Spätherbst in Teheran. Am Stadtrand ebbt das Gewühl der Straßen ab, der Himmel hebt sich, der Lärm wird leiser. Gelbliche Ulmen, Pappeln, Birken ziehen vorbei, ein ausgetrocknetes Flußbett, Fabriken, Rohrleitungen, Häuserblöcke aus Beton. Kinder spielen an öden Abhängen. Lastwagen wirbeln Staub auf. Die Steppe weitet sich zum Horizont, eine Hügelkette türmt sich auf, darunter, trostlos, die Vorstadt: wie ein Würfelwurf im Sand.

Durch diese Landschaft fährt ein Jeep. Darin sitzt ein Mann, gut gekleidet, unrasiert, Typ Lehrer oder Schriftsteller, und spricht Passanten an. "Komm mal her!" - "Falls Sie Geldsorgen haben, kann ich Ihnen helfen." - "Ich habe vielleicht einen gutbezahlten Job für dich." Manche reagieren mißtrauisch, andere wütend ("Hau ab, oder ich polier' dir die Fresse!"), doch dann steigt ein junger kurdischer Soldat zu ihm ins Auto, und der Mann wiederholt sein Angebot: "Die Arbeit ist ungewöhnlich, aber die Bezahlung auch." Der Soldat hört zu, erst neugierig, dann unsicher und verstört.

Vor vielen, vielen Jahren drehte der große Louis Malle einen bösen und traurigen Film, der hieß "Das Irrlicht". Da ging es um einen Mann mittleren Alters (gespielt von Maurice Ronet), der nach einer Entziehungskur sein Leben nicht mehr in den Griff bekommt. Bevor er sich umbringt, besucht er noch einmal seine Freunde und Freundinnen von einst, die sich in glatten, kalten, spießbürgerlichen Verhältnissen traumlos eingerichtet haben. Diese Phase hat Herr Badii schon hinter sich. So wie Abbas Kiarostami, der Erfinder des Herrn Badii, das psychologisierende Kino der fünfziger und sechziger, das worthascherische Kino der siebziger und das verunsicherte Kino der achtziger Jahre hinter sich hat, das europäische zumal.

Nichts ist Kiarostami fremder als der Erklärungswahn, die Seelendurchleuchtungspedanterie abendländischer Kammerspiele. Seine Geschichten beginnen mit der Feststellung des Tatsächlichen: Ahmad hat das Schulheft seines Banknachbarn eingesteckt ("Wo ist das Haus meines Freundes?"). Ein Erdbeben hat das Dorf Koker verwüstet ("Und das Leben geht weiter"). Der Maurer Hossein liebt die Schülerin Tahereh ("Quer durch den Olivenhain"). Und Herr Badii will sterben. Keine Zweideutigkeiten, keine Umwege. Kiarostamis Kino ist einfach und rein. Aber es ist nicht naiv. Und sein Schöpfer ist kein wildes Originalgenie aus Persien, sondern ein exakt kalkulierender Könner. Erst die westliche Sehnsucht nach ursprünglichen, von Vermarktung unberührten Kinobildern taucht die Filmemacher aus der Zweiten oder Dritten Welt immer wieder in den Glanz künstlerischer Unschuld. Dabei ist nichts reflektierter als das spielerisch Unmittelbare, wie es bei Kiarostami oder, auf andere Weise, bei seinem Landsmann Mohsen Makhmalbaf auf der Leinwand erscheint. Nicht zufällig beruft sich Kiarostami auf Godard, Antonioni, Jarmusch, lauter Manieristen und Meister des Kopfkinos. Denn um so wie Abbas Kiarostami Laien und Landschaften zum Sprechen zu bringen, muß man ebenso clever sein wie die gerissensten Filmerzähler - und vielleicht sogar noch mehr: Denn all das, was im klassischen Erzählkino als Ausweis besonderer Fertigkeiten gilt, geht bei dem iranischen Regisseur als unnötiger Ballast über Bord.

Wie einer, vom Leben berauscht, den Gedanken an den Tod vergißt

Abbas Kiarostami ist 58 Jahre alt; "Der Geschmack der Kirsche" ist sein neunter Spielfilm. Beinahe ein Alterswerk - und, anders als die anderen Dorf- und Stadtgeschichten des Iraners, kein Spiel mit Kindern, mit Jugendlichen. Und doch ein Film von geradezu kindlicher Schlichtheit: Ein Mann will sich umbringen und braucht dazu einen Gehilfen; er lädt nacheinander drei Männer in sein Auto ein und versucht sie zu überreden, seine Totengräber zu sein; schließlich, als er scheinbar einen Handlanger gefunden hat, legt er sich in das vorbereitete Loch und wartet auf den Anbruch der Nacht. Unten flimmert die Stadt. Oben glitzern die Sterne. Dann schieben sich Wolken vor den Mond, und alles wird schwarz. Blitze zucken. Regen rauscht herab. Das Ende, könnte man meinen. Aber so einfach ist der Tod auch bei Kiarostami nicht.

Nur selten verläßt die Kamera das enge und dröhnende Gehäuse des Wagens, mit dem Herr Badii seinem Grab entgegenfährt. So wird die Landschaft selbst zum Film, der vor den Scheiben vorbeiläuft. Das gibt den wenigen Momenten, in denen das Auge des Zuschauers aus dem Auto ins Freie geführt wird, eine unerwartete, geradezu glühende Sinnlichkeit. Kaum je hat man den Geruch der staubigen Erde, das Leuchten der Herbstfarben, die Geräusche der Steinbrüche und der Feldarbeit so intensiv zu spüren gemeint wie in diesem Film. "Der Geschmack der Kirsche" handelt auch vom Geschmack der Tage, an denen er gedreht wurde, vom eigentlich Ästhetischen, das im Kino meist unter zuviel Gerede und Getue begraben liegt. Bei Kiarostami wird die Handlung nicht durch dramaturgische Einfälle unterfüttert, sondern systematisch ausgedünnt. Das macht seine Geschichten arm und seine Bilder unendlich reich.