Das Ritual der AntifaschistenSeite 2/3

Als "Sozialismus" wurde er für manche gar zu einer gesellschaftlichen Alternative des "Kapitalismus", wie man die parlamentarische Demokratie nun oft nannte. Aus dem Erschrecken darüber, daß in diesem Land "ganz normale Männer" zu Mördern und ganz normale Kinder, Frauen und Männer zu Opfern geworden waren, wurde ein fixiertes Wissen um die Einmaligkeit der Deutschen. Eine negative Einmaligkeit zwar. Aber die Psychologen werden schon erklären können, daß das Besondere und Einmalige, auch wenn es negativ ist, eine magische Anziehung hat. Es gibt möglicherweise einen Gewinn aus böser Einmaligkeit. Sind wir die Mördernation par excellence, sind der Judenmord und die deutschen Kriegsgreuel einmalig - und um Einmaligkeit und Unvergleichbarkeit wird ja fortwährend gerungen -, dann existiert so etwas wie ein weltgeschichtlicher Tiefpunkt, ein fester Punkt. Leicht allerdings kann derjenige, der sich so ex negativo definiert, sich und seiner Umwelt nur raten, nehmt mich, uns Deutsche, nicht in die Verantwortung. Politische Enthaltsamkeit ist für den Erben des Weltungeheuers die höchste Tugend. Bereitschaft zum Engagement sollte von mir nicht gefordert werden, nicht einmal für das Humanum. So erklärt sich zum Beispiel die Forderung dieser Kreise nach Enthaltsamkeit im Falle Bosnien und anderer Krisenherde, an denen wir um der Menschenrechte der Gepeinigten und Ermordeten eingreifen müßten.

Neben diesem Gewinn, der erlaubte Distanz genannt werden kann, mag für andere ein Gewinn darin bestehen, Geschichte wieder berechenbarer zu verstehen. Will in postmoderner Zeit niemand mehr Auskunft geben über Ursprung und Ziel der Geschichte, so wird dann ein negativer Fixpunkt im Durcheinander der Individual- und Völkergeschichte zum Beginn eines neuen Koordinatensystems der Geschichte. Wer den absoluten Tiefpunkt der Geschichte kennt, dem wird vielleicht irgendwann auch wieder das gesetzmäßige Ziel der Geschichte erscheinen.

Das religöse Bewußtsein hat sein sicheres Wissen um das Summum bonum, Gott, verloren. Die Reich-Gottes-Verheißung irrt durch die Lande - heimaltlos. Das sozialistische Bewußtsein hat seine lange behauptete Zielsicherheit eingebüßt. Aber Christen, Sozialisten und anderen Suchenden wird der Verlust des hohen Zieles der Geschichte erträglicher, wenn es den einen tiefen Abgrund wirklich gibt. Deutungshunger und Sinnsehnsucht sind vermutlich den Heutigen mindestens so zu eigen, wie den Generationen, die in vormodernen Zeiten lebten.

So verbirgt sich im Kampf um die Absolutheit des Tiefpunktes der Geschichte wohl auch ein religiöses Element. Oder vorsichtiger ausgedrückt: eine Sehnsucht der Postreligiösen, die der Dimension der Erlösungssehnsucht der Religiösen entspricht. So jedenfalls würde die Grundsätzlichkeit und Heftigkeit der Geschichts- und Geschichtspolitikdebatten verständlicher. Ein Teil der Debatten und Strategien jedenfalls deutet mehr auf den Bereich Glaubenskampf oder -krieg hin, verläßt zeitweilig das Terrain der Rationalität. Deshalb werden uns manche Attitüden und Kontroversen von heute morgen wieder begegnen.

Sollte es so sein, kann ich mir auch die oft so große Wirkungslosigkeit der Boten erklären. Jener, die das Innerste gesehen hatten, das, ob zu Zeiten von Mord und Terror oder zu Zeiten der "modernen Diktatur", immer ein Angriff auf das Humanum war. Sie hatten bekannte und unbekannte Namen, aber immer eigene Wahrnehmungen, die sie von ihren Herren trennten. Sie hießen Silone oder Regler oder Kostler, Sperber, Grossmann ‰oder Solschenizyn oder Bukowski und sagten ihren Zeitgenossen, wie es eigentlich ist. Nur trafen sie überall auf Kundige, die es besser wußten. Sicher ging es nicht allen so wie Jan Karski aus Polen, der in anderem historischem Kontext 1942 den Alliierten Beweise über Hitlers Taten und Pläne bezüglich der Juden brachte. Man konnte ihm einfach nicht glauben.

Überhaupt benutzen die Boten nicht immer die richtigen Wörter, neigen dazu, ihr Wissen absolut zu setzen. Einmal ist der Bote zu akademisch, ein andermal zu simpel. Dann ist er oft persönlich zu sehr verwickelt oder zu weit von der Sache entfernt. Das Pech der Boten ist, daß ihre Botschaften oft nicht zu den Systemen der Kundigen passen. Das aber macht die Boten so wichtig, daß sie Zeugen sind. Ihr Zeugnis wehrt der Weltsicht der Ängstlichen wie der Kundigen. Wo die einen resigniert haben, haben die anderen definiert, und in beiden Fällen wären die Nachrichten der Boten Anlaß, Wissen und Haltungen zu ändern. Und eben dieser schweren Aufgabe möchten wir in der Regel so lange wie möglich ausweichen.

Manfred Hildermeier fragt am Ende seiner Besprechung, wem "die verquere Logik" dienen könne, daß kommunistische Verbrechen "Auschwitz in den Schattten stellten". Aber die Botschaft aus dem Inneren der totalitären beziehungsweise diktatorischen kommunistischen Regime lautet nicht: Unsere Schreckensnachrichten stellen den vorigen Schrecken in den Schatten. Sie stellen neben das vorige Erschrecken ein neues. Ralph Giordano sagte es, in seinem Ostpreußenbuch 1994, so: "Schluß damit, die Ermordeten der beiden größten historischen Gewaltsysteme zu Rivalen zu degradieren - sie waren es weder zu Lebzeiten noch im Tode."

Service