Pflücken und hoffen
In Usbekistan droht die Industrialisierung zu scheitern. Schluß einer ZEIT-Serie über die neue geostrategische Rolle Zentralasiens
Auf einem Bauernhof im usbekischen Dorf Sangiota steht eine Waage in Hellblau, ein mal ein Meter groß. Mit ihrer klobigen Skala wirkt sie wie ein harmloses Relikt der vordigitalen Epoche. Doch die Einwohner fürchten keinen Dorfpolizisten mehr als das museale Meßgerät. Verschüchtert werfen sie ihre Säcke mit Baumwolle auf die Metallfläche, bis der pendelnde Zeiger genau auf dem schwarzen Strich steht.
"Die Baumwolle ist furchtbar leicht", sagt Dildora, eine dreißigjährige Landarbeiterin. "Wir müssen viel sammeln, bevor wir zur Waage vorgelassen werden. Irgendwas stimmt immer nicht: Entweder sind zuviel Äste dabei, oder der Sack ist zu leicht. Für das Kilo gibt es zweieinhalb Pfennig." Ein Pflücker kommt so auf 25 Mark im Monat. "Aber selbst das wird meist in Bratfett oder Gemüse ausbezahlt", sagt Dildora.
Noch zu sowjetischen Zeiten erledigten Maschinen die Hälfte der Ernte, im unabhängigen Usbekistan werden kaum zehn Prozent maschinell geerntet. Die Baumwollfarmen treiben dem Bankrott entgegen, denn der Staat zahlt ihnen nicht ein Achtel vom Weltmarktpreis des Rohstoffes. Die Heere unbezahlter Pflücker ergrauen mit jedem Jahr zerplatzter Illusionen, auch die dreißigjährige Dildora. Zwangsarbeit, Zwangserträge und Zwangsabgaben sind die Grundlagen der usbekischen Landwirtschaft.
Der usbekische Staat verhält sich wie ein Milchbauer, der seine beste Kuh zuschanden melkt. Usbekistan ist nach Amerika der größte Baumwollexporteur der Welt. Über zwei Drittel seiner Deviseneinnahmen verdankt es der Baumwolle. Rußland, Japan, Deutschland und Südkorea sind die Hauptabnehmer. Der Staat kontrolliert die Produktion bis zum kleinsten Bausch, läßt aber die Betriebe verkommen. Diesen Hochmut nährt der Überfluß: Baumwolle ist nur einer der Rohstoffe, mit denen Usbekistan gesegnet ist. In Muruntau zum Beispiel arbeiten staatliche usbekische und eine amerikanische Firma in der größten offenen Goldmine der Welt. Usbekistan wirft jährlich siebzig bis achtzig Tonnen Gold auf den Weltmarkt. An anderen Orten werden Silber, Kupfer, Zink, Uran und Titan abgebaut.
Und natürlich hat Usbekistan am bedeutendsten Reichtum der kaspischen Region teil: Seine Gasreserven stehen nicht hinter denen des reichen Nachbarn Kasachstan zurück. Mit seinem Öl kann es sich zukünftig selbst versorgen. Im Westen des Landes hat die Regierung nun ein großes Öl- und Gasfeld für ausländische Investoren ausgeschrieben. Bislang exportiert das Land ohne Küste in die GUS-Republiken.
Längst haben die Großmächte Usbekistan ins Visier genommen. Mit den Chinesen wird über Gaslieferungen verhandelt. Usbekistan würde als Transitland auch von einer gewaltigen Gasleitung profitieren, die Peking und Aschgabat von Turkmenistan nach Westchina bauen möchten. Russische Konzerne haben sich beim Staatsbesuch des usbekischen Präsidenten Islam Karimow Anfang Mai in Moskau ihren Teil auf dem usbekischen Rohstoffmarkt gesichert. Die Vereinigten Staaten und die Nato beziehen Usbekistan in die Manöver der Partnerschaft für den Frieden ein. Washington weiß um das Gewicht des größten zentralasiatischen Staates. Im vergangenen Herbst eroberte Hillary Clinton Kasachstan, Kyrgystan und Usbekistan in einer Offensive des Lächelns.
Den Usbeken schmeichelt das Werben der Großen dieser Welt, doch sie grämt das starke Interesse an ihren Rohstoffen. Anders als Kasachen und Turkmenen achtet die Regierung in Taschkent den natürlichen Reichtum des Landes gering. Zu wach ist die Erinnerung an die Sowjetunion, in der Usbekistan zur Rohstoffkolonie Rußlands verdammt war.
Der Islam fängt die zerrissenen Kollektive der alten Zeit auf
Den Preis zahlten die zentralasiatischen Länder. Ihre großen Ströme wurden vielerorts in Kanäle umgeleitet. Ingenieure bewässerten die Wüsten Kysylkum und Karakum, um Baumwolle nach den Vorgaben sowjetischer Tonnenideologie zu produzieren. Als Konsequenz schrumpfte der Aralsee, verkarstete fruchtbares Ackerland, wurde der Boden mit Pestiziden und Salzen kontaminiert. "Jeden Sommer kamen die Flugzeuge und kippten das Gift über unseren Köpfen aus", erzählt Dildora.Heute sind die Giftbomber verboten, verringert der Staat stetig die Anbaufläche für Baumwolle. Investiert wird nicht. Die Regierung schwächt die starken Seiten des Landes, um aufzubauen, was Usbekistan nie hatte: eine Industrie. "Wir wollen stolz sein auf die verarbeitenden Betriebe und nie wieder einer Kolonialmacht als Rohstoffbasis dienen", sagt der Direktor der Investitionsagentur Schoasis Schasijatow.
Der Traum vom Industrieland könnte Chancen haben. In Usbekistan leben 23 Millionen Menschen, von denen viele im asiatischen Vergleich gut ausgebildet sind bei niedrigen Löhnen. Internationale Konzerne haben hier nach 1991 ihren strategischen Ausgangspunkt für ganz Zentralasien gesehen. Der Konzern Daewoo hat in Usbekistan ein Autowerk errichtet, mit dem die Koreaner die Region erschließen wollten. Doch heute ist die Euphorie dahin. "Hier versucht der Staat, alles zu lenken", moniert ein westlicher Geschäftsmann. "Die glauben, ihre Wirtschaftsgesetze sind unfehlbar und wir Unternehmer machen alles falsch."
Im Visier ist Islam Karimow, Präsident und Meisterökonom, dessen Einsichten in siebzehn Jahren Arbeit in der Staatlichen Plankommission der Sowjetrepublik Usbekistan gediehen sind. Karimow gibt nichts auf die Rezepte von Weltbank und Währungsfonds. Er versucht es mit einem zentralasiatischen Merkantilismus, frei nach Jean-Baptiste Colbert. Seinen ökonomischen Naturpark schottet Karimow durch einen rigiden Protektionismus ab. Die Globalisierung gilt als Feind. Das Land soll sich mit Fertig- und Konsumwaren möglichst selbst versorgen. "Wir dürfen unsere hart verdienten Dollar nicht für Kaugummi im Ausland ausgeben", predigt er dem Volk. Statt Rohstoffen will Karimow lieber Fertigwaren ausführen, von der Limonade bis zum Traktor. Dem steht aber eine dirigistische Währungspolitik im Weg.
Mit staatlich festgeschriebenen Phantasie-Wechselkursen und einer verheerenden Devisenbewirtschaftung ist Karimow dabei, sein Land zu einer profitfreien Zone für Investoren zu machen. Die Firmen müssen ihre Einnahmen auf Konten einzahlen, von denen der Staat nach Belieben "Steuergeld" abhebt. Recht ist keine verläßliche Größe, sondern ein Gnadenakt. Die Gesetze kommen und gehen, während die Bürokraten bleiben. Damit sie sich bewegen, brauchen sie regelmäßig Beschleunigungsgeld. Internationale Finanzorganisationen haben längst alle Programme für Usbekistan eingefroren, die Investoren fliehen in die Nachbarländer, vor allem nach Kasachstan.
Einstweilen kann Karimow seinen Kurs noch durchhalten. Er hat ja die Baumwolle, von deren Exporterlösen er den heroischen Aufstand gegen die Kräfte des Marktes finanziert. Sein Modell erinnert an einen sowjetischen Ahnen. Den kompromißlosen Aufbau der Industrie auf dem gekrümmten Rücken der Landwirtschaft hatte auch Stalin mit dem ersten Fünfjahresplan 1928 befohlen. Den Widerstand der Bauern brach die Sowjetmacht mit Massenerschießungen und Lagerhaft, Hungerkatastrophen waren die Folge. Karimow läge das fern. Aber Entlastungsoffensiven zur Machtabsicherung braucht er auch. So wie im sozialistischen Klassenkampf "Kulaken" und "Kleinbürger" verteufelt wurden, drischt Karimow auf islamische "Fundamentalisten" und "Wahhabiten" ein.
"Solche Leute müssen per Kopfschuß erledigt werden", erläuterte Karimow seinem Parlament. Und: "Wenn es Ihnen an Entschiedenheit mangelt, werde ich sie - falls nötig - selbst erschießen." Muslimische Geistliche verschwinden, andere werden gezwungen, ihre Bärte abzuschneiden, die Polizei umstellt die Moscheen. Das Kalkül: Wer so massiv eingeschüchtert ist, wird sich zu keiner Demonstration mehr aufraffen, ob nun gegen steigende Brotpreise oder die Ausbeutung als Baumwollpflücker.
Unübersehbar ist jedoch, daß der Islam den Mächtigen Usbekistans auch nutzt. Karimow geht in die Moschee. Er weiß, daß die Religion seinen Staat stabilisiert. Der Islam ist der Kitt der jungen usbekischen Nation und ein Netz für die zerrissenen Kollektive der sozialistischen Zeit. Und er sorgt dafür, daß das Dorf Sangiota noch ein friedliches Dorf ist.
Zur "Mahalla", zur muslimischen Nachbarschaftsorganisation von Dildora, gehören vierzehn Familien, sie haben einen Vorstand gewählt, in dessen Haus sie sich monatlich treffen. "Dort besprechen wir, wer Hilfe braucht, wer krank ist, wer kein Geld hat", erzählt Dildora. "Manchmal tauschen wir unsere Pflückergehälter aus: Bratfett gegen Kartoffeln oder umgekehrt." Sogar eine Krankenschwester lebt in der Nachbarschaft. "Die Mahalla ersetzt zum Teil, was der Staat uns nicht mehr gibt", sagt Dildoras Mann über das morsche Sozialsystem. Mit islamischen Umtrieben habe das nichts zu tun. "Unsere Religion ist Privatsache. Wie soll denn hier der Fundamentalismus blühen, wo die Menschen Angst vor dem eigenen Schatten haben?" Und als wollte er alle Zweifel zerstreuen, stellt er, ein Muslim, eine Flasche Wodka auf den Tisch. Präsident Karimow hätte sicherlich keine Einwände. Der Wodka ist aus usbekischer Produktion.
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1998
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