Kaum ein Konsumbereich ist derart mit Emotionen und Tabus befrachtet wie der Umgang mit legalen und illegalen Suchtmitteln. Jetzt hat ein stocknüchterner wissenschaftlicher Report aus Frankreich versucht, eine Rangliste der Gefahren aufzustellen, die von den gebräuchlichsten Drogen ausgehen. Eine seiner zentralen Aussagen: Drogen lassen sich in drei Risikogruppen einteilen. Zu den gefährlichsten Mitteln zählen die Opiate, Alkohol und Kokain. In die mittlere Kategorie fallen Ecstasy, Aufputschmittel, Beruhigungsmittel und Tabak. Relativ geringe Risiken gehen mit Cannabisprodukten wie Haschisch und Marihuana einher (siehe Tabelle).

"Wir haben versucht, weltweit zum erstenmal eine Richter-Skala der Risiken zu erstellen", erklärt Bernard Kouchner, Staatssekretär für Gesundheit im französischen Ministerium für Arbeit und Solidarität. Kouchner hatte im vergangenen Jahr den Pariser Pharmazieprofessor Bernard Roques beauftragt, ein Team zu bilden, die internationale Literatur zu sichten und die Gefährlichkeit von Suchtmitteln zu vergleichen. Roques berief eine zehnköpfige Expertenkommission nebst sieben externen Beratern und lieferte im Mai einen 190 Seiten starken Bericht ab, der sich liest wie ein Lehrbuch der molekularen Pharmazie und Toxikologie. Der Öffentlichkeit präsentiert wurde der Report am 17. Juni von Le Monde - pünktlich zum Start einer Debatte im Senat über Risiken der Drogensucht. Kurz zuvor hatten Staatspräsident Jacques Chirac und Regierungschef Lionel Jospin betont, sie dächten nicht daran, den Konsum weicher Drogen künftig straffrei zu stellen. Es galt also, politisch harte Bretter zu bohren.

Wie sehr das Thema politisiert ist, zeigt folgende Merkwürdigkeit: Bernard Roques ist Abteilungsdirektor des Nationalen Instituts für Gesundheit und medizinische Forschung (Inserm). Die Presseabteilung des Inserm darf seinen Bericht jedoch nicht weitergeben. Dafür sei ausschließlich das auftraggebende Ministerium zuständig. Dieses wiederum rückte das Werk nur widerborstig heraus.

Staatssekretär Bernard Kouchner rudert derweil in schwierigem Wasser. In einem Interview mit dem Nouvel Observateur behauptete er, eine Änderung jenes Gesetzes, das jährlich 900 französischen Cannabisfreunden Gefängnisstrafen einbrockt, sei nicht sein Ziel. "Das Gesetz von 1970 zu ändern, einfach damit die Leute Cannabis rauchen können, ehrlich, das macht keinen Sinn und interessiert mich nicht." Sein Ziel sei es, die Jugend zu warnen. "Um Risiken zu reduzieren, muß man zuerst informieren. Und zum Informieren muß man die Debatten dort provozieren, wo Tabus existieren." Statt Ideologie sei Wahrheit gefragt, der Konsum von Cannabis solle nicht straffrei gestellt, sondern reglementiert werden wie beim Alkohol. Bravo.

Sollen Sportler lieber trinken oder einen Joint rauchen?

Doch wer den Anspruch erhebt, ideologiefreie Wahrheit zu verbreiten, der sollte deren Veröffentlichung jenen Wissenschaftlern überlassen, die im Team nach ihr gesucht und darüber berichtet haben. Zumal der Auftraggeber Bernard Kouchner bereits lange zuvor klar Partei für die Legalisierung weicher Drogen ergriffen hatte. So steht etwa in seinem Buch "Die medizinische Diktatur" zu lesen: "Es ist Dummheit, Sportlern das Rauchen eines Joints zu untersagen, wenn sie nach dem Spiel gemeinsam einen trinken gehen." Kouchner hat auch eine Initiative unterstützt, die eine Legalisierung des Cannabisgebrauchs forderte.

Der Vergleich des Roques-Reports mit einer Richter-Skala schießt über das Ziel hinaus. Die Wissenschaftler selbst warnen davor, den Bericht als festgefügtes Urteil zu betrachten. So könne sich beispielsweise der Verdacht künftig erhärten, daß Ecstasy schwere Nervenschäden verursacht. Dann wäre diese Modedroge in der ersten Kategorie der gefährlichsten Substanzen einzureihen.