Endloser Schlagabtausch

Bruce Nauman in der Hamburger Kunsthalle von Petra Kipphoff

Ausstellungen von Bruce Nauman bedürfen keiner Hinweisschilder am Museumseingang. Sie sprechen für sich. Man hört, bevor man sieht. Man folgt dem Schreien, Seufzen, Jammern, eine Einladung der besonderen Art, dem Leben abgeschaut, das mit Publikum rechnen kann, wenn zwei Wagen ineinanderkrachen. Und hört hier auch gleich den großen, gnadenlosen Schmerzensmann heraus, der seit 1992, als er auf der documenta 9 in Kassel im Zentralraum des Fridericianum seinen Auftritt hatte, uns so endgültig vertraut ist wie der Anfang der "Eroica". Uwe M. Schneede, kein Mann der überhasteten Entscheidungen, hat die Videoinstallation damals sofort für die Hamburger Kunsthalle gekauft, und seit Eröffnung des Neubaus im Frühjahr 1997 dreht sich der kahle Kopf des Performance-Künstlers Rinde Eckert auf drei Wänden und drei mal zwei übereinandergestellten Monitoren zum gleichermaßen klagenden wie aggressiven Singsang. Sein "Feed Me/Eat Me/Anthropology" und "Help Me/Hurt Me/Sociology" verbalisieren, kopfüber/kopfunter, den Chiasmus des springenden Kopfes, das Kreuz mit den beiden großen Wissenschaften, die hier aufgerufen werden, sorgen, in ihrem Sarkasmus, für einen Unterton von Komik. Nicht jeder Besucher mag die akustische Intensität dieser Arbeit aushalten. Was, wie ein Mediziner sagt, vor allem damit zusammenhängt, daß die prompte Adrenalinausschüttung der etwas langwierigeren Tätigkeit des Großhirns keine Chance läßt.

Um "Anthro/Socio", ohne Frage eine der großen Arbeiten von Bruce Nauman, in einen Kontext zu setzen, der über das Werk und den Künstler eine breitere und komplexere Auskunft gibt, haben Schneede und Frank Barth auf einem Stockwerk der Galerie der Gegenwart einen Rundgang durch das ‘uvre von Bruce Nauman zusammengestellt, den man auch die Abbreviatur einer Retrospektive nennen könnte. Und daß es ein wirklicher Rundgang ist, nämlich um den vom Architekten luxuriös frei gelassenen Lichthof herum, ist eines der stärksten Argumente des Werks und damit der Ausstellung. Denn die Arbeiten von Bruce Nauman fügen sich nicht in eine lineare Entwicklungsgeschichte, sie addieren sich eher zu einer Endlosschleife. Das ist der wahre, der stille und permanente Terror, den Nauman reproduziert und produziert, jenseits der auditiven oder visuellen Folter.

Bruce Nauman ist kein verzettelter Intellektueller, sondern ein observierender Kinästhetiker, der sich 1968 mit einer Videokamera in sein Studio setzte und die Erfahrungen von Körper und Raum im Gehen, Liegen, Drehen ausprobierte und dokumentierte und der heute das Zureiten von Pferden, über das er sehr genau Bescheid weiß, auf seiner einsam gelegenen Farm in Galisteo, New Mexico, ebenso ernsthaft und kontinuierlich betreibt wie die Arbeit an der Kunst. Beide Tätigkeiten verbinden ein Subjekt mit einem Objekt, haben mit Kontrolle zu tun, und von der sagte Nauman einmal, daß er sie nicht abgeben könne, da die Kunst, anders als das Spiel, auch eine moralische Verantwortung einschließe. "Beim Spiel folgt man einfach den Regeln. Aber Kunst ist wie Schummeln - man dreht Regeln um, man nimmt das Spiel auseinander und verändert es."

Ein Hauch von High-noon, aber ohne Tod und Trost

Es muß nicht immer "Dekonstruktivismus" sein. Durch "Schummeln" (cheating), die Aushebelung der Spielregeln, die mit der Moral nicht zu verwechseln sind, wird aus dem Spiel wieder Ernst, Kunsternst. Auch für den Besucher. Nach den Videofilmen, die Nauman selber oder eine fremde Person zeigen, und den Videoinstallationen, in denen der überwachte und im Bild festgehaltene Besucher auf eine vertrackte Weise anwesend ist und sich selber hinterherläuft, kann er in Korridoren und Raumspalten, die parallaktisch enggeführt sind, gelegentlich auch mit schalldämpfendem Material gepolstert, jenes Gefühl psychophysischen Zwangs erfahren, das ihn sofort wieder in den Rückwärtsgang treibt. Nichts wie raus! Die beiden endlos "no" schreienden und nach Rumpelstilzchenart aufstampfenden Clowns in der Videoinstallation "Double No" hingegen werden für immer im Fernsehquadrat springen.

Naumans Videos und, mehr noch, die engen Gänge und ausweglosen Korridore schaffen eine Zwangsjackenatmosphäre, und fast erleichtert reagiert der Besucher, wenn er das Flimmern, Klicken und Lärmen der bunten Neonbilder sieht und hört, Leuchtstoffröhrenzeichnungen vor Aluminiumpaneelen, auf denen die komische Geschichte von "Sex und Tod" nach der Art der nächtlichen Reklamefeuerwerke am Times Square abläuft. Hier zückt einer sein Messer, der andere seinen Penis. So lang, wie die Schaltung reicht. Der Moralist Nauman ist nie pathetisch und manchmal auch ziemlich komisch. Der Kampf der bunten Strichmännchen, die ebensoschnell wieder verschwinden, wie sie sich aufbauen, wird zu einem Slapstick in Neon, und die Vergeblichkeit, so wissen wir es seit Chaplin und den Marx Brothers, addiert sich zur quälenden Endlosigkeit.

Zur Physis gehört auch ihre Kehrseite, die bei Nauman nicht Gegenseite ist, sondern die Innenseite, das Unterfutter. Naumans Skulpturen sind die Präsenz des Unsichtbaren: Er zeigt den leeren Raum unter seinem Stuhl (ein Betonquadrat mit einem Absatz), die Gußformen von Tierkadavern (der Jäger Nauman entdeckte sie in Fachgeschäften auf dem Land), die wächsernen Köpfe (Vorbild war hier das Ausgießen von Totenmasken). Die Tierkadaver hat Nauman zu verschiedenen Karussells arrangiert, die sich auch drehen können, die am Boden schleifenden Kunstkadaver produzieren ein leises Kratzgeräusch. Die Köpfe, orange, blaugrün oder rot, stehen auf einer Wandkonsole oder hängen am Faden, kreisen langsam taumelnd. Und da ist man wieder bei Rinde Eckert, dem Glatzkopf, der schreiend um sich selber trudelt.

Kunsthalle Hamburg bis zum 6. September, Katalog 36,- Mark

Zur Startseite
 
  • Schlagworte Bruce Nauman | Documenta | Neon | Hamburg | Kassel
Service