Die Mehrheit der 750 Millionen Bewohner Afrikas hat noch nie einen Telephonhörer in der Hand gehabt. Allein in Manhattan stehen mehr Telephone als in ganz Schwarzafrika. Auf dem gesamten Kontinent gibt es nur 13,7 Millionen Telephonanschlüsse, weniger als zwei auf hundert Einwohner. Da zudem ein Drittel aller afrikanischen Telephone in den jeweiligen Hauptstädten steht, sinkt die Versorgung auf dem Land - und dort leben siebzig Prozent aller Afrikaner - auf weit unter ein Prozent. Von der Weltbank bis zu kleinen lokalen Hilfsorganisationen wird dieser Mangel an Kommunikationstechnik inzwischen als eines der wesentlichen Hindernisse für die ökonomische wie politische Entwicklung angesehen.

Daran etwas zu ändern schien vor ein paar Jahren noch völlig aussichtslos. Der Grund: sehr hohe Investitionskosten für die Verkabelung der verstreuten ländlichen Siedlungen Afrikas statt der international durchschnittlichen Kosten von 1000 bis 1500 Dollar bis zu 7000 Dollar für einen Telephonanschluß. Auch der Unterhalt offen verlegter Kabel ist in Afrika weit teurer als in den dichtbesiedelten Industrieländern. Nicht nur Unwetter bedrohen die Leitungen. Auf rund 100 Millionen Mark im Jahr schätzt allein die südafrikanische Telecom ihren Schaden durch den Diebstahl von offen verlegtem Kupferkabel.

Schon heute läßt sich mit einem Satellitentelephon von der Größe eines Laptops praktisch von jedem Punkt der Erde aus eine Verbindung herstellen. Allerdings gibt es bisher nur einen einzigen Anbieter auf diesem Markt: Inmarsat, einen Dienst, der vor allem für die kommerzielle Schiffahrt aufgebaut worden ist. Entsprechend horrend sind die Gebühren. Telephon und Grundgebühr kosten ein paar tausend Mark, jede Gesprächsminute mindestens vier Mark. Doch noch in diesem Jahr wird Bewegung in den Markt kommen. Am 23. September will Iridium mit 66 niedrigfliegenden Satelliten das erste weltumspannende Mobilfunknetz einweihen, Globalstar wird als zweiter Anbieter im nächsten Jahr folgen. Über tausend solcher Leos (Low Earth Orbit Satellites) genannten Tiefflieger sollen in den nächsten Jahren ins All befördert werden und damit ein Telekommunikationsnetz schaffen, das ohne Kabel auskommt. Anders als bei den traditionellen geostationären Satelliten, die in 36 000 Kilometer Höhe über dem Äquator stehen, sind die Leos nur rund 1000 Kilometer entfernt. Deshalb sind für die neuen Netze keine Satellitenschüsseln mehr nötig, eine daumenförmige Antenne reicht für den Empfang im Freien aus.

Zwar werden die Gesprächsgebühren für die Satelliten-Handys bei Iridium oder Globalstar am Anfang auch noch bei vier bis fünf Mark pro Minute liegen. Alle Anbieter haben denn auch vor allem reisende Geschäftsleute, internationale Speditionen und multinationale Unternehmen als Kunden im Auge. Allerdings ist bei so viel Konkurrenz schon abzusehen, daß die Preise in ein paar Jahren purzeln werden. Und weil die afrikanischen Länder den Betrieb genehmigen müssen, haben sie einen Trumpf in der Hand, mit dem sie den neuen Satellitenunternehmen schon jetzt günstige Konditionen abhandeln können: Die 25 afrikanischen Staaten, die den Betrieb von Iridium bisher erlaubten, werden dafür als Gegenleistung zum Beispiel mit günstigen Satellitentelephonen und Gesprächsgebühren für den Gebrauch von Regierung und Militär belohnt.

Mit einer einzigen Nummer überall auf der Welt jederzeit erreichbar sein - für die, die es sich leisten können, rückt diese Möglichkeit sehr nah. Aber was ist mit den 530 Millionen Bewohnern des ländlichen Afrika, für die ein solches Satellitentelephon selbst für ein Zehntel des heutigen Preises unerschwinglich ist? "Telezentren" heißt die Zauberformel, mit der in vielen afrikanischen Ländern derzeit auf diese Frage geantwortet wird. Einer ihrer eifrigsten Verfechter ist Ekwow Spio-Garbrah, Kommunikationsminister von Ghana. Jedem sein eigenes Telephon hält er für eine "rein westliche Idee". Afrikanische Gesellschaften seien dagegen auf Gemeineigentum gegründet: "Wenn bei uns für 500 Dorfbewohner ein Telezentrum mit zehn Telephonen zur Verfügung steht, dann wäre das nach westlichem Maßstab eine Versorgungsdichte von zwei Prozent", sagt Spio-Garbrah, "für uns ist das aber eine hundertprozentige Versorgung, denn jeder der 500 Dorfbewohner hat nun Zugang zu Telephon, Fax und Internet."

Für die Ausstattung und Anbindung der Telezentren ans Netz - per Kabel oder, wo es schneller und billiger ist, auch per Funk oder Satellit - sorgen die zumeist noch staatlichen Telekommunikationsgesellschaften, der laufende Betrieb soll aber möglichst einer lokalen Organisation, einer Kirchengemeinde, einer Genossenschaft oder Selbsthilfegruppe übertragen werden. Damit wären die teuren Geräte besser als öffentliche Telephonzellen vor Fehlbedienung und Vandalismus geschützt. Das Telezentrum soll zum Entwicklungskern jedes Dorfes werden. Die Gesundheitsstation kann dort per Telemedizin den Rat von Fachärzten einholen, Kunsthandwerkerinnen können sich im Internet unter Ausschaltung des Zwischenhandels Abnehmer für ihre Produkte suchen, Studenten per Bildtelephon an der Vorlesung einer Fernuniversität teilnehmen. Selbst das entlegenste Dorf wäre plötzlich Teil der Informationsgesellschaft. "Afrikanische Kinder werden zu Ingenieuren, Ärzten, Wissenschaftlern", schwärmte Südafrikas Präsident Nelson Mandela jüngst von dieser "Wiedergeburt Afrikas" durch Telekommunikation.

Skeptiker warnen vor der Abhängigkeit vom Ausland