Kein Logo, nirgends. Nicht auf der Wand, im Katalog, in den Reden. Nicht das brauserote der Telegangster oder das knallblaue der Zigarettendreher, keine Hardware oder Software, Herrenober- oder Damenunterbekleidung, kein Bier oder Schnaps, dem Albrecht Dürer, Piero di Cosimo oder Jan van Eyck ihre Wiedererweckung zum strahlenden Museumsleben in der neuen Berliner Gemäldegalerie zu verdanken hätten. Was sie sind, verdanken sie sich selber, dann den frühen, generösen Sammlermäzenen (nicht zu verwechseln mit heutigen wertsteigerungsbewußten Akquierungssponsoren) und dem Staat (in diesem Fall heißt er Stiftung Preußischer Kulturbesitz), der sie in seine Obhut genommen hat.

Was die Bilder für jeden, der dieses Haus betritt, jetzt wieder sein können, verdanken sie dem Generaldirektor, den Architekten, den Innenausstattern und vor allem auch jenen Kustoden und Kunsthistorikern, die in dem durch Entrepreneure bestimmten Kunstbetrieb von heute kaum noch eine Stimme haben.

Nicht als fettgedruckte Egos paradieren sie im großen Katalog und im kleinen Führer. Sondern, so ist es nun einmal üblich im kunsthistorischen Geschäft, reduziert auf ihre Initialen, betreiben sie das trockene Handwerk der exakten Bildbeschreibung, der historischen Plazierung, der Übersetzung der metaphorischen Bildsprache. Eine Nelke ist nicht nur ein Zierat der Natur und ein Kaninchen kein Osterhase. Wer hier ein, zwei Absätze liest, der sieht mehr und weiß mehr und möchte vielleicht noch mehr sehen und wissen. Erleben kann er in Berlin das Wunder der Nüchternheit als Gegenerfahrung zum alltäglichen Gedröhn der Kunstausbeuter.

Das große Glück der Berliner Gemäldegalerie ist ein ungeteiltes und offensichtlich befreiendes Erlebnis. Noch nie hat es eine so einmütig enthusiasmierte Berichterstattung gegeben, und neidlos gratulieren wir den Kollegen von der Berliner Zeitung, die den Mut hatten, trotz Viagra und Fußballweltmeisterschaft dem Ereignis eine ganze Beilage zu widmen, in der lange Texte von renommierten Kunsthistorikern zu lesen waren. Es gibt, einem Gerücht mancher Zeitungsmacher zum Trotz, eben doch noch Leser, die es genau wissen wollen!

Die neu installierte "Insel der Seligen" (Frankfurter Allgemeine Zeitung), auf der die Kunst befreit ist von ihren falschen Freiern, wird hoffentlich auch manche irdischen Folgen haben. Dieses Exempel sollte den Staat davon überzeugen, daß er sich eine seiner schönsten Pflichten nicht nehmen lassen darf. Und es sollte die Kunsthistoriker ermutigen, sich und ihre Kenntnisse wieder selbstbewußter einzubringen in den Alltag der Kunst.