Bitterer Blick zur Oder

Auch ein Jahr nach der großen Flut fürchten die Brandenburger den Fluß

Die Ahorne und Linden entlang der Straßenallee tragen auch jetzt, mitten im Sommer, keine Blätter: Die Bäume sind kläglich ertrunken. Man wird die Allee abholzen. Die Ziltendorfer Niederung nahe der polnischen Grenze bei Frankfurt an der Oder lag letzten Sommer zwei Meter unter Wasser. Nach wochenlangen Niederschlägen am Oberlauf des Flusses barst hier am 23. Juli der Deich. Das Wasser kam langsam und erreichte zuerst die Weizenfelder, die bald abgeerntet werden sollten. Am nächsten Mittag drang die braune Brühe dann in die Häuser der Siedlungen, die so kurzfristig evakuiert worden waren, daß die Menschen nur wenig ins Trockene retten konnten.

Mit einer solchen Katastrophe hatte hier niemand gerechnet - obwohl damals weite Teile Polens und Tschechiens längst überschwemmt und Hunderttausende obdachlos geworden waren. "Das Wasser stand ja schon öfter von Deichkrone zu Deichkrone, ohne daß etwas passierte", sagt Monika Jädicke. Sie wohnt in der Ernst-Thälmann-Siedlung, deren rund fünfzig Häuser am stärksten in Mitleidenschaft gezogen wurden. Seit der Flut haben die Menschen das Vertrauen in die Deiche verloren. Nach den Regengüssen der vergangenen Tage ist der Pegelstand zwar nicht alarmierend, trotzdem habe er ein "komisches Gefühl im Bauch", sagt Jädickes Nachbar Heinz Blümel. Trotz aller Ängste ist kaum einer fortgegangen. Gleich nachdem sich die Oder letzten August wieder ins vier Kilometer entfernte Flußbett zurückgezogen hatte, begannen sie, vermoderte Sofas und stinkende Kühltruhen wegzuschaffen. In der Thälmann-Siedlung fehlt zwar an vielen der bescheidenen Heime, die in den Pionierjahren der DDR errichtet worden waren, noch immer der Verputz. Aber überall wird gemauert und gefliest.

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"Bei uns treten sich die Handwerker gegenseitig auf die Füße", sagt Monika Jädicke, die neu bauen muß, weil ausgelaufenes Heizöl ihr altes Haus verseucht hatte. Sie und ihr Mann wohnen seit den ersten warmen Frühlingstagen wieder auf ihrem Grundstück - im ehemaligen Geräteschuppen.

Zwar steht ihnen weiterhin eine Notwohnung in Eisenhüttenstadt zur Verfügung, doch fahren sie nur noch zum Duschen dorthin. 300 000 Mark Spendengelder wurden dem Ehepaar Jädicke von den staatlichen Bauexperten für den im Herbst bezugsfertigen Neubau zugesprochen. Natürlich würden deshalb einige in der Siedlung blöd quatschen, sagt die 43jährige Frau. Doch erstens habe die Familie fleißig mitgearbeitet. Und zweitens könne sie alle Ausgaben belegen.

Nein, Bereicherung lasse sie sich nicht vorwerfen.

Ein Haus weiter, bei den Blümels, hängen schon wieder Gardinen im Fenster.

Normalität wird signalisiert, wo noch immer keine ist. Im ehemaligen Wohnzimmer stapeln sich Natursteinattrappen, die irgendwann eine Wand zieren werden. Heinz Blümel ist an jenem verhängnisvollen 24. Juli gleich zweimal "abgesoffen", wie er sagt. Mit dem Wohnhaus hier in der Siedlung und seiner Gaststätte in Aurith am Oderufer. Seither flickt und baut er jede freie Stunde, weil die zugesprochenen 150 000 Mark nicht ausreichen. Selbermachen und Improvisieren - die in den Jahren der Mangelwirtschaft erprobten Fähigkeiten kommen den Menschen nun wieder zugute.

"Ich bin nicht einer, der sich hinter einen Baum stellt und wartet, bis er an die Hand genommen wird", sagt der 48jährige Familienvater augenzwinkernd. Er weiß, daß Journalisten solche Sätze lieben: Blümel war einer der Stars der medialen Inszenierung der Überschwemmung. Menschen, die verzweifelt zwischen ihrem Hab und Gut wateten - solche Aufnahmen lösten ungeahntes Mitgefühl aus.

Schon bald lagen 130 Millionen Mark auf den diversen Spendenkonten. Davon ging über die Hälfte nach Polen und Tschechien, wo das Wasser weitaus schlimmer gewütet hatte und wo Menschen umgekommen waren.

Für Brandenburg blieb Geld genug übrig: Rund 60 Spendemillionen und 40 Millionen staatliche Soforthilfe standen für die rund 500 betroffenen Deutschen zur Verfügung - nicht eingerechnet die unzähligen Schecks, die spontan "mal schnell über den Gartenzaun oder nach dem Gottesdienst" verteilt wurden. Achim Müller, Leiter des Arbeitsstabes "Nachbarn in Not" des Deutschen Roten Kreuzes, spricht von einer "luxushumanitären Hilfe". Während bei früheren Mosel- und Rhein-Überschwemmungen jeweils nur rund zwanzig Prozent der Schäden ersetzt wurden, konnte Brandenburgs Ministerpräsident Manfred Stolpe großzügige neunzig Prozent Schadenshilfe ankündigen. Noch drastischer fällt der Vergleich mit Polen aus: Statt der hiesigen rund 100 000 Mark pro Hausbesitzer bekamen Familien jenseits der Oder nur Hilfe im Wert von 500 bis 1000 Mark.

In Brandenburg ist bis heute nicht alles Geld verteilt. Vom Spendenkonto, welches das Land Brandenburg eingerichtet hatte, erhielten geschädigte Betriebe neuneinhalb Millionen Mark. Die schönsten Häuser böten wenig Trost, argumentierte die Potsdamer Regierung, wenn Unternehmen schließen müßten und Arbeitsplätze verlorengingen. So wurden auch freiwillige Feuerwehren beglückt und Sportplätze wieder instand gesetzt.

Klassische Nothilfe ist das nicht. Mit den Spendengeldern wurde bewirkt, was sonst Versicherungen leisten: Es war einfach genügend Geld da. Wolfgang Liebig, früherer Brigadier in der Ziltendorfer LPG und heute deren Mitbesitzer, hockt an seinem fabrikneuen, vom Roten Kreuz gespendeten Schreibtisch. "Für die, die nie in ihr Haus investiert hatten", sagt er, "war das Hochwasser ein Segen. Die haben nun neue Fenster und eine Heizung. Für die aber, die ihre Häuser immer in Schuß hielten, ist das alles eine große Belastung."

Ina und Siegfried Hafemann im Weiler Kunitzer Loose waren mit der Renovierung ihres Häuschens gerade fertig, als der Deich nachgab. Der 45jährige versuchte zu retten, was zu retten war. Den Hausschaden schätzten die Experten später auf rund 100 000 Mark, doch reichte das Geld nur für die Materialkosten.

Siegfried Hafemann mußte wieder reparieren und bauen, was er gerade erst repariert und gebaut hatte. "Das machte ihn zuerst völlig fertig", sagt seine fünfzehn Jahre jüngere Frau. Nach 1990 hatten beide ihre Arbeit im ehemaligen Fleischkombinat Frankfurt verloren. Seit letztem Jahr ringen sie nun wieder um ein geordnetes Leben. Wie für alle hier bedeutete die Flut auch für sie einen Neuanfang. Der letzte Neuanfang - die Wiedervereinigung oder die "Wende", wie sie sagen - liegt erst acht Jahre zurück.

Siegfried Hafemann schiebt eine Illustrierte mit Fotographien aus dem Sommer 1997 über den Küchentisch. Die Furchen in seinem Gesicht sind tiefer geworden, seit diese Aufnahmen gemacht wurden. Wenn die Hafemanns nach Osten zur Oder hinüberblicken, liegt etwas Bitteres in ihren Augen. Die beiden scheinen um mehr als nur ein Jahr gealtert.

 
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