Der Traum von der Wirklichkeit
Forscher und Philosophen trafen sich in Bremen und erkundeten das Bewußtsein
Jetzt kann ich beruhigt nach Hause fahren", freut sich ein Nachwuchsforscher, "zum ersten Mal kann ich meinen Kollegen erklären, warum Bewußtseinsforschung wichtig ist." Aufgeräumte Stimmung in Bremen: Rund vierhundert Wissenschaftler haben sich auf der Suche nach einem geheimnisvollen Phänomen gegenseitig Mut gemacht. Galt "Bewußtsein" vor nicht allzu langer Zeit noch als ausschließlich philosophisches Thema, so werden heute naturwissenschaftliche Experimente diskutiert, neurobiologische Theorien ausgetauscht. Vor allem aber: Die einst verfeindeten Lager reden miteinander. Und die Denker auf der einen und die Experimentatoren auf der anderen Seite haben sich tatsächlich etwas mitzuteilen.
Zum ersten Mal trafen in Bremen Mitte Juni die Stars der amerikanischen Bewußtseinsszene mit deutschen Hirnforschern und Philosophen zusammen. Die Vielzahl der Ansätze, die dabei vorgestellt wurden, dokumentiert allerdings auch, wie schwierig der Zugang zu dem seltsamen Phänomen ist. Ist Bewußtsein etwa das, was sich durch eine Narkose ausschalten läßt? "Es ist noch nicht einmal klar, ob eine Anästhesie tatsächlich das Bewußtsein betäubt - oder ob die narkotisierten Patienten nicht einfach nur gelähmt sind und ihr Gedächtnis gelöscht wird", gibt der finnische Philosoph Antti Revonsuo zu bedenken. In beiden Fällen würde ein Patient behaupten, bei einer Operation nichts gespürt zu haben. "Solange wir die neuronale Basis des Bewußtseins nicht kennen, können wir diesen Streit vermutlich nicht entscheiden", meint Revonsuo. Der junge Finne von der Universität Turku steht für eine neue Generation von Philosophen, die sich im Laborjargon ebenso verständigen können wie im Soziolekt der geisteswissenschaftlichen Fakultät, eine Generation, die gelernt hat, daß, wer Bewußtsein erklären will, das Gehirn verstehen lernen muß.
War vor einigen Jahren noch die Rede von einem Bewußtseinskorrelat, so wird der Begriff heute nur noch im Plural gebraucht - ein Hinweis darauf, daß sich Ernüchterung breitmacht. "Ich gebe euch einen Tip", rät der in Kalifornien lehrende australische Philosoph David Chalmers seinen Kollegen im Labor. "Rechnet mit ziemlich vielen neuronalen Korrelaten." Die Forscher gehorchen und hoffen darauf, daß die Summe ihrer Erkenntnisse am Ende die Erklärung des Bewußtseins liefern wird.
Während solche Debatten in den Vereinigten Staaten schon seit Jahren geführt werden, fristete die Bewußtseinsforschung in Deutschland bislang eher ein Mauerblümchendasein. Die Bremer Tagung, veranstaltet von der Association for the Scientific Study of Consciousness und dem Hanse Wissenschaftskolleg, sollte dies ändern: Vor allem Nachwuchsforschern sollte die Chance geboten werden, die unterschiedlichen Thesen zum Bewußtsein auf den Prüfstand zu stellen und persönliche Kontakte zur angelsächsischen Forscherszene zu knüpfen. Ein fast schon historisches Treffen, initiiert und inszeniert von dem Philosophen Thomas Metzinger, der sich in Deutschland schon seit einigen Jahren um die Etablierung dieses Fachgebietes bemüht.
Der erste Streit entzündet sich jedoch schon an der Frage nach der Definition des obskuren Objektes der Forscherbegierde. Während die einen kritisieren, man könne nur untersuchen, was zuvor definiert worden sei, glauben die anderen, eine Definition des Bewußtseins ergebe sich erst als Ergebnis der vielfältigen Bemühungen um den Geist. Einige grundsätzliche Unterscheidungen haben sich jedoch in den vergangenen Jahren herauskristallisiert: Das sogenannte phänomenale Bewußtsein wird allen Wesen zugesprochen, die ihre Außenwelt bewußt wahrnehmen, Farben sehen oder Schmerzen empfinden können. Dieser primäre Bewußtseinszustand trennt Objekte von Subjekten, etwa Pflanzen von Tieren. Davon zu unterscheiden sind die höheren Bewußtseinsstufen wie Reflexion, Introspektion und Ich-Bewußtsein.
Einige Neuronen reagieren nur auf verbogene Büroklammern
Stellt der Mensch dabei die Krone der Schöpfung dar? Aus der Sicht des Bremer Hirnforschers Gerhard Roth erscheint der Unterschied zu anderen Tieren nicht gar so groß. "Wir haben ein typisches Säugetiergehirn", dozierte Roth. "Nur bei der Zahl der Nervenzellen übertrifft Homo sapiens den Rest der Tierwelt."
Dabei waren die spezialisierten Neuronen eine Zeitlang ganz aus der Mode geraten. Vor mehr als zehn Jahren hatten der Frankfurter Wolf Singer und sein amerikanischer Kollege Charles Gray erstmals entdeckt, daß weit entfernte Neuronen im Gehirn einer Katze immer dann im Gleichtakt feuerten, wenn das Tier ein bestimmtes Objekt ins Auge faßte. Dieser Rhythmus, glaubt Wolf Singer, repräsentiere den Bewußtseinsinhalt. Sein Tübinger Kollege Nikos Logothetis liefert prompt die Gegenthese: Er führte einer Katze vor jedem Auge ein anderes Muster vor - einmal Quer-, einmal Längsstreifen. In ausgeklügelten Experimenten konnte er zeigen, daß die Katze dabei einmal dieses, einmal jenes Bild wahrnimmt. Das Bewußtsein pendelt zwischen zwei Zuständen, ohne daß ein Unterschied in der neuronalen Aktivität erkennbar wäre. Hat Wolf Singer also unrecht?
Vermutlich liegt die Wahrheit in der Mitte. Je stärker automatisiert eine Funktion im Gehirn ist, desto eher finden die Forscher entsprechend spezialisierte Nervenzellen. Dennoch haben auch die synchron feuernden Zellverbände eine wichtige Aufgabe. Wie die neuesten Ergebnisse von Wolf Singer zeigen, herrscht im Gehirn stets eine rhythmische Aktivität der Neuronen, unabhängig von äußeren Einflüssen. Achtzig bis neunzig Prozent aller Synapsen seien mit diesem "inneren Monolog" beschäftigt, den man bisher als unnützes Grundrauschen betrachtet hatte. Für Singer hat das Palaver der Zellen eine wichtige Funktion: "Es sieht so aus, als ob das Gehirn wüßte, wie die Welt strukturiert ist, und als ob es ständig Hypothesen darüber formulierte, um dann, wenn es einen äußeren Reiz bewerten muß, schnell die wahrscheinlichste Lösung dafür zu finden."
Schnelle Zellverbände hält auch Hans Flohr für die Grundlage des Bewußtseins. Er setzt auf bestimmte Kontaktstellen zwischen den Neuronen, die NMDA-Synapsen. Sie sollen die Verbindung zwischen häufig miteinander korrespondierenden Zellen verstärken. "Wer hat außer mir hier noch ein Korrelat im Koffer? - Niemand!" flachst der Bremer Hirnforscher.
Die entscheidende Frage aber stellt eine Philosophin. "Wie überwinden wir die Korrelate des Bewußtseins und kommen zu einer Erklärung, was Bewußtsein wirklich ist?" fragt die Kalifornierin Patricia Churchland (siehe nebenstehendes Gespräch). Vielleicht, glaubt Churchland, könnten die Hirnforscher von der Physik lernen. "Kein Physiker würde sagen: Die mittlere kinetische Energie ist ein Korrelat von Temperatur", gibt die Philosophin zu bedenken. "Die Temperatur ist die mittlere kinetische Energie." Auch der New Yorker Philosoph Ned Block glaubt, die sogenannte explanatorische Lücke, die zwischen dem Bewußtsein und neurobiologischen Erklärungen klafft, sei kleiner als befürchtet. Schwierig sei es jedoch, vom primären Bewußtsein auf höhere Bewußtseinsstufen zu schließen.
Antti Revonsuo ist da ganz anderer Ansicht. Wenn man Bewußtsein erst einmal verstanden habe, sei es ohne weiteres möglich, auch Selbstbewußtsein zu erklären. Der finnische Philosoph setzt auf das träumende Gehirn als Modellsystem des Bewußtseins. "Es ist von äußeren Sinneseindrücken isoliert. Und doch ist es in der Lage, eine ganze phänomenale Welt zu erzeugen." Was aber unterscheidet ein träumendes von einem wachen Gehirn? Mit den gegenwärtig verfügbaren Diagnosetechniken ist kein Unterschied zu erkennen. Differenzen bestehen nur im Informationsfluß. "Eigentlich träumen wir immer", sagt Revosuo. "Doch wenn wir wach sind, wird der Traum von der Wahrnehmung geformt und mit der Wirklichkeit in Übereinstimmung gebracht."
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1998
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