Die erste Begegnung mit der Ilala ist die mit einem Geisterschiff. Ein dumpfes, langgezogenes Hupen, ähnlich dem Brüllen eines verwundeten Tieres, zerreißt plötzlich die pechschwarze Stille der afrikanischen Nacht. Langsam bohrt sich der Ton in den Schlaf, mischt sich in die Träume und weckt schließlich die Schläfer.

Das kann nur die berühmte Ilala sein, das einzige regelmäßig auf dem Malawi-See verkehrende Schiff. Seit zwei Tagen schon sammeln sich an der Anlegestelle in Nkata Bay Menschen, beladen mit Körben voller Trockenfisch, dicken Paketen mit Tambala iodized kitchen salt und mit großen, zum Bersten gefüllten Taschen. Die Mehrzahl der Wartenden sind Frauen, die hier den Markt besucht haben und jetzt in ihre Dörfer zurückkehren mit Waren, die es dort nicht gibt. Fast jede von ihnen, die da geduldig warten an der Anlegestelle, die Feuer machen am Boden und nsima kochen, den weißen Maisbrei, trägt ein Kind auf dem Rücken.

Von der Bambushütte aus ist in der Dunkelheit nichts zu erspähen. Der Schlaf ist noch nah, die Ilala wird morgen auch noch dasein. Ist sie nicht. So daß die Schläfer am nächsten Morgen rätseln, ob sie wirklich dagewesen ist oder nur ein Geisterschiff. Doch die Menschen sind vom Anleger verschwunden.

Nach Chilumba, dem nördlichsten Haltepunkt der Ilala, führt die schlechteste Straße Malawis. Schlagloch reiht sich auf der Küstenstraße an Schlagloch. Alle acht Leidensgenossen auf der Ladefläche des Pick-ups sind - meist erfolglos - damit beschäftigt, eine Haltung zu finden, bei der nicht jedes Loch ungefedert bis in den Schädel durchzuschlagen scheint. Auf der einzigen Hauptstraße nach Norden verlangt Reisen noch körperlichen Einsatz, es strengt die Oberschenkel an wie Skifahren.

Chilumba ist ein Kaff und besteht aus einem Hafen, einem riesigen Benzindepot und einer staubigen Straße mit flachen, rechteckigen Strohdachhäusern. Laut ist das Städtchen, denn die Fahrer der Tanklaster, die das Benzin aus Tansania hierherbringen und von Chilumba aus auf das ganze Land verteilen und auch die auf die Ilala wartenden Reisenden wollen unterhalten sein. Mit Bier, mit Frauen und mit lauter afrikanischer Popmusik.

Einmal die Woche, irgendwann zwischen Sonntag abend und Montag früh, läuft die Ilala Chilumba an. Nachdem sie - meist mitten in der Nacht - Passagiere und Waren aller Art eingeladen hat, geht es mit vielen Zwischenstopps im Zickzack den See hinunter, der mit seinen gut 28 000 Quadratkilometern Fläche größer ist als Hessen. Erst hält sich das Schiff am malawischen Ufer, dann fährt es hinüber vor die Küste Mosambiks zu den Likoma-Inseln mit ihren vielen Affenbrotbäumen und dann wieder zurück nach Malawi, Nkata Bay. Von dort geht es noch einmal über den See, diesmal ans tansanische Ufer, und dann auf malawischer Seite in den Süden bis zur Endstation Monkey Bay nahe dem Cape Maclear National Park.

Der Malawi-See, zwölftgrößter See der Welt, bedeckt etwa ein Fünftel der Fläche des Landes. Lang und schmal zieht er sich von Norden nach Süden gut fünfhundert Kilometer an der Ostseite entlang. Drei Tage und zwei Nächte dauert die Fahrt von Chilumba im Norden bis Monkey Bay im Süden. Für viele Orte am See und die Likoma-Inseln ist die Ilala die einzige Verbindung zur Außenwelt, vor allem in der Regenzeit, wenn die Straßen fortgespült sind.

Auf dem Unterdeck in der dritten Klasse sind die meisten Passagiere schwarz, man schläft dicht gedrängt auf dem Boden auf den mitgebrachten, geflochtenen Schilfmatten. Daneben verschnürte Pappkartons, vollgepackte Sport-taschen und Säcke voller Zuckerrohr.

Diese Ilala ist die zweite ihres Typs. Mit ihrer in alle Einzelteile zerlegbaren Vorgängerin erreichte im vergangenen Jahrhundert der schottische Missionar und Entdecker Robert Laws die Ufer des Malawi-Sees, der damals noch Nyasa-See hieß.

Die Schotten hatten das Schiff aus Europa mitgebracht und waren über die Flüsse Sambesi und den Shire, der den See von Süden her speist, hierher gelangt. Dazu mußten sie das Schiff allerdings zwischendurch einmal zerlegen und von 800 Trägern über Stromschnellen transportieren lassen. Das war 1875.

Kapitän und Crew tragen Shorts und Badeschlappen

Die heutige, zweite Ilala versieht ihren Dienst bereits seit dem Jahr 1948. Das einstige luxuriöse Flair der ersten Klasse ist noch immer zu spüren, inzwischen allerdings bereichert um den Charme des Verfalls und der Nostalgie. Und durch schlichte Nachlässigkeit: Der Toilettenschrank ist verkehrt herum angebracht und die Aufhängung der Gardine ist eingerissen. Aber die Kojen sind richtige Betten! Die Verladegeräusche, die Stimmen und schließlich das Tuckern der Motoren lullen uns in den Schlaf. Als das Schiff losfährt, krabbelt eine verwirrte Kakerlake am Vorhang hoch.

Am nächsten Morgen erschallt über den kleinen quadratischen Bordlautsprecher an der Wand die Stimme des Kapitäns: "Stand by, stand by, arriving Charo, stand by!" Es ist fast sechs Uhr, die Ilala schon ein Stück gefahren, und auf der dem Land zugewandten Seite prasselt ein tropischer Schauer nieder. Auf der anderen Seite geht die Sonne auf. Die Mischung aus niederstürzenden Wassermassen und Sonnenaufgang taucht alles in ein unwirkliches gelbes Licht. Nach zehn Minuten läßt der Regen nach und gibt den Blick frei auf saftig grüne, mit tropischer Vegetation überwucherte Hügel und Berge, an deren Fuß einige Rundhütten stehen. Die Ilala ankert vor der Küste. Nur an wenigen Haltestellen gibt es Anlegestege. Das Beiboot wird mit Zementsäcken beladen. In dem Dorf, am Fuße der Hügel, soll eine Schule entstehen. Fünfmal fährt das Boot hin und her, drei Stunden liegen wir vor Anker.

Später weht warmer Fahrtwind über das sonnige Oberdeck, wo wir auf einer Bank sitzen und die Landschaft wie einen großartigen Naturfilm vorüberziehen sehen. Leuchtend grüne Hügel, sandige Buchten, hin und wieder kleine Dörfer aus Strohhütten.

Auf der Brücke gehen derweil Kapitän John Mhongo und seine Crew, alle in Shorts, T-Shirts und Badeschlappen, ihrer Arbeit nach: "Stand by, stand by, arriving Mlowe."

Wo immer die Ilala hält, paddeln sofort Fischer in Einbäumen auf dem türkisfarbenen Wasser heran, um den Passagieren Teile ihres Fangs anzubieten. Auf dem Unterdeck wird eifrig gefeilscht. In Charo kommen acht Kartons an Bord. In jedem Karton stecken vier Plastiktüten mit Wasser und Sauerstoff, in jeder Plastiktüte vier bunte Fische, blaue und orangefarbene Cichliden, die hier bei Charo im See gefangen wurden. Die Ilala bringt sie zur Fischfarm in Senga Bay, die sie dann exportiert.