Lehrer müssen Vorbilder sein
Baden-Württembergs Kultusministerin Schavan über Kopftücher in der Schule
die zeit: Frau Schavan, Sie haben gesagt, wer zu Toleranz erziehen wolle, müsse Toleranz vorleben. Zeugt Ihre Entscheidung, einer islamischen Kopftuchträgerin den Lehrberuf zu verweigern, nicht von Intoleranz?
Annette Schavan: Nein. Wir mußten die Rechte und Pflichten der Lehrerin, die Grundrechte der Schülerinnen und Schüler und ihrer Eltern berücksichtigen. Den Ausschlag hat am Ende die Signalwirkung gegeben, die das Tragen eines Kopftuches heute hat.
Schavan: Es geht nicht darum, wie irgendwer aus Ängsten ein Kopftuch interpretiert. Maßgeblich ist allein die Debatte um das Kopftuch und die Praxis des Kopftuchtragens innerhalb der islamischen Religionsgemeinschaft. Erstens gehört das Tragen des Kopftuches nicht zu den religiösen Pflichten einer islamischen Frau, deshalb benutzen weltweit die allermeisten muslimischen Frauen kein Kopftuch. Zweitens ist das Kopftuch - und dies sagen uns selbst viele Islamwissenschaftler - nicht allein ein religiöses Symbol, sondern auch ein Zeichen kultureller und zivilisatorischer Abgrenzung. Diese Tatsachen müssen abgewogen werden gegenüber den Wünschen und Erwartungen der jungen Lehrerin. Ich weiß aus vielen persönlichen Briefen und Berichten der Schulen, daß auch in Deutschland immer noch Mädchen und Frauen gezwungen werden, ein Kopftuch zu tragen. Eine kopftuchtragende Lehrerin wäre für diese Mädchen ein fatales Signal.
zeit: Fereshta Ludin will nicht missionieren. Das Kopftuch, sagt sie, sei Teil ihrer Persönlichkeit und kein Kampfmittel.
Schavan: Ja, das stimmt. Sie hat erklärt, daß sie weder missionieren noch agitieren wolle. Das unterstelle ich ihr auch nicht. Doch wenn ein Symbol selbst innerhalb der eigenen Religionsgemeinschaft so umstritten und zweideutig ist, dann muß man von ihr ein Stück Diskretion erwarten. Sie weiß um die Signalwirkung ihres Kopftuchs - auch im Hinblick auf die innerislamische Diskussion. Bei der Einstellung in den Schuldienst geht es nicht nur um die fachliche Leistung der Bewerberin, sondern auch um ihre Eignung. Eine Lehrerin muß Vorbild sein, sie repräsentiert mit ihrer Person auch die im Grundgesetz verankerte Werteordnung, in der gegenseitige Toleranz eine große Rolle spielt und in der jede Zweideutigkeit - gerade wenn es um die Grundrechte anderer geht - vermieden werden muß.
zeit: Würden Sie so auch bei einem christlichen Lehrer argumentieren, der ein Kreuz am Hals trägt? Oder einem jüdischen Lehrer, der eine Kipa aufsetzt?
Schavan: Weder dem Kreuz noch der Kipa haftet etwas Zweideutiges an. Sie sind hierzulande keine Symbole kultureller Abgrenzung. Niemand kommt auf die Idee, einen Mann oder eine Frau zu zwingen, ein Kreuz oder eine Kipa zu tragen.
Schavan: Das kann man auch umgekehrt sehen. Das friedliche Miteinander und die friedenstiftende Kraft von Religionen kann nur gelingen, wenn diese nicht ab- und ausgrenzen. Unsere Schulen leisten viel, um Integration zu ermöglichen. Um so bedeutsamer ist es, daß ein Kind nicht gezwungen wird, ein äußeres Symbol der Abgrenzung zu tragen. Und um so bedeutsamer ist es, daß der Staat sich aller Zeichen enthält, die jene bestärken könnten, die solchen Zwang ausüben.
Das Gespräch führte Martin Klingst
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 1998
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