Vertrauen Sie niemandem!" steht über dem Editorial einer der jüngsten Ausgaben der Zeitschrift Skeptiker . Mißtrauen als Lebensprinzip? Eine wachsende Zahl von Menschen hat das systematische Zweifeln zu ihrem liebsten Hobby gemacht. "Skeptiker" nennen sie sich, und 300 von ihnen haben sich in der vergangenen Woche in Heidelberg zu ihrem Weltkongreß getroffen.

Der häßliche Sichtbeton-Bau der Heidelberger Universität ist schmucklos und kalt, ein verwittertes Relikt aus den siebziger Jahren. Kein Transparent, keine bunten Fahnen weisen den Weg zum Kongreß, ein paar Büchertische mit wissenschaftlicher Literatur sind das einzige Dekor. Hier gibt es mehr Männer als Frauen, das Durchschnittsalter ist hoch. Man sieht, daß die Teilnehmer nicht zum bloßen Vergnügen hergekommen sind - sie haben eine Mission.

Im Gegensatz zu den Skeptikern der griechischen Antike, die jede objektive Erkenntnis bezweifelten, glauben die modernen Skeptiker daran, daß man die Welt mit Hilfe der Wissenschaft und Vernunft erkennen kann. Die neue skeptische Weltbewegung gibt es seit 1976. Damals gründete Paul Kurtz, Philosophieprofessor an der staatlichen Universität von New York in Buffalo, das Committee for the Scientific Investigation of Claims of the Paranormal (Csicop). Kurtz hat mit seinem Verein offenbar eine Marktlücke gefunden: Die Verbandszeitschrift Skeptical Inquirer hat heute etwa 50000 Abonnenten, und 93 skeptische Organisationen sind weltweit angetreten, um Aberglaube und Pseudowissenschaft zu bekämpfen. In Deutschland sind 550 skeptische Geister in der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) organisiert.

Aber hat der Kampf der Bewegung auch Erfolg gezeitigt? Der Aberglaube sei "wie eine unsinkbare Gummiente", erklärt Paul Kurtz - man kann ihm hier und da einen Stoß versetzen, aber letztlich kommt er immer wieder an die Oberfläche. Und gerade zur Jahrtausendwende erhebt die Unvernunft wieder ihr häßliches Haupt: Sektengurus bereiten ihre Anhänger auf das nahende Weltende vor, und auch im Kino haben die Katastrophen Hochkonjunktur.

Als Skeptiker hat man es also wahrlich nicht leicht. Während man sich ernsthaft mit der Frage auseinandersetzt, ob die Erde von Ufos besucht wurde oder nicht, stürzen sich die Medien begierig auf jede noch so obskure Sichtung einer fliegenden Untertasse. Das Unseriöse findet leichter seinen Weg in die Schlagzeilen als die profane und mühselige Arbeit des Widerlegens. In einem Kongreß-Workshop zum "Kritischen Denken" demonstrierte der Psychologe Ray Hyman von der University of Oregon zum wiederholten Male, wie Uri Geller in den siebziger Jahren Schlüssel und Besteck verbog. Ein verblüffend simpler Trick. Trotzdem hat Geller bis heute zahlreiche Anhänger, lebt in einem Schloß und ist steinreich.

Das kann schon verbittern. Oder sogar zu einer allergischen Überreaktion führen. James Alcock, der an der York-Universität in Toronto Psychologie lehrt, warnt die Skeptiker davor, sich selbst für unfehlbar und objektiv zu halten: "Jeder von uns glaubt an Dinge, die falsch sind." Kritisches Denken beinhalte die Fähigkeit zur Selbstkritik und die Bereitschaft, liebgewonnene Überzeugungen angesichts neuer Evidenzen über Bord zu werfen. Alcock selbst pflegt den freundschaftlichen Kontakt zur parapsychologischen Szene, etwa zu Robert Morris, der an der Universität von Edinburgh sogenannte Ganzfeld-Experimente durchführt.

Edgar Wunder, Redaktionsleiter des Skeptikers, findet es wichtig, die Gruppe nicht als Gesinnungsverein zu verstehen. "Eine solche Organisation zieht sehr schnell Leute an, die einen Weltanschauungskampf ausfechten wollen." Das bestätigt auch Csicop-Gründer Paul Kurtz: "Es gibt so viele dogmatische Gläubige, da mag es auch ein paar dogmatische Ungläubige geben." Um nicht den Eindruck einer säkularen Sekte zu erwecken, haben sich die Skeptiker von Anfang an Zurückhaltung in Sachen Religion auferlegt. Sie behandeln nur religiöse Behauptungen, die eine testbare Hypothese enthalten - etwa die Legende des Turiner Grabtuches oder die Thesen der Kreationisten. Daneben kann jeder Skeptiker glauben, was er will. Kurtz selbst zum Beispiel ist auch noch Vorsitzender des Council for Secular Humanism, einer atheistischen Organisation, die unter derselben Postadresse residiert wie Csicop.