Sie ist allgegenwärtig in diesem Sommer, ihr Antlitz flattert auf Fahnen, lächelt von Plakaten und Prospekten: Bayreuth huldigt Wilhelmine, seiner berühmtesten Markgräfin. Einer Frau, die eine kleine Residenz ins Rampenlicht rückte und deren Bauwut ein paar architektonische Glanzlichter hinterließ: das elegante, langgezogene Neue Schloß, die Eremitage und vor allem das markgräfliche Opernhaus. "Das vergessene Paradies", so heißt die Ausstellung in Bayreuth, die sich der Regentin widmet, die eine preußische Prinzessin war. Anlaß ist der 250. Geburtstag ebenjenes Opernhauses, eines vollständig erhaltenen Rokokoprunkstücks, geschaffen von den italienischen Theaterarchitekten Galli Bibiena.

Glaubt man ihren Memoiren, gleicht Wilhelmine Friederike Sophies Kindheit einem Horrorszenarium. Die "ungnädig empfangene" Erstgeborene des preußischen "Soldatenkönigs" Friedrich Wilhelm I. wächst an einem Hof auf, dessen höchste Kunst das Intrigantentum ist. Schon im zweiten Lebensjahr wird sie zum Spielball der Heiratspläne ihrer Eltern, ständig bedroht von den recht handgreiflichen Wutausbrüchen ihres Vaters und den Launen ihrer Mutter. Die stammt aus dem Hause Hannover und will sie an den englischen Kronprinzen verschachern, der Vater durch eine Ehe die Verbindungen ans Kaiserreich festigen.

Bayreuth ist ein Fiasko. 7000 Einwohner groß, das Schloß verrottet. In die Zimmer "führte ein langer, mit Spinnweben überzogener Korridor ..., der so schmutzig war, daß es einem ganz übel wurde. ... Ich befand mich in einer neuen Welt mit Leuten, welche Dorfbewohnern ähnlicher sahen denn Höflingen." Der bigotte Schwiegervater, "sein Hauptfehler war seine Trunksucht", hält sie knapp mit Geld. Wo ist sie gelandet? Aber ihren Mann liebt sie voll Leidenschaft, "unsere Ehe war die glücklichste" - auch wenn er beim Sprechen mit der Zunge anstößt.

Schließlich stirbt der Schwiegervater, und für das junge Regentenpaar brechen bessere Zeiten an. Die Finanzen werden saniert. Der Markgraf wünscht: "Es sollen in meinem Land alle glücklich sein", und seine Gattin kann beginnen, sich ihr kleines Reich nach ihren Wünschen zu formen.

Ihrem Gefühl für Lifestyle läßt sie bei ihren Bauten freien Lauf

Wilhelmine, in ihrer Jugend darauf gedrillt, einmal Königin von England zu werden, ist intelligent, überheblich, gebildet - und sie setzt alles daran, daß sich das provinzielle Bayreuth als Residenzstadt profiliert. Ihrem Standesbewußtsein und ihrem Gefühl für Lifestyle läßt sie dabei freien Lauf. Für zwei Jahrzehnte gelingt es ihr. Bald nach ihrem Tod im Jahr 1758 versinkt der Musenhof der Markgräfin im Dornröschenschlaf.

Nun besinnt sich Bayreuth seiner Vergangenheit. Mehr als 300 Fahnen knattern im Wind und sollen den Besuchern den Weg ins vergessene Paradies weisen. Heute ist Bayreuth 74 000 Einwohner groß, Sitz der Regierung von Oberfranken, Universitätsstadt: normierte Fußgängerzonen, barocke Anklänge in der Friedrichstraße, ein paar gefällige Gassen um die Stadtkirche, dominierend noch immer das Alte Schloß, jetzt Sitz des Finanzamts.

Im Neuen Schloß beginnt der Weg durch die Ausstellung und durch die eigenwillige Ideenwelt der Markgräfin. "Ich liebe alles Spekulative", ein Satz aus ihren Memoiren wird zum Programm. Nicht nur in der griechischen Sagenwelt zu Hause, sondern auch mit asiatischer Literatur vertraut, voll Kenntnissen der Symbolsprache: So ist ihr Arkadien, durchaus mit der Mode konform, auch fernöstlich inspiriert. In ihrem Spiegelscherbenkabinett prangt sie zwischen kunstvoll durch Rauten gebrochenen Spiegeln als weise Herrscherin in einem Teehaus. Im Japanischen Zimmer, ihrem Schlafraum, ranken sich fremdartige Pflanzen an goldenen Stuckspalieren bis an die Decke, flattern exotische Vögel an den Wänden, konnte sie vom Bett aus ihr Konterfei, dargestellt als Chinesin, erblicken. Wilhelmine verstand sich in Szene zu setzen.

Und der Markgraf finanzierte, schien Verständnis zu haben für die künstlerischen Eskapaden seiner Frau. Vielleicht weil sie ihm Raum ließen für seine eigenen. Wilhelmine litt, als er sich ausgerechnet ihre beste Freundin als Mätresse erkor, und ließ nichts unversucht, die Dame außer Landes zu bringen.

Ihr Markgraf war durchaus kein Bauerntölpel. Er hatte seine Kavalierstour absolviert, in Genf studiert, er war den Künsten zugeneigt wie sie, malte nicht viel schlechter. Man sammelte Kunst und Kuriositäten am Hof, was noch ein paar Exponate belegen.

Sein Schwager Friedrich hatte den Markgrafen mit der Freimaurerei vertraut gemacht, nun gründete er in Bayreuth seine eigene Loge und konnte seinen Freunden einen fulminanten Versammlungsraum bieten, das Palmenzimmer im Neuen Schloß. Nußholzvertäfelte Wände münden in goldenen Wedeln, ragen bis in den Himmel, an dem goldene Drachen und Basilisken schweben, ein einziges Zeichen des Friedens in der Symbolwelt der damaligen Zeit.

Eines der berühmtesten Bilder von Wilhelmine wird in der Ausstellung als eine Vielzahl von Anspielungen entschlüsselt. Die Markgräfin im Pilgergewand, ein Hündchen auf dem Schoß, ein Buch in der Hand, sitzt in einer Grotte, daneben Noten, Stifte und Malkasten. Das Kleid deutet auf ihr "Exil" Bayreuth, die Grotte auf nachdenkliche Zurückgezogenheit, der edle Schmuck auf ihr Standes- und Selbstbewußtsein, das Buch "Traité d'Amitié" nicht nur auf ihre Belesenheit, sondern auch auf den großen Wert, den sie der Freundschaft beimaß - und dennoch ließ sie ihren Zwergspaniel Folichon, ihr ein und alles, auf Deckengemälden ihrer Schlösser immer wieder abbilden. Die Stifte liegen stellvertretend für ihre Malerei, sie bevorzugte Sujets, in denen Frauen sich der Politik opfern wie Lukretia, wie Kleopatra. Die Noten schließich versinnbildlichen ihre Liebe zur Musik und zur Oper.

Die klingt schon im Musikzimmer des Neuen Schlosses an. Von den Wänden leuchten gülden Trompete, Trommel, Harfe und Schalmei, Notenblätter rollen sich unter den Portraits ihrer Sangeskünstler, die sie aus Italien kommen ließ. Wilhelmine schlug die Laute, spielte Cembalo, sang. Sie schrieb nicht nur Libretti für Opern, sie komponierte sie auch. Nur folgerichtig, daß die Markgräfin ein Opernhaus haben wollte, zumal ihr Bruder sich gerade eins in Berlin gebaut hatte. Die bevorstehende Hochzeit ihres einzigen Kindes, ihrer Tochter Friederike, gab den Anlaß.

Ein Sproß der berühmten italienischen Architektenfamilie Galli Bibiena, die schon für den Habsburgerkaiser Leopold in Wien die Oper gebaut hatte, war für Wilhelmine gerade gut genug, den Innenraum zu kreieren. Giuseppe Galli Bibiena, tätig am Dresdner Hof, wurde nach Bayreuth ausgeliehen. Sein Sohn Carlo half mit. In den oberen Stockwerken des Neuen Schlosses bereiten wahrhaft bombastische Bühnenbildentwürfe auf den Höhepunkt der Veranstaltung vor - das markgräfliche Opernhaus, vielleicht das schönste Europas, auf jeden Fall das einzige erhaltene Rokokotheater jenseits der Alpen.

Von außen gliedert es sich unauffällig in den Straßenzug ein, eher einem Schloß denn einer Oper gleich. Musen krönen den Sims, vom Balkon aus werden Trompeter die Ankunft des Herrscherpaares hinausposaunt haben. Auftakt zu einer einzigartigen Selbstinszenierung des Regentenpaars. Das Foyer wirkt schlicht, fast kahl, doch dann tut sich ein kaum faßbarer Prunk auf. Birnenförmig um die Bühne angeordnet, steigen drei Ränge nach oben, alles Holz, alles bemalt, kein Fleckchen, an dem das Auge Ruhe finden kann. Gold strahlt aus dem Halbdunkel der Ränge. Girlanden und Masken, Putten und Figuren, aber auch nichts ohne die allegorische Bedeutung, den Ruhm des Markgrafenpaares deutlich zu machen. Wilhelmine inszeniert in ihrer Oper zuvörderst sich und den Gatten als Urheber eines goldenen, eines friedvollen, nur den Künsten gewidmeten Zeitalters.

Auch die Opern, die Wilhelmine hier aufführen ließ, darunter ihre eigenen, waren letztendlich nichts anderes als die Verherrlichung ihrer Herrschaft. Doch dem Opernhaus ist kein Glück beschieden. Drei Tage nach Wilhelmines Tod wird es geschlossen und zweimal zum Abbruch angeboten. Keiner will es. Zum Geburtstag erzählt eine Tonbildschau seine Geschichte und knapp, in einem Dialog mit ihrem Freund Voltaire, auch die der Markgräfin.

Sie vergrößerte den Bau um die kleinen Zellen zum Alten Schloß, entwarf schon hier wie später in Bayreuth ein Spiegelscherbenkabinett, ihren Zufluchtsort, an dem sie ihre Memoiren schrieb. Für das Japanische Zimmer schickte ihr Bruder zwei Täfelungen. Friedrich sorgte immer wieder für ihr Wohl. Nicht nur durch seine Briefe, sondern auch zum Beispiel durch Sendungen von ungarischem Wein.

Die Protestantin ruht in der katholischen Kirche

In der Eremitage, diesem fünfzig Hektar großen Gebiet, arrangiert Wilhelmine nicht nur den Garten, in dem sie Laubengänge und Wasserspiele anlegen läßt, eine Grotte und Skulpturengruppen, sie baut auch ein Neues Schloß dazu, das eine einzige Hommage an ihren Gatten ist. Die zentrale Kuppel krönt sie mit einem goldenen Apoll, der sein Viergespann lenkt, Symbol für den Friedensfürsten, den Markgrafen. Außen läßt sie den Tempel mit Säulen aus Tuffstein umgeben, die geschmückt sind von bunten Glasschlacken und Kristallen, ein irisierendes Farbenspiel, vor dem in einem großen Becken Fontänen sprudeln. Wilhelmine hatte ein Auge für Showeffekte.

Heute versucht die Stadt mit der Ausstellung all die Kostbarkeiten, die Wilhelmine auch auf Kosten ihrer Untertanen schuf - ihr Mann hinterließ das Land hochverschuldet -, in die Aufmerksamkeit der Touristen zu rücken. Die Bauwerke aus jenen Jahrzehnten, als Bayreuth, dank seiner ambitionierten, frustrierten und dauernd kränkelnden Herrscherin sich mit den großen Residenzstädten Deutschlands messen konnte, sollen wieder stärker in Erinnerung gebracht werden.

Rund dreißig Kilometer außerhalb von Bayreuth liegt in der Fränkischen Schweiz Wilhelmines Naturparadies. "Sans pareil", ohnegleichen, soll ein Freund des Markgrafen ausgestoßen haben, als er das Gelände sah. Wilhelmine konnte nicht umhin, das paradiesische Revier nach ihren Gedanken umzuformen. Die bizarren, von der Natur geschaffenen Grotten blieben, aber die Markgräfin versah sie mit symbolischem Charakter, mit Namen, die sie Fénelons Roman über die Abenteuer des Telemach entnommen hatte. Mitten hinein postierte sie ein kunstvolles Ruinentheater, wie sie mit einem ähnlichen schon die Eremitage versehen hatte.

Wilhelmine stirbt kaum fünfzigjährig. Der königliche Bruder trauert und verewigt sie in einer Marmorstatue. Bayreuth fällt erst an die Markgrafenschaft Ansbach, dann an Preußen, schließlich an das neue Königreich Bayern - und es fällt in Vergessenheit. Wilhelmine, die protestantische Preußin, ruht in der Schloßkirche, die auch zu ihrer Zeit entstand, begleitet vom Markgrafen und von der Tochter; heute ist das Gotteshaus katholische Pfarrkirche.

In der Mitte des letzten Jahrhunderts macht sich ein Komponist auf die Suche nach einer kleinen, zentral gelegenen Provinzstadt, um dort seine Opern aufzuführen. Er hört von einem zauberhaft schönen Theater, besichtigt es, und ihm wird klar, daß es zu filigran ist für seine gewaltigen Aufführungen. Dennoch: Er bleibt in der Stadt, und zur Grundsteinlegung seines Opernhauses dirigiert er in dem Märchentheater Beethovens Neunte.

Seitdem überdeckt Richard Wagner den Ruhm der begabten, stolzen und innovativen Wilhelmine, die so viel für Bayreuth getan hat. Nur ihre Opern sind eben nicht ganz so berühmt geworden.