Ein schöner, klarer Satz: "Wo immer man in Hamburg hinfaßt, man faßt in rote Grütze." Der Satz ist ein paar Jahre alt. Formuliert hat ihn der Staatsrechtler und ehemalige Zweite Bürgermeister der Stadt Ingo von Münch. Und jeder Hamburger weiß sofort, wovon die Rede ist: von dem Umstand, daß, wer hier Karriere machen will, gut daran tut, das richtige Parteibuch zu haben - das rote der SPD.

Wie aktuell der Vorwurf nach wie vor ist, das belegt die Einrichtung eines Parlamentarischen Untersuchungsausschusses (auch "PUA-Filz" genannt), der gerade seine Arbeit aufgenommen hat. Sein Hauptthema: dunkle, ja anrüchige Promiskuitäten in der Sozialbehörde der kürzlich zurückgetretenen Senatorin Helgrit Fischer-Menzel. Dazu später mehr.

Denn die, welche die Filzvorwürfe vorbehaltlos bejahen, denen ist das Herz zwar voll, aber sie lassen sich nicht zitieren. Die sich jedoch, wenn auch das zuvor Gesagte diplomatisch umformulierend, zitieren lassen, bringen allenfalls ein "Ja, aber" zustande. So entsteht, nach und nach, das Bild eines in sich oft bös zerstrittenen Milieus, das aber gleichsam zwangsweise gerahmt bleibt durch das Band der Parteifreundschaft (ein Wort übrigens, das oft genug nur mehr zynische Verwendung findet).

Dabei beginnen die Schwierigkeiten bereits im objektiven, im definitorischen Raum. Was genau bezeichnet die Metapher vom "roten Filz"? Und ist das, was man da findet, wirklich illegal, "nur" illegitim, oder zeugt der Befund von nichts anderem als verlorengegangenem Sinn für politischen Anstand? Manch einer bezweifelt, wie zu sehen sein wird, sogar das.

Die einfachste Form des Filzes ist die einer Postenbeschaffung, die an die richtige Parteizugehörigkeit gebunden ist. Und schon dieser simple Kausalzusammenhang ist schwer zu belegen, wenn auch die Häufigkeit der Fälle eine ziemlich reißfeste Indizienkette abgibt. Komplizierter noch wird die Angelegenheit, wenn Doppel- oder gar Dreifachauftritte in Partei, Verwaltung und Politik zu notieren sind. Wenn Karriere, Funktionen und Ämter so gemischt sind, daß nicht allein der Verdacht entsteht, hier sahne einer kräftig ab, sondern auch der, daß, absichtsvoll oder nicht, die notwendige Kontrolle außer Kraft gesetzt ist (siehe Graphik Seite 14).

Schließlich sind da noch die Gewerkschaften, die an den Versorgungsketten fleißig mitschmieden. Allen voran die in Hamburg mit 60 000 Mitgliedern bei weitem größte, die ÖTV. Klaus von Dohnanyi, von 1981 bis 1988 Erster Bürgermeister der Stadt, erinnert sich ebenso bitter wie lapidar: "Sie (die ÖTV) hat eine oft sehr negative Wirkung in der Stadt, mit ihrem Druck auf die Personalräte."

Unternehmen wir nun, nach der Besichtigung der allgemeinen Gegebenheiten, eine erste, ganz praktische Tour d'horizon durchs sozialdemokratisch besetzte Hamburg, blicken auf Sport und Unternehmen, Banken und Kultur - auf beinahe zufälliger Wanderung, entlang an den verwischten Grenzen zwischen Partei, Politik und Verwaltung. Zum Beispiel: der HSV. Als Uwe Seeler, wahlweise "der Retter" oder "das Idol", jedenfalls der SPD-Mitgliedschaft nicht verdächtig, das Ruder des havarierenden Traditionsvereins übernahm, brachte er als Steuermann Volker Lange (SPD) mit, den früheren Wirtschafts- und Innensenator der Stadt. Lange hielt das Glück nicht, der Mann mußte nach ebenso massiven wie unaufgeklärten Vorwürfen wieder gehen. Langes Nachfolger als Innensenator hieß Werner Hackmann (SPD). Als auch der politisch verunglückte, zog es ihn nach einem Zwischenspiel als Geschäftsführer eines - freilich privaten - Sicherheitsdienstes in den Sport, als Präsident des Hamburger Sportbundes (HSB). Er hatte dieses Amt von Friedel Gütt (SPD) geerbt, der nach fünfzehnjähriger Regentschaft zurücktrat, als es unter den Fachverbänden zum Streit gekommen war um die Verteilung der Lotto- und Toto-Pfründen. Chef der staatlichen Lotto- und Toto-Gesellschaft ist Dieter Heering (SPD), der diesen lukrativen, wenn auch die Arbeitskraft nur mäßig fordernden Posten besetzen durfte, als er, zuvor glücklos agierend, den Job des Polizeipräsidenten aufgab. Chef des HSB ist unterdessen Jürgen Dankert (SPD) geworden. Und der neue starke Mann des HSV heißt - Werner Hackmann.