpott-Tycoons" wurde gelästert. Seit alle hinter ihren Renditen herlaufen, sieht das anders aus. Zwar wird über die beiden "bösen Buben" immer noch hergezogen, aber nicht ohne Respekt vor einer Leistung, für die den anderen die Nerven fehlten. Grotkamp und Schumann waren die Trendsetter im Pressekonzentrationsprozeß, und sie sind Meister im großen Medienmonopoly.
Mit einem Umsatz, der im laufenden Jahr rund 4 Milliarden Mark erreichen soll (im Vorjahr 3,3 Milliarden), ist der WAZ-Konzern nach Bertelsmann und Springer die drittgrößte deutsche Mediengruppe und der größte Regionalzeitungsverlag in Europa. Entwickelt hat sich der Konzern aus der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ), einem 1948 gegründeten Blatt für das Ruhrgebiet, das sich als "Generalanzeiger für die kleinen Leute" verstand, immer in Einklang mit den herrschenden Machtverhältnissen in der Landeshauptstadt Düsseldorf, im Zweifel mit der SPD, und mit der Stimmung im Revier. Besitzer waren die beiden Verlegerfamilien Brost und Funke, zwischen denen "eherne Parität" abgemacht war. Erich Brost adoptierte 1985 Erich Schumann, nachdem er seinen eigenen Sohn, dem er die Fortführung des Konzerns nicht zutraute, ausgezahlt hatte. Ein Jahr später führte Günther Grotkamp die jüngste der vier Funke-Töchter, die ihn nach dem Tod des Vaters zum persönlichen Geschäftsführer für ihren ererbten Gesellschafteranteil bestimmt hatten, zum Traualtar. Auf diese Weise blieben beide nicht nur die angestellten Manager des Konzerns; sie wurden WAZ-Gesellschafter, die das Vermächtnis der Väter hochhalten und beinhart auf Gleichheit zwischen den beiden Familienstämmen achten.
"Im Geschäft muß man einander nicht lieben"
In der Branche wird gern über die Kräche spekuliert, die es zwischen den Familienstämmen von Anfang an gegeben hat. Sie würden, so wird versichert, genügend Stoff für ein "Dallas an der Ruhr" abgeben. Auch von Grotkamp und Schumann wird gesagt, daß sie Antipoden seien, "die notgedrungen miteinander harmonieren". Keiner von ihnen hat alleinige Befugnisse, Beschlüsse müssen immer einstimmig gefaßt werden. Solchen Doppelspitzen ist selten Glück beschieden, aber im WAZ-Konzern wurden sie von so viel Erfolg legitimiert, daß die Konflikte dagegen verblassen. Dazu trugen auch die "bedeckte Kultur des Hauses" (WAZ-Chefredakteur Ralf Lehmann) und der pragmatische Umgangsstil der beiden Anwälte bei. "Im Geschäft muß man sich nicht lieben", kommentierte Schumann einmal ihre Zwangsgemeinschaft.
Grotkamp, ein als Steuerfachanwalt zugelassener Jurist, fing 1960 bei der WAZ an und gilt als der Architekt des Konzerns. Nationale Ambitionen hatte er nicht. Sein Ziel war ein starker, in sich geschlossener Anzeigenmarkt (allein die Anzeigenblätter der WAZ-Gruppe haben heute eine Auflage von sechs Millionen). "Der branchenfremde Quereinsteiger traktiert die Konkurrenz, indem er sie mit zahllosen Unterlassungsverfügungen und Gerichtsverfahren überzieht", berichten Hans-Jürgen Jakobs und Uwe Müller in ihrem Buch über "Deutsche Mediendynastien". Kleinere Blätter wurden geschluckt, Auflagen hinzugekauft und das Verbreitungsgebiet der WAZ sukzessive ausgedehnt. O-Ton Grotkamp: "Das äußere Wachstum durch zugekaufte Auflage wäre ja nie so groß gewesen, wenn wir da nicht ordentlich rangegangen wären." Das festigte schnell seinen Ruf als "Wolf im Blätterwald" (stern) .
Alle vier Zeitungen blieben redaktionell eigenständig, nur betriebswirtschaftlich wurden sie unter einem Dach zusammengefaßt: Druck, Vertrieb, Anzeigengeschäft, EDV, Personalverwaltung sind konzentriert. "Eine lokale Zeitung", erklärt Schumann, "die nur 150000 Auflage hat, kann sich keine eigene Druckerei leisten, auch keinen eigenen Vertrieb, keine eigene EDV und keinen eigenen Personalchef." Als "publizistische Vielfalt unter einem betriebswirtschaftlichen Dach" preisen die beiden Chefs das WAZ-Modell an. Es wurde inzwischen auch von anderen Regionalverlegern übernommen, zuletzt in Köln von Alfred Neven DuMont, dem Verleger des Kölner Stadt-Anzeigers, zur Erhaltung der Kölnischen Rundschau. Die Renditen, die dieses Modell abwirft, sind nur bei Zeitungsmonopolen mit einem starken, in sich geschlossenen Anzeigenmarkt zu erwirtschaften. Schumann bekennt nonchalant: "Fünfzehn Prozent aufs Kapital wie bei Bertelsmann, das reicht mir nicht aus." Und Grotkamp sekundiert: "Bei uns spielt der Gewinn eine größere Rolle als der Umsatz. Wenn es uns gelingt, mit wenig Umsatz einen großen Gewinn zu machen, ist es uns lieber als umgekehrt." Mit einer Umsatzrendite von geschätzt knapp zwanzig Prozent erreicht der WAZ-Konzern den Spitzenwert der Branche (andere Zeitungen müssen sich mit einer einstelligen Zahl im unteren Bereich zufriedengeben).
Zur Rolle des Journalismus im WAZ-Konzern fällt den WAZ-Geschäftsführern weniger ein. Das Thema ist genannt, auch weil man nicht weiß, ob die beiden alten Knaben unsereinen nicht heimlich auslachen. Das Gewerbe kennt viele Zyniker. Doch geben sie sich alle Mühe und verströmen ihren beträchtlichen Charme, um die "publizistische Vielfalt" im Konzern zu unterstreichen. Aber ist die politische Ausrichtung wirklich noch entscheidend? Die eine Zeitung mag rot sein, die andere schwarz, die dritte überparteilich und die vierte grün-alternativ angehaucht. Sie alle glauben, nur in der Mitte Erfolg zu haben, und lesen sich ziemlich ähnlich. Sie sehen auch ähnlich aus, weil das gemeinsame Anzeigengeschäft eine starke Standardisierung erzwingt. Solange die Zeitungen in die Landschaft passen, das lokale Programm fahren und niemanden vor den Kopf stoßen, erübrigt sich die Weltanschauung. "Wir haben den Eindruck", sagt Schumann, "daß wir unser Publikum mit der Stärke im Lokalteil erreichen. Bisher hat uns niemand widerlegt."
Das harte Kostenregiment der Verleger läßt den Chefredakteuren nicht viel Spielraum für ihren Ehrgeiz, eine selbstgeschriebene Zeitung zu produzieren. Die Redaktionen sind knapp besetzt. Die NRZ beispielsweise hat 170 Mitarbeiter, davon 135 Redakteure. Das ist zuwenig für eine Zeitung, der 15 Lokalredaktionen angegliedert sind. Freie Mitarbeiter und Pauschalisten dienen als Notnagel, "arme Schweine", heißt es, "aber es ist gar nicht so leicht, arme gute Schweine zu finden". Die Redakteure sind mit Dingen überfrachtet, die sie nicht gelernt haben. Sie kämpfen mit der Technik, die aus der Perspektive des Verlages Vorrang hat, für den "weißen Platz zwischen den Anzeigen", den die Journalisten "füllen", hätten sie die Agenturdienste zur Verfügung.
Journalisten werden nur als notwendiges Übel gesehen
Das ist besonders schmerzlich für den ehemaligen Verleger der NRZ, Dietrich Oppenberg, der als liebenswürdiges Memento mori aus der alten Zeit noch im 6. Stock des Pressehauses sitzt. "Früher", klagt er, "hatten wir Setzer, Metteure, Korrektoren, Stereotypeure - das wird heute alles von den Redakteuren erledigt." Der 81jährige besitzt noch 10,6 Prozent an der NRZ und ist Aufsichtsratsvorsitzender des Presseversorgungswerks. Er hat es mitbegründet. Über die Rente der Journalisten zu wachen ist das letzte Engagement des alten Herrn. Als Herausgeber darf er den Chefredakteur vorschlagen. Als der verstorbene Jens Feddersen, ein legendärer Pressemann im Revier, nach 32 Jahren abtrat, suchte sich Oppenberg den Diplomatischen Korrespondenten des Spiegels in Bonn, Richard Kießler, zum Nachfolger aus und setzte damit ein Ausrufezeichen, das Grotkamp und Schumann anfangs mißtrauisch beäugten. Die Chefredakteure des WAZ-Konzerns kennt normalerweise niemand. Kießlers Statur war ihnen nicht geheuer. Sie argwöhnten zuviel Anspruch. Warum er unbedingt von seinem Bonner Sockel in den Niederrhein springen wolle, wurde er von Schumann gefragt. Ob er wirklich bis zur Pensionierung bleiben wolle? Für Oppenberg muß Kießlers Installierung eine Genugtuung gewesen sein. Ihn grämt, daß Journalisten von den Geschäftsführern nur als notwendiges Übel angesehen werden. Aber er selber war nicht hart genug, um seine publizistischen Ambitionen durchzusetzen. "So ist das Leben", kommentiert Schumann, "was nutzt guter Journalismus, wenn er zugrunde geht, weil kein Geld mehr in der Kasse ist?"
Schon oft wurden die WAZ-Herren gefragt, warum es im Ruhrgebiet keine Qualitätszeitung gibt. Sie können es schon nicht mehr hören. In den letzten dreißig Jahren wurden an die zwanzig Hochschulen in der Region gegründet. Läßt das nicht auf Interesse für ein Blatt schließen, das am nationalen Gedankenaustausch aktiver teilnimmt als die Regionalzeitungen? Aber auf diesem Ohr sind beide taub. In den ersten Jahren würde das die Gewinne schmälern. Das liegt nicht in ihrem Interesse.
Ihre Strategie war in den achtziger Jahren auf die Neuen Medien gerichtet: Sie sind nicht nur an vierzehn Lokalsendern beteiligt, sondern besitzen auch zehn Prozent an Europas größtem Rundfunkunternehmen, CLT-Ufa in Luxemburg (RTL plus). Außerdem waren sie entschlossen, den Konzern zu internationalisieren. In Nordrhein-Westfalen war ihr Expansionsdrang an Grenzen gestoßen. Als erstes rollten sie 1987/88 den Zeitungsmarkt in Österreich auf. Die Dynamik, die Grotkamp und Schumann dabei entfachten, war so stark, daß der Wiener Publizist Günter Nenning sarkastisch anmerkte, es handele sich wohl um den "medienpolitischen Anschluß": "Hitler hat's blöd gemacht. Heimlich, still und leise, demokratisch und gewaltlos sei die Gewalttat."
Der WAZ-Konzern hält fünfzig Prozent an der größten Zeitungs- und Zeitschriftengruppe des Landes (Kronen Zeitung und Kurier) . Springer und Gruner+Jahr wären bei dem Einkauf auch gerne dabeigewesen, aber die WAZ-Geschäftsführer waren schneller, kannten ihre Dossiers besser und hatten alte, über Jahre gepflegte Kontakte in Wien. "Mit Hilfe eines modifizierten WAZ- Modells hat die Kronen-Zeitung ... im vergangenen Jahr mit 920000 verkauften Exemplaren die höchste Auflage ihrer Geschichte erreicht und zugleich die Zahl der im Abonnement verkauften Exemplare auf 600000 versechsfacht," meldete die FAZ. Der Einkauf in Österreich hat die Essener 320 Millionen Mark gekostet, aber jetzt verdienen sie auch "richtig gut" (Grotkamp).
Engagements in Ungarn und Tschechien folgten, auch in Kroatien wird verhandelt. Nur ihre bulgarischen Geschäfte machen ihnen keine rechte Freude. "Eine grausame Zeitungskultur dort!" sagt selbst Günther Grotkamp. Sie haben 100 Millionen Mark investiert, um die größte Boulevardzeitung des Landes, eine Wochenzeitung und die Tageszeitung Trud wieder flottzumachen. Aber den Bulgaren war der Auftritt der Deutschen zuviel.
Zwei harte Burschen. Sie erinnern an den Drucker Séchard, den alten Geizkragen aus Balsacs "Verlorenen Illusionen". "Die Qualität, die Qualität!" ruft der aus. "Was liegt mir an der Qualität. Sollen doch der Marquis und die anderen die Qualität für sich behalten! Für mich sind die Taler die Qualität." Das könnten die beiden auch sagen, wenn nicht ihre unglückliche Liebe zur Süddeutschen Zeitung wäre. Sie möchten sie kaufen. Mit dem Investitionsdruck, unter dem sie stehen, läßt sich das allein nicht erklären. Im Management der SZ sei noch viel zu verbessern, meint Grotkamp. Immerhin werden Journalisten dort als Gewinn angesehen und nicht nur als Kostenstelle. Will er am Ende beweisen, daß sich auch mit einer Qualitätszeitung Renditen erzielen lassen, wie er sie gewohnt ist?
Grotkamp ist seit 38 Jahren im Geschäft, Schumann seit 20 Jahren. Ihrer beider Augen ruhen auf dem gewaltigen WAZ-Konzern, noch machen sie alles selber: die Verhandlungen, die Verträge, die Personalpolitik. Grotkamp übertreibt nur schwach, wenn er sagt: "Einer von uns beiden bleibt immer bis 20 Uhr im Haus für den Fall, daß einstweilige Verfügungen kommen." Sie haben keine Assistenten, keine umfangreichen Stäbe, auch keinen Kommunikationsdirektor, nicht einmal einen Pressesprecher. Entsprechend langsam ist der Geschäftsgang. Auf ihren Schreibtischen türmen sich die Akten. Entscheidungen brauchen ihre Zeit. Jetzt sind sie auf der Suche nach zwei Geschäftsführern, einen für jeden von ihnen. Demnächst muß die Nachfolge geregelt werden. Darauf ist die Branche gespannt.
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1998
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