Für die deutsche Ausgabe des "Schwarzbuches des Kommunismus" hatte der Verlag einen Beitrag von mir erbeten. Nach einigem Zögern entschloß ich mich, dieser Bitte zu folgen. Allerdings wollte ich einen eigenen Schwerpunkt setzen. Ich stellte ihn unter die Überschrift "Vom schwierigen Umgang mit der Wahrnehmung". So geriet ich in Debatten und Kontroversen um das Buch und in sehr unterschiedliche Podiumsdiskussionen in Hamburg, Berlin und Dresden.

Hatte ein Teil der Rezensionen schon eine erstaunliche menschliche Kälte gegenüber den Opfern kommunistischer Herrschaft gezeigt, möglicherweise erwachsen aus dem "Elend linker Immunisierungsversuche" (so Christian Semler in der taz), so war noch häufiger von Fehlern und Ungenauigkeiten der Autoren zu lesen. Auch hörte ich in mehreren Podiumsdiskussionen von Professoren den Hinweis, der in der Besprechung des Buches von Manfred Hildermeier ( ZEIT Nr. 24/98) lautete: "Dem Kenner sagt das meiste wenig Neues." Aber erstens sind nur wenige Zeitgenossen Kenner, und zweitens müssen die Kenntnisse der Kundigen und Kenner einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden.

Ich habe an dieser Stelle bislang auf die erkenntnisbegrenzende Wirkung des Lagerdenkens hingewiesen, von dessen Harnäckigkeit im liberalen Westen ich überrascht war. Aber inzwischen vermute ich, daß es daneben tiefere und wirksamere Ursachen für unsere Wahrnehmungsdefizite gibt. Wenn ich die Heftigkeit der Ablehnung, die emotionale Kälte einiger Kritiker oder das "ganze Arsenal von Argumenten" zur Verwischung der Spezifik der kommunistischen Verbrechen einiger Altlinker (so Richard Herzinger in der ZEIT Nr. 27/98) vor Augen halte, frage ich nach den tieferen Gründen für die Abwehr.

Vordergründig wird ja die Gleichsetzung von Nazi- und kommunistischer Diktatur abgelehnt. Diese Gleichsetzung wird zwar im "Schwarzbuch" nicht vollzogen. Aber jeder Kommunismuskritiker kennt den Gestus der heftigen Abwehr schon aus anderen politischen Debatten (es gibt die bösartige wie die wohlmeinende Variante).

Manchmal beschleicht mich der Verdacht, es ginge dabei um mehr. Etwa um die Rettung eines Weltbildes. Dies fällt mir ein, wenn ich zum Beispiel sehe, daß in Italien Noberto Bobbio, wahrlich eine linke philosophische Autorität, das "Schwarzbuch" positiv rezipiert, die Hauptthesen übernimmt und die Unrechtstaten des Kommunismus und Faschismus/Nationalsozialismus nebeneinanderstellt. Für ihn gibt es keine mildernden Umstände für die kommunistischen Greuel, die uns hierzulande doch so oft angeboten werden - der Kommunismus habe aber doch die bessere Idee gehabt. Ein Mord "ist ein Mord, Terror bleibt Terror, und damit basta".

Die deutsche Debatte weist eine derartige Klarheit höchst selten auf. Zu tief sitzt die Angst, ein intellektuelles und moralisches Tabu zu verletzten. In der Nach-68-Ära hat der westliche Teil der Nation die großen Weigerungen erkannt und verworfen, die die Nachkriegsdeutschen prägten. Nach 68 wollte man nicht mehr unfähig sein zu trauern, nicht mehr deutsche Schuld durch die Betonung deutschen Leides bannen, wollte man Verantwortliche benennen und bestrafen. Und: Je jünger man wurde, desto heftiger fiel die Verwerfung der Schuld der Väter aus.

War in früheren Jahrzehnten die Heftigkeit patriotischer Gesinnung ein Ausweis staatsbürgerlicher Qualität, so wuchs nach 68 die Bereitschaft, das deutsche zivilisatorische Versagen und die Blutschuld ins Zentrum der Bewußtheit zu rücken. Was als aufklärerisches Tun begann und zu einer nachholenden geistigen Befreiung der Deutschen führte, was so die zivilen Grundlagen dieser Gesellschaft sicherte, verfestigte sich in bestimmten Kreisen zu einem rituellen Antifaschismus, der weniger daran interessiert war, an die Leiden der Opfer zu erinnern, als den innenpolitischen Gegner zu diskreditieren. Später kritisierte Arnulf Baring eine "Dauerzerknirschung" der Deutschen, zuvor war Hermann Lübbe ein "Sündenstolz" der Deutschen aufgefallen. Enthält vieleicht die immerwährende Zerknirschung ein magisches Element, das die Schuld des immer wiederkehrenden Wegsehens "bannen" soll? Erst wurden die Nazis nicht in ihrem Wesen wahrgenommen, nach dem Krieg zunächst deren Opfer nicht, statt dessen die Mängel der Sieger und die Greuel des Kommunismus. Später übersahen andere Wesentliches am Kommunismus, und man verlor folgerichtig das Interesse an den Opfern der herrschenden Kommunisten.