Also doch lieber nur Mutti sein?
Der große Traum heißt: Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Aber die Skepsis wächst, ob es denn geht
Um es gleich zu sagen, es ist mein absolutes Lieblingsthema. Wenn ich anfange, mich über die sogenannte Vereinbarkeit von Beruf und Kindern auszulassen, bin ich nicht zu stoppen, vielleicht, weil sich meine Gedanken dazu im Kreise drehen. Dabei ist das Problem schnell umrissen. Geht es? Oder geht es nicht?
Fragen wir das Internet, das Medium der Zukunft. Such, Maschine, alles zum Thema Mütter und Beruf! Die Kiste seufzt. Ächzt, stöhnt. Stöhnt jetzt sehr laut. Auf dem Bildschirm bauen sich zwei zitterige supernackte Brüste auf. Da steht was von Erotic Highlights und die Telephonnummer ... Nee, nee, das war ein Mißverständnis.
Der Guardian spricht von einer "kulturellen Wunde". Grimmig heißt es: "Wir haben uns eingeredet, es gebe eine neue Art von Gesellschaft, aber wir leben nicht danach."
In Amerika haben bei einer Umfrage unter 4000 berufstätigen Eltern mehr als fünfzig Prozent gestanden, sie fühlten sich schlecht, wenn sie ihre Kinder in der Obhut anderer ließen. Sie wollten mehr Zeit für ihre Kinder.
Jede fünfte Frau sagte, sie würde sofort aufhören zu arbeiten, wenn sie es sich leisten könnte. Männer sagten das übrigens auch.
Ein Traum ist in der Krise. Warum eigentlich? Eine 44jährige Altenpflegerin aus Wisconsin faßt es so zusammen: "Ich arbeite, mein Mann arbeitet, ich komme nach Hause und arbeite." Ein 35jähriger Manager sagte, bei dem Gerenne zwischen Kindergarten und Büro, den Einkaufsjagden am späten Nachmittag und der Erschöpfung am Abend sei das Problem "der Mangel an Zeit, die man mit seinem Leben verbringt". Die amerikanische Autorin Maureen Freely hat über ihre Erfahrungen ein Buch geschrieben. Untertitel: "Bilanz eines feministischen Versuchskaninchens", auf deutsch unter dem Titel: "Kinder, Job und jede Menge Leben" in der edition ebersbach erschienen. Ein selten wütendes Buch.
Freely gehört zu denen, die schon vor Jahren versucht haben, was jetzt so modern ist: mit wechselnden Lebensabschnittsgefährten die jeweiligen Kinder großzuziehen und gleichzeitig den Lebensunterhalt zu verdienen. Damit ist sie fertig. Fix und fertig sozusagen. Sie schreibt:
Feministinnen behandeln Mütter oft wie lästige Kinder
Gnadenlos rechnet Freely mit den Altfeministinnen ab, denen sie vorwirft, kinderlose Ziegen zu sein, die sich in Themen wie Abtreibung, Gewalt gegen Frauen, Belästigung und sexuelle Diskriminierung verrannt haben. Mütter seien von den Ikonen der Frauenbewegung - Simone de Beauvoir, Germaine Greer, Marilyn French zum Beispiel - immer abschätzig behandelt worden, auf eine Weise, wie frau es gemeinhin nur den Machos zuschreibe. "Wir werden wie nörgelnde Kinder behandelt, die den faszinierenden Diskurs über das Sklavenhalsband mit der überflüssigen Frage nach Saft gestört haben", schimpft Freely.
Irgend etwas ist schiefgegangen. Jahrelang galt die Fortschrittsvermutung, wir alle würden unaufhaltsam paradiesischen Zuständen entgegensegeln, in denen morgens die Kinder, womöglich von ihren Vätern befördert, in fröhlichen Kindertagesstätten verschwinden und die Mütter leichtfüßig ihrer eigentlichen Arbeit zustreben. O.k., es war ein Kampf, aber es gab Hoffnung. Nie zuvor in der Geschichte hat es so viele bestens ausgebildete Frauen an der Schwelle zu anspruchsvollen Berufen gegeben. Nie zuvor haben so viele Frauen versichert, sie wollten Beruf und Kinder.
Zukunftsforscher bestätigen tatsächlich, das könnte klappen. Aber sie weisen höflich darauf hin, daß es beim gegenwärtigen Tempo des Fortschritts noch etwa bis zum Jahr 2270 dauern werde, bis Frauen da seien, wo sie angeblich alle hin wollten. Oder kennt jemand eine Frau, die es echt tut?
Meine alte Freundin Dora, Einserabitur, Ärztin, vier Kinder, hat nie praktiziert. Liane, Grundschullehrerin, drei Kinder, gibt jetzt ein bißchen Sprachunterricht, "wenn die Kinder es nicht merken", sagt sie. Meine Freundin Ruth, meine Freundin Maxi, Rose, alle kinderlos und beruflich obenauf. Na ja, irgendwo müssen die Frauen sein, die laut Statistik schon gar keine Kinder mehr wollen. Bei den Vierzigjährigen sind es schon doppelt so viele Frauen wie in der Generation der Mütter. Heute sagen über zwanzig Prozent der jungen Frauen, sie würden aber gerne auf Kinder verzichten.
Meine Freundin Bettina, Graphikerin, zwei Kinder, wollte eigentlich nicht aussteigen. Ist aber doch ausgestiegen. Nur auf zwei Jahre, das ist vier Jahre her. Der Kleine wurde krank. Sie selber wurde krank. Bettina sagt: "Ehrlich gesagt, bin ich froh, daß es so gelaufen ist. Der Beruf würde alles von mir fordern. Und das will ich den Kindern geben. Ich will mich gar nicht ablenken lassen von meinem Leben mit den Kindern."
Wenn man so hinschaut, wie viele hochqualifizierte Frauen (nach einem nicht so billigen Studium und des öfteren nach sehr gelungenen Berufsanfängen) jetzt zu Hause oder auf dem Spielplatz herumtollen, könnte man sagen: alle Achtung! Wie man das hinkriegt, daß so viele kluge Frauen wieder den Arbeitsmarkt räumen: Kompliment! Man muß erkennen, wie so etwas funktioniert, um zu verstehen, warum es denn so schwierig ist, zu arbeiten und gleichzeitig die Kinder zu versorgen.
Die Zauberformel lautet: Erziehungsurlaub. Jedes Jahr nehmen knapp 400 000 Frauen Erziehungsurlaub. Ob die Jungs im Arbeitsministerium bei jeder zweiten eine Flasche Schampus öffnen? Mütter sind Blüms geheime Arbeitsbeschaffungsmaschinen. Jede zweite Frau, die Erziehungsurlaub nimmt, kehrt nicht an ihren Arbeitsplatz zurück. Das macht jedes Jahr in etwa 200 000 frei geräumte Stellen. Nein, nicht nur Stellen für Männer, wie Emma behauptet, so viele Sekretäre, Friseure und Verkäufer gibt es nun auch wieder nicht. Tatsache aber ist: Auch die Zurückgekehrten drücken sich in der Mehrzahl bescheiden an der Seite rum. Über die Hälfte von ihnen arbeitet nur noch Teilzeit, halbe Tage, drei Tage pro Woche und so. Damit verdient man natürlich ein paar Mark, aber keine Lorbeeren. Nur sechs Prozent der Mütter von Kleinkindern arbeiten voll, nur sechzehn Prozent der Mütter von Schulkindern, Zahlen, die seit Jahren stagnieren.
"Beschäftigungsrisiko Erziehungsurlaub" ist der Titel eines Buches, das in diesem Jahr zu dem Thema erschienen ist, herausgegeben von der Gesellschaft für Informationstechnologie und Pädagogik (GIP) in Moers. Die GIP ist Trägerin eines von Brüssel geförderten Projektes zur Rückkehrhilfe für Erziehungsurlauberinnen. Die Projektleiterin Stefanie Krug erklärt, wie der Rausschmiß funktioniert. Mit dem Rechtsanspruch auf den Arbeitsplatz sei das nämlich "so eine Sache", sagt sie. Der gelte meist für die alte Vollzeitstelle. Mütter wollen aber in der Regel nicht mehr Vollzeit arbeiten, weil es kaum Ganztagsbetreuung für die Kinder gibt oder weil sie häufig nicht so tolle Jobs haben, daß sie es lohnend finden, dafür ihre Kinder anderen zu überlassen.
Oder so: Der Arbeitgeber besteht darauf, daß die Stelle genau zum Ablauf des Erziehungsurlaubs angetreten wird. Babys, sagt Stefanie Krug, würden aller Erfahrung nach selten zum Stichtag geboren. Manches Baby kommt einfach im Februar zur Welt, nur so zum Beispiel. Nach drei Jahren muß Mutti wieder zur Arbeit - aber die Stichtagsregelung garantiert Purzelchen den Kindergartenplatz erst ab August. Eine Lücke von sechs Monaten, kann man das organieren? Das Kind erst für ein halbes Jahr bei der Zwischenlösung abgeben, dann dort rausreißen, in eine neue Gruppe stecken? Und taugt denn dieser Kindergarten überhaupt etwas? Ja, es gibt viele Wege ins Aus. Und sie zu beschreiten braucht auch Mut. Wer sich Gedanken über den Seelenzustand seines Kindes macht, riskiert sofort, von einer kinderlosen Freundin darauf hingewiesen zu werden, daß man wohl ein Opfer der frühbürgerlichen Mutterschaftsideologie sei!
Die Arbeitswelt funktioniert, als gäbe es keine kleinen Kinder
Der Erziehungsurlaub hat nicht nur einen Rauskehreffekt. Er suggeriert, daß es besser ist, mit einem Kind zu Hause zu bleiben. Und das stimmt womöglich auch noch, denn gerade weil es einen Erziehungsurlaub gibt, kann die Arbeitswelt kompromißlos weiterfunktionieren, als gäbe es keine kleinen Kinder.
Sagt der Chef eines Verlages: "Mit Leuten, die nur vierzig Stunden Zeit haben, fange ich doch gar nicht erst an, mich über die Arbeit hier zu unterhalten."
Besprechung früh um acht. Das ist vielleicht nicht nötig, trotzdem stellt sich die Frage: Wer bringt das Kind heute zur Schule? Außerplanmäßige Konferenz abends um sechs. Das wäre vielleicht auch früher gegangen, aber jetzt ist trotzdem schnell zu improvisieren: Wer holt das Kind bei seinem Freund ab? Tagung am Wochenende. Und das Fußballspiel der Eltern gegen die 4 a, Freitag um drei Uhr nachmittags, wer tritt da an?
Sagt der kleine Junge, wenn Mutti abends um halb acht die Tür aufschließt: "Und bleibst du jetzt ein bißchen, Mama?"
Ulrike Guerot ist eine Aussteigerin. Die deutsche Politologin war in den letzten Jahren im Stab von Jacques Delors, ehemals Präsident der Brüsseler Kommission. Ein toller Posten, ohne Angabe. Immer an der aktuellen Fieberkurve der hohen Politik, mit der Frühmaschine von Paris nach irgendwo, mit der letzten Maschine zurück, das heißt raus um fünf und nicht vor elf zu Hause. Sie hat das genossen. Nur: "Es waren die Jahre, in denen ich meine beiden Kinder bekommen habe. Ich gucke die Kinder an und denke: Oh, Schreck, die sind schon fünf und sieben. Ich würde fast soweit gehen zu sagen, ich habe sie nicht wahrgenommen."
Ulrike Guerot geht jetzt nach Washington. Sie hat einen Lehrauftrag an der Universität. Glück ist, mal einen ganzen Nachmittag frei zu machen, für sich selbst und für die Kinder.
Meine Freundin Sigi, Studienrätin und Mutter von drei Kindern, ist schon vor zwei Jahren ausgestiegen. Sie sagt: "Was ich in der Diskussion vermisse, ist der Gedanke, daß man seinen Kindern vielleicht selber etwas mitgeben möchte für ihr Leben."
Ein Artikel sollte auf keinen Fall zu negativ enden. Deshalb kommen jetzt drei positive Beispiele.
Die Fahrlehrerin. Die Fahrlehrerin kann sich ihren Tag einteilen. Mittags rast sie nach Hause und kocht Essen für die Kinder. Dann düst sie wieder los, die Kinder sind bei ihren Freundinnen. Dienstags und donnerstags sind die Kinder der Freundinnen bei der Fahrlehrerin. Das klappt! Sie sagt, sie versuche "für die Kinder wenigsten alles friedlich wirken zu lassen, der Streß ist ja nur innerlich bei mir".
Variante de Luxe. Waltraut Römmler betreibt mit ihrer Kollegin ein medizinisches Labor mit siebzig Angestellten und hat mit ihrem Mann drei Kinder, das jüngste ist vierzehn Jahre alt. Für zu Hause haben Römmlers schon seit über zehn Jahren eine Vierzigstundenvollzeitkraft, die macht da einfach alles. Wenn Frau Römmler von ihrer wunderbaren Hilfe schwärmt, klingt das, als sagte sie: Unsere Mama ist immer den ganzen Tag zu Hause!
Die Variante Super-de-Luxe. Die Anwältin sitzt in ihrem Büro, trägt ein elegantes graues Kostüm und hat gute Laune. Um halb drei wird sie zu ihren vier Kindern, die neun, sieben, vier und zwei Jahre alt sind, nach Hause gehen. Eine Haushälterin, der ein Au-pair assistiert, hält daheim inzwischen die Stellung. Fürs Grobe gibt es die Putzfrau. Geht die Anwältin einkaufen? Nein. Kochen? Nein! Vielleicht Essenspläne ...? Sie lächelt geduldig und sagt: "Ich bin keine Hausfrau. Ich bin Anwältin und Mutter."
Wie gesagt, das waren nur so ein paar Beispiele. Und weil es immer auch Leute gibt, die eine konkrete Perspektive möchten, nun ein ganz konkreter Vorschlag:
Alle, die jetzt in ihrem Beruf zuviel arbeiten, arbeiten ab morgen weniger und sind dafür mehr zu Hause. Das gilt vor allem für Männer. Für Frauen gilt, sie arbeiten zu Hause weniger und mehr im Beruf. Aber das ist ja nun wirklich nichts Neues.
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1998
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