Irren ist menschlich. Irrtümer müssen korrigiert werden, auch wenn die Urheber Umweltschützer sind. Keine Frage. Die beiden Wissenschaftsjournalisten Dirk Maxeiner und Michael Miersch haben ein Buch verfaßt, um mit den schlimmsten "Öko-Irrtümern" aufzuräumen. "Wir wollten für uns selbst und andere etwas Ordnung in die Dinge bringen und wenigstens den gröbsten Unsinn ein wenig ankratzen", schreiben Maxeiner/Miersch. "Wir begehen den schweren Fauxpas, auch solche Wissenschaftler zu Wort kommen zu lassen, die recht hatten", betonen sie. Die "Stimmen der zum Schweigen Gebrachten" wollen sie mit ihrem Werk wieder erwecken. Mut machen wollen sie all den klugen Wissenschaftlern, Ökonomen und Politikern, die es leid sind, dem "schlimmsten Quatsch" zu widersprechen.

Solche Thesen verkaufen sich gut in einer Zeit, in der eine Ökopartei heftigst dafür attackiert wird, daß sie an ihren umweltpolitischen Zielen festhält. Maxeiner/Miersch nutzen die Gunst der ökofeindlichen Stunde und treiben ihren "Öko-Optimismus", den sie vor zwei Jahren in Buchform präsentierten, nun auf die Spitze. Kritisierten sie damals die ihrer Meinung nach allzu pessimistische Haltung der Umweltbewegung, listen sie nun deren Fehler in lexikalischer Form auf. Dafür greifen sie auf veraltete Thesen zurück, um sie dann als "Irrtum" zu widerlegen. Und sie tun das, was sie anderen vorwerfen: Sie stellen selbst Thesen auf, die sich dereinst als Irrtum erweisen könnten.

Ein Beispiel: "Gentechnisch veränderte Lebensmittel bedrohen die Gesundheit" erklären Maxeiner/Miersch zum "Öko-Irrtum". Für Allergiker könnten die neuartigen Lebensmittel zwar Probleme bedeuten, doch die Chance, daß dies passiere, sei sehr gering, weil "überaus gründlich getestet" würde. Völlig unklar ist aber beispielsweise, was es für Folgen hat, wenn das Bt-Toxin, das Ökolandwirte zur Schädlingsbekämpfung nutzen, nicht auf die Pflanzen aufgesprüht wird, sondern das Gift von der Pflanze selbst produziert und vom Konsumenten schließlich verspeist wird. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist die "Angstkampagne gegen die Gentechnik", die Maxeiner/Miersch anprangern, genauso falsch wie die vorbehaltlose Entwarnung.

Nächstes Beispiel: Öko-Irrtum "Die Erde wird immer wärmer". Die Zweifel an der - meßbaren - globalen Erderwärmung und dem Treibhauseffekt kulminieren schließlich in der These, daß das Kohlendioxid ein so wirksames Treibhausgas ist, "daß es bereits zu Goethes Zeiten alles tat, was es tun kann". Ob der Treibhauseffekt menschengemacht ist oder nicht, sei damit egal.

Klimaschutzmaßnahmen seien sowieso müßig, da das Klima ohnehin mache, was es wolle. Maxeiner/Miersch halten es dennoch für sinnvoll, den Kohlendioxidausstoß zu minimieren, weil das "Geld spart und erfinderisch" mache.

"Flüsse und Seen verdrecken immer mehr", "Die Luftverschmutzung nimmt zu", "Wir werden immer mehr durch Dioxin belastet" - auch das sind nach Maxeiner/Miersch Öko-Irrtümer. Doch niemand bestreitet, daß Flüsse und Seen in der Bundesrepublik sauberer geworden sind. Allgemein bekannt ist auch, daß die Belastung mit Schwermetallen in der Bundesrepublik dramatisch zurückgegangen ist - Heinrich Heine würde heute nicht mehr an Bleivergiftung sterben. Auch der Bund für Umwelt und Naturschutz weiß, daß die Dioxinbelastung in der Muttermilch gesunken ist, und gab deswegen vor Jahren schon Entwarnung für das Stillen. Daß die Belastung von Wasser und Luft mit Schadstoffen in den letzten zwei Jahrzehnten deutlich zurückgegangen ist, ist auch das Verdienst engagierter Umweltschützer. Maxeiner/Miersch verlieren darüber kein Wort. Alte, teilweise gelöste Umweltprobleme breiten sie aus, ungelösten wie der zunehmenden Belastung des Grundwassers widmen sie nur wenige Sätze. Und manchmal widerlegen sie sich selbst.

So präsentieren sie die These "Die Überfischung der Meere rottet Fische aus" als Öko-Irrtum. Später gestehen sie allerdings, daß tatsächlich einige Fischarten "hart am Rand einer echten Ausrottung" schwimmen. In der Plünderei in den Ozeanen sehen Maxeiner/Miersch einen der größten derzeitigen Umweltfrevel. Das Artensterben, das sie als Problem, wenn auch als ein überschätztes sehen, koppeln sie mit der These, daß unsere Städte zu "Naturparadiesen" geworden seien. Als würde der Artenschwund dadurch weniger dramatisch, daß es einigen wenigen Arten gelungen ist, sich in den Städten niederzulassen.