Fünf Schüsse auf Bismarck
Allmählich werden die Gäste in der Wilhelmstraße 76 unruhig. Wohl passiert es häufiger, daß der Hausherr verspätet vom Vortrag beim König zurückkehrt, doch an diesem 7. Mai 1866 dauert es besonders lange. In ihrem Salon müht sich Johanna von Bismarck redlich, der Gesellschaft die Wartezeit zu verkürzen. Endlich erscheint der preußische Ministerpräsident. Er wirkt aufgekratzter als sonst, begrüßt die Anwesenden mit ein paar Scherzen und entschwindet für eine Weile in sein Arbeitszimmer, um Wilhelm I. eine Botschaft zukommen zu lassen. Als die Gesellschaft sich danach zu Tische begibt, tritt Otto von Bismarck auf seine Gemahlin zu, küßt sie auf die Stirn und spricht in die erwartungsvolle Stille hinein: "Mein Kind, heute haben sie auf mich geschossen, aber es ist nichts."
Während er mit großem Behagen ißt, berichtet Bismarck der erstaunten Gesellschaft den Hergang des Attentats: "Ich ging Unter den Linden auf dem Fußweg zwischen den Bäumen vom Palais nach Hause. Als ich in die Nähe der russischen Gesandtschaft gekommen war, hörte ich dicht hinter mir zwei Pistolenschüsse. Ohne zu denken, daß mich das anginge, drehte ich mich unwillkürlich rasch um und sah etwa zwei Schritte von mir einen kleinen Menschen, der mit einem Revolver auf mich zielte. Ich griff nach seiner rechten Hand, während der dritte Schuß losging, und packte ihn zugleich am Kragen. Er faßte aber schnell den Revolver mit der linken, drückte ihn gegen meinen Überzieher und schoß noch zweimal. Ein unbekannter Zivilist half mir, ihn festzuhalten. Es eilten auch sogleich Schutzleute herbei, die ihn abführten ... Als Jäger sagte ich mir: die letzten beiden Kugeln müssen gesessen haben, ich bin ein toter Mann. Eine Rippe tat zwar etwas weh, ich konnte aber zu meiner Verwunderung bequem nach Hause gehen."
Kaum ist das Dîner beendet, kommt Wilhelm I., um dem Ministerpräsidenten zu seiner Rettung zu gratulieren. Er bringt seinen Leibarzt mit, Professor Lauer, der Bismarck gleich untersucht. Während dieser mit entblößter Brust vor seinem König steht, werden allerlei Vermutungen geäußert, wie es geschehen konnte, daß Bismarck unverletzt geblieben ist. Für Lauer grenzt dies an ein Wunder. "Hier ist keine andere Erklärung als die, daß Gottes Hand dazwischen gewesen ist."
Doch nicht göttliche Vorsehung, sondern Glück und Zufall hatten Bismarck das Leben gerettet. Der preußische Ministerpräsident war für die Jahreszeit ungewöhnlich warm angezogen gewesen. Unter einem dicken Mantel hatte er Rock, Weste und Hemd getragen, dazu noch eine seidene Unterjacke (allerdings nicht, wie immer wieder behauptet wurde, ein "Panzerhemd"). Die ersten Schüsse, die der Attentäter aus der Distanz abgab, hatten Bismarck nur gestreift die beiden letzten Kugeln, die im Handgemenge direkt auf seine Brust abgefeuert wurden, durchbohrten zwar die Kleidung, glitten aber von der Rippe ab. Eine schmerzhafte Prellung - das war alles, was der Attackierte davontrug. Für seinen Attentäter endete das Unternehmen weniger glimpflich. Nach einem ersten Verhör im Polizeipräsidium schnitt er sich in einem unbeobachteten Moment mit einem Messer die Halsschlagader auf. Kurz nach vier Uhr in der Frühe erlag er seiner Verletzung.
Eigentlich kam der Anschlag nicht überraschend. Denn Bismarck war im Frühjahr 1866 der meistgehaßte Mann weit und breit. Wenn er damals, erinnerte er sich später, durch die Straßen gegangen sei, habe man "vor ihm ausgespien" und "mit Knallerbsen geworfen". Seit seinem Amtsantritt als Ministerpräsident im September 1862 lag der als stockreaktionär verschrieene Junker in einem Dauerkonflikt mit der liberalen Mehrheit des preußischen Landtags, die ihm das Geld für die geplante Heeresreform verweigerte. Ihren Widerstand hatte Bismarck mit diktatorischen Mitteln zu brechen versucht: Liberale Beamte wurden gemaßregelt, Zeitungen zensiert.
"Das gegenwärtige Ministerium ist in einer Art mißliebig, wie selten eines in Preußen war", stellte Gerson Bleichröder, Bismarcks Bankier, im Februar 1863 fest, und daran hatte sich auch drei Jahre später nichts geändert. Der Haß auf Bismarck war sogar noch gestiegen, seit für jedermann zu erkennen gewesen war, daß er es auf einen Krieg mit Österreich um Preußens Vorherrschaft in Deutschland abgesehen hatte. "Mit einer solchen Schamlosigkeit, einer solchen grauenvollen Frivolität ist vielleicht nie ein Krieg angezettelt" worden, urteilte der Rechtsgelehrte Rudolf von Ihering am 1. Mai 1866. "Das innerste Gefühl empört sich über einen solchen Frevel an allen Grundsätzen des Rechts und der Moral."
Nicht nur in Süddeutschland, auch in Preußen selbst war der bevorstehende "Bruderkrieg" äußerst unpopulär. Seit Anfang Mai 1866, als Gerüchte über die Mobilmachung kursierten, herrschte an den Börsen Panikstimmung. Der preußische Ministerpräsident wurde mit Drohbriefen geradezu überschüttet.
Selbst seine hochkonservativen Freunde gingen auf Distanz zu ihm, nachdem er Anfang April, um Österreich zu provozieren, am Frankfurter Bundestag den Antrag auf Einberufung eines Nationalparlaments hatte einbringen lassen. Am 7. Mai, also am Tage des Attentats, brach Ludwig von Gerlach, Bismarcks politischer Ziehvater, in einem Leitartikel in der reaktionären Kreuzzeitung den Stab über die zum Krieg treibende Politik. Der Artikel habe ihn "schwerer verletzt" als die Kugeln des Attentäters, ließ Bismarck wenige Tage später Gerlach ausrichten.
Eine Tat aus dem Geist von 1848 Die Nachricht vom Attentat verbreitet sich in Windeseile. Noch am Abend des 7. Mai versammeln sich in der Wilhelmstraße Berliner Bürger, um dem Ministerpräsidenten ihre Sympathien zu bezeugen. Inwieweit diese Kundgebungen spontan sind oder gesteuert, ist nicht eindeutig auszumachen. Wilhelm I.
jedenfalls nimmt sie als Beweis dafür, daß "Bismarck doch nicht so verhaßt zu sein" scheine, "wie man es gern glauben machen möchte". Tatsächlich herrscht jedoch keineswegs überall Freude über das Scheitern des Attentats. Er habe "im Volk gehorcht", berichtet der Publizist Franz Ziegler Mitte Mai 1866 aus Berlin, "und überall, besonders in unteren Schichten, ein Bedauern über das Nichtgelingen" feststellen können: "Der Haß ist bis zur Unnatur gestiegen, und ich würde mich gar nicht wundern, wenn das Attentat sich wiederholte."
Verständnis findet der Attentäter selbst in höchsten Kreisen. "Der arme, gutmeinende, aber verfehlende und kurzsichtige Unglückswurm, der auf Bismarck schoß, ist tot", bemerkt Victoria (Vicky), die Gattin des preußischen Kronprinzen, in einem Brief an ihre Mutter, die Queen, vom 9. Mai. "Es ist besser so - besser Bismarck bleibt am Leben, um die Konsequenzen seiner unverantwortlichen Verrücktheit zu erleben, denn als Märtyrer zu sterben."
Als Märtyrer dagegen wird der Attentäter in ganz Süddeutschland gefeiert. In allen Schaufenstern ist seine Photographie ausgestellt und mit Blumen umkränzt. "Das Volk bezeichnet ihn laut als einen zweiten Wilhelm Tell", berichtet ein Londoner Korrespondent. In Liedern und Gedichten wird die Tat gerühmt: "Und alle, die den wackern Jüngling kennen, / Sie müssen liebend seinen Namen nennen." Im Beobachter, dem Blatt der württembergischen Demokraten, ist zu lesen: "Es wird sich niemand getrauen, den jungen Mann für einen schlechten Menschen zu erklären, der sein Leben daran gegeben hat, um das Vaterland von einem solchen Unhold zu befreien." Ein württembergischer Landtagsabgeordneter erklärt unumwunden: "Er starb als ein Opfer der Freiheitsliebe. Solange Deutschland noch solche Jünglinge zu seinen Söhnen zählt, ist es nicht arm."
Wer war der als Freiheitsheld Gepriesene? Ferdinand Cohen-Blind wurde am 25.
März 1844 in Mannheim geboren. Sein Vater, ein über fünfzigjähriger vermögender Witwer, hatte 1839 ein zweitesmal geheiratet, und zwar Friederike Ettlinger, die um fast dreißig Jahre jüngere Tochter eines Karlsruher Kaufmanns und Mitglieds des Oberrats der badischen Israeliten. Die Mutter Ferdinands war eine für ihre Zeit ungewöhnlich selbstbewußte Frau. Schon bald nach der Geburt ihres Sohnes liierte sie sich mit dem Studenten Karl Blind, der wegen radikaldemokratischer "Umtriebe" von der Universität Heidelberg gewiesen worden war. Sie unterstützte die revolutionäre Bewegung mit dem Geld ihres Mannes und half bei der Verbreitung von Flugschriften. Im Sommer 1847 wurde das Paar verhaftet und eingekerkert, was über Süddeutschland hinaus Aufsehen erregte. Ein Brüsseler Emigrantenblatt rühmte Friederike Cohen, weil sie "mehr Entschiedenheit" besitze "als 50 Maulhelden und Festessen-Liberale zusammen".
Karl Blind zählte mit Friedrich Hecker und Gustav Struve zu den wenigen Achtundvierzigern, die unbeirrt eine demokratisch-soziale Republik anstrebten. In allen Brennpunkten des revolutionären Geschehens war er zu finden: bei der Erstürmung des Karlsruher Zeughauses Ende Februar 1848, bei den Freischärlern des Hecker-Zuges im April, beim "Struve-Putsch" im September, schließlich auch beim zweiten badischen Aufstand im Mai 1849.
Immer wieder saß er im Gefängnis, und seine Geliebte (die er 1849 heiratete) folgte ihm mit ihren Kindern auf all seinen Stationen, auch ins Exil, das über Paris und Brüssel 1852 nach London führte.
Für den jungen Ferdinand waren dies unruhige, aber auch lehrreiche Jahre.
Durch seine Mutter und seinen Stiefvater erhielt er einen höchst lebendigen Anschauungsunterricht, wie es deutschen Patrioten erging, die nicht vor den Fürsten zu Kreuze krochen, sondern ihren republikanischen Idealen treu blieben. Freiheitsliebe und Tyrannenhaß wurden ihm gewissermaßen in die Wiege gelegt. Im Milieu der deutschen Emigration in London bildete sich bei ihm der Wunsch aus, dem politischen Vorbild des bewunderten Stiefvaters nachzueifern.
1862, im Alter von achtzehn Jahren, kehrte er nach Deutschland zurück.
Zunächst war er Gasthörer an der Tübinger Universität, seit Herbst 1864 studierte er an der Landwirtschaftlichen Akademie Hohenheim bei Stuttgart.
Seine Lehrer bescheinigten ihm vorzügliche Leistungen. Nach Abschluß des Studiums im März 1866 begab er sich auf eine Wanderung durch Bayern und Böhmen, und während dieser Zeit, in der die Gefahr eines "Bruderkrieges" von Tag zu Tag wuchs, reifte sein Entschluß, Bismarck umzubringen. Er brach in Karlsbad seine Reise ab und fuhr mit dem Zug nach Berlin, wo er am 5. Mai im "Hotel Royal" Unter den Linden abstieg.
In einem langen Abschiedsbrief, den er am 6. Mai an seine mütterliche Freundin Mathilde Weber, die Frau eines Tübinger Professors, richtete, legte Ferdinand Cohen-Blind die Motive für seine Tat dar: "Wenn man, wie ich es getan, durch die blühenden Gefilde Deutschlands gewandert ist, die bald unter den harten Fußtritten des Krieges verwüstet sein werden ... so fällt es einem nicht schwer, und kommt der Gedanke ganz von selbst, den Urheber dieses Übels zu strafen."
Der junge Patriot blieb bis heute verfemt Ferdinand versicherte, daß er sich "nicht mutwillig in die Affäre stürze".
Aber wenn Bismarck, dieser "Verräter an Deutschland", beseitigt werde, könne der Krieg vielleicht noch abgewendet werden. "Es ist doch wenigstens des Probierens wert, durch das Opfer zweier Leben viele zu retten." Der zweiundzwanzigjährige Student hatte auch mit seinem Leben abgeschlossen. Als er sich zur Tat entschied, habe er sich "das eigene Ich aus dem Herzen gerissen". Dies erklärt die fast heitere Ruhe, die er noch bewahrte, als er sich im Polizeipräsidium die tödliche Wunde zugefügt hatte.
Es kann nach alledem keinen Zweifel geben, daß Ferdinand Cohen-Blind den Entschluß zum Attentat ganz allein gefaßt und ausgeführt hatte. Bismarck aber ist von Anfang an entschlossen, den Anschlag für seine Zwecke zu nutzen, indem er ihn als Werk einer großangelegten Verschwörung ausgibt. Bereits am 7. Mai spricht er in einer Botschaft an den russischen Zaren von einem Mordkomplott "süddeutscher Revolutionäre". Ehemalige Studienfreunde von Cohen-Blind werden überwacht, die noch an der Akademie Studierenden müssen sich Verhören unterziehen, die mit der Frage beginnen: "Gehörten Sie zum Bunde der sieben, die Bismarck ermorden wollten?"
Natürlich ist das Ergebnis der Nachforschungen gleich Null. Aber so schnell gibt Bismarck nicht auf. Nachdem ihm Polizeidirektor Wilhelm Stieber eine "gefährliche Verschwörung" signalisiert hat, "an deren Spitze der alte Blind steht", setzt er zwei Polizeibeamte nach London in Marsch. Sie sollen die dortige Emigrantenszene ausspionieren und die vermuteten Hintermänner des Attentats aufspüren. Einer der beiden Beamten, Polizeihauptmann Greiff, zeigt sich für die Aufgabe bestens präpariert, denn er ist bereits im Jahr 1851 zusammen mit Stieber in London gewesen, um dort Beweismaterial für eine angebliche kommunistische Verschwörung zu sammeln.
Doch zu Bismarcks größtem Kummer ergeben die Recherchen keinerlei Anhaltspunkte für ein Mordkomplott. Man sei in der Familie Karl Blinds, berichtet Greiff Ende Mai, "über die Tat des jungen Blind entsetzt gewesen, und noch heute liegt die Mutter infolge der Nachricht schwer krank darnieder". Und von einer Internationale der Verschwörung, wie Bismarck sie wittert, kann Greiff trotz größter Anstrengung nichts entdecken. Verärgert befiehlt der Ministerpräsident Mitte Juni, den Londoner Ermittler sofort abzuberufen.
Bismarcks Entschluß, gegen Österreich in den Krieg zu ziehen, kann von dem Attentat nicht umgestoßen werden. Im Gegenteil: Er fühlt sich, wie sein Vertrauter Robert von Keudell bemerkt, jetzt erst recht "als Gottes auserwähltes Rüstzeug". Ludwig von Gerlach, der ihn am 18. Mai 1866 ein letztes Mal aufsucht, findet "etwas Unruhig-Desperates in seiner Haltung".
Tatsächlich setzt Bismarck im Frühsommer 1866, wie ein Hasardeur, alles auf eine Karte - und er gewinnt. Nach dem Sieg der preußischen Truppen bei Königgrätz am 3. Juli 1866 ist die Welt eine andere. Die meisten Liberalen kapitulieren vor dem Erfolg. Die ihn früher verdammt haben, singen ihm jetzt Elogen.
Noch als Reichskanzler pflegte Bismarck am Jahrestag des 7. Mai seinen Besuchern den Revolver, den er auf dem Schreibtisch seines Arbeitszimmers verwahrte, zu zeigen und die Umstände des Attentats mit einigen romanhaften Zutaten zu erzählen. Und wie seine Bewunderer gläubig an seinen Lippen hingen, so haben später auch die ihm hörigen Historiker sich seine Version der Geschichte zu eigen gemacht.
"Wenn erst auf Deutschlands Schlachtfeldern und Fluren die Leichen von Tausenden nach Beendigung des Kampfes modern und man die Einheit und Freiheit in der Form Bismarckscher Diktate dem deutschen Volk demonstriert, wird man die Tat von Ferdinand Blind erst zu würdigen wissen", so hatte Der deutsche Eidgenosse, eine von Karl Blind herausgegebene Exilzeitschrift, Mitte Juni 1866 vorausgesagt. Doch die Prophezeiung erfüllte sich nicht. Die Sieger schrieben die Geschichte und meißelten sie in Stein. Hunderte von Bismarck-Denkmälern bezeugen dies aufs nachdrücklichste. Der junge Ferdinand Cohen-Blind, der sein Leben opferte, um den deutschen Dingen eine andere, glücklichere Wendung zu geben, blieb bis heute verfemt. Wäre es nicht an der Zeit, diesem wahren Patrioten ein Denkmal zu setzen?
Die wichtigsten Quellen zum Anschlag vom Mai 1866 hat Julius H. Schoeps in dem Buch "Bismarck und sein Attentäter" gesammelt, das gerade vom Pendo Verlag, Zürich, neu aufgelegt wurde (188 S., Abb., 19,90 DM).
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- Quelle DIE ZEIT, 31/1998
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