"Völlig ab vom Schuß"
Im sauerländischen Finnentrop halten immer weniger Züge
Auf Gleis 1 erwartet ein Rentner Verwandte aus Frankfurt. Als er noch gearbeitet habe, erzählt der ehemalige Fabrikarbeiter, sei der Zug immer fünf Minuten vor Feierabend abgefahren. "Typisch Bahn", schimpft er und wirft verärgert seine Zigarette auf die Schienen. Im braun gefliesten Bahnhofsgebäude von Finnentrop lümmeln sich unterdessen vier Jugendliche und stopfen gelangweilt Chips in sich hinein. "Attraktive Pauschalreisen zu Europas Metropolen" steht über den beiden Fahrkartenschaltern.
Der Weg in die Metropolen wird bald komplizierter. Finnentrop im westfälischen Sauerland verliert vermutlich sechs seiner acht InterRegio-Verbindungen. Vielleicht schon ab September soll pro Tag nur noch ein Zug Richtung Frankfurt und einer über Münster an die Nordsee und zurück fahren. Der Abbau ist bereits mit dem nordrhein-westfälischen Wirtschaftsministerium abgesprochen, nur über das Datum wird noch verhandelt.
Daß Bahn-Chef Johannes Ludewig bei den geplanten Stillegungen plötzlich nur noch von "Denkmodellen" reden mag, scheint also für diese Strecke bedeutungslos.
"Nun sind wir völlig ab vom Schuß", sagt die Verkäuferin im Kiosk gleich gegenüber vom Bahnhof. Finnentrop hat rund 19 000 Einwohner, aber die Häuser liegen weit verstreut. Irgendwann in den siebziger Jahren hatte ein tollkühner Stadtplaner versucht, so etwas wie ein Zentrum zu schaffen - mit autofreiem Platz, Gemeindebücherei und dem obligaten Eiscafé "Venezia", wo es für 1,40 Mark einen "Eis-Neger" aus Vanille und Schokolade gibt. Gleich nebenan im Rathaus schwärmt Gemeindeoberverwaltungsrat Helmut Witte von den Zeiten, als sein Ort noch ein "traditioneller Bahnknotenpunkt" war. Aber das ist lange her: Die lokale Linie nach Meschede wurde schon vor Jahren eingestellt. "Es tut weh, daß man uns nun auch noch vom Fernreisenetz abkoppeln will", sagt Witte und rückt die Krawatte zurecht. "Die Bahn kann doch nicht nur die Ballungsräume verbinden und die Menschen hier draußen vergessen." Die Verantwortlichen der Bahn dagegen meinen, daß umgekehrt der hiesige InterRegio von den Menschen vergessen wurde.
Drei Millionen Mark Verluste fährt die Linie angeblich jährlich ein. Zur Wirtschaftlichkeit würden täglich rund tausend Passagiere fehlen, heißt es bei der Bahn. Die schlechte Auslastung hat Gründe. Nicht nur die Autobahn A 45, die mitten durchs Naherholungsgebiet Sauerland führt, zieht potentielle Fahrgäste ab. Der InterRegio Frankfurt - Siegen - Münster konkurriert außerdem mit zwei weiteren Nord-Süd-Zugverbindungen, die fast parallel laufen: einerseits mit der Rheinlinie Frankfurt - Köln - Dortmund und andererseits mit der ICE-Verbindung Frankfurt - Kassel - Hannover. Und die ICE-Strecke Frankfurt-Köln, die im Jahr 2001 eröffnet werden soll, mache den InterRegio "gänzlich überflüssig", sagt Manfred Pietschmann vom Regionalbüro Essen der Deutschen Bahn.
Dreimal umsteigen nach Westerland auf Sylt
"Man hätte den InterRegio eben direkt an die Flughäfen von Frankfurt und Düsseldorf anbinden oder die Linie verlängern müssen", meint Horst Schneider vom Zweckverband Personennahverkehr Westfalen-Süd in Siegen. Noch vor Monatsfrist hatten Vertreter von Bahn und Region solche "Maßnahmen zur Steigerung der Produktqualität" diskutiert. Die Linie solle in den "Publikationen der örtlichen und regionalen touristischen Körperschaften" besser dargestellt werden, heißt es im Sitzungsprotokoll. Die Bahn verpflichtete sich, "Karten, Symbole und Informationen als Druckvorlage" zu liefern. "Über die plötzliche Streichung sind wir deshalb schon erstaunt", sagt Hans Stötzel von der Industrie- und Handelskammer Siegen. Doch gesteht er ein: Unverzichtbar sind die regelmäßigen InterRegio-Verbindungen nicht.
Beispiel Finnentrop: Nach Münster oder Frankfurt müßte man zwar künftig einmal umsteigen, viel länger würde die Reise aber kaum dauern. Von Finnentrop nach Hagen braucht der InterRegio 45 Minuten, die Regionalbahn 48 Minuten. Eng könnte es allerdings zu Randzeiten und am Wochenende werden. Mit dem heutigen InterRegio kommt man am Sonntag bequem von Finnentrop nach Westerland auf Sylt. Abfahrt um 8.07 Uhr, umsteigen in Münster, Ankunft auf Sylt um 15.10 Uhr. Ohne InterRegio kann man sonntags erst um 8.57 Uhr starten und muß dreimal umsteigen: in Hagen, Hamburg und Elmshorn. Wenn er dann um 16.04 auf Sylt ankommt, sinkt der Reisende erschöpft in den Strandkorb.
Natürlich sind das alles erst Planspiele, denn der InterRegio wird kaum ersatzlos gestrichen. Die Dortmunder Westfalenpost behauptet, das Land Nordrhein-Westfalen wolle den Verlust mit RegionalExpress-Verbindungen ausgleichen. Bahn-Sprecher Pietschmann träumt davon, auf der Sauer- und Siegerländer Strecke Wagen mit Neigetechnik einzusetzen. Im kurvenreichen Tal zwischen Hagen und Gießen wären die Züge so 23 Minuten schneller als heute.
Geplant wird vorerst allerdings nicht diese bahntechnische Vision, sondern nur der Abbau.
Und der beschäftigt die Fahrgäste, die dieser Tage im mäßig besetzten InterRegio zwischen Finnentrop und Frankfurt unterwegs sind. "Mir tut es um jede Linie leid, die aufgelöst wird", sagt ein Mann, der zum Frankfurter Flughafen fährt. Allerdings: Den InterRegio benutzen er und seine Frau nur einmal pro Jahr - in den Sommerferien. Im Zug reisen viele Urlauber und jugendliche Tramper, die zwischen monströsen Rucksäcken hocken. In anderen Abteilen studieren Geschäftsleute ihre Akten. Zum Beispiel der Exportmanager aus Nordhorn an der holländischen Grenze, der geschäftlich nach Zürich muß.
Ohne InterRegio wird er künftig von Münster in die Schweiz fliegen, was zeitlich sowieso günstiger wäre. Ein paar Schiebetüren weiter sitzt eine junge Frau aus Bielefeld, die ihren Freund in Frankfurt besucht. Sie fährt durchs Sauer- und Siegerland, um Geld zu sparen. Die Alternative, der ICE, kostet 154 Mark, der InterRegio nur 98 Mark. Nun werde sie aufs Auto umsteigen. Nicht nur die Deutsche Bahn, auch ihre Kunden denken ökonomisch.
- Datum 23.07.1998 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 31/1998
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