In und um Berlin
Bertolt Brecht hätte dieses Jahr seinen Hundertsten gefeiert. Er stammt zwar aus Augsburg, kam aber 1920 erstmals nach Berlin und wurde 1924 dort seßhaft, erst in Steglitz, dann in Wilmersdorf. 1933 floh er vor den Nazis in die USA, kam aber 1948 zurück und hatte danach zahlreiche Adressen in der Hauptstadt der DDR. Was liegt näher, als auf den Spuren Brechts durch die Straßen und über die Plätze der Stadt zu wandern, von der Brecht fand, sie sei "schrecklich erfüllt von Geschmacklosigkeiten, aber in was für einem Format"?
Michael Bienert, der die Touren ersonnen hat, beschreibt aber entschieden mehr als Stadtspaziergänge. Er schildert Berlin im Werk Brechts, bietet Wanderungen durch die Kultur und Literatur des Brechtschen Berlin, durch die politische Landschaft der Weimarer Republik und des Arbeiter-und-Bauern-Staates. Er arrangiert Begegnungen mit den Zeitgenossen des Schriftstellers, breitet die Theatergeschichte der Vor- und Nachkriegszeit aus, vom Kurfürstendamm zum Schiffbauerdamm.
Das kann natürlich als Anleitung zur Heldenverehrung für Brechts Fangemeinde gelesen werden. "Mit Brecht durch Berlin" ist aber auch kundig und unterhaltsam geschriebene Lektüre für Stadtgänge, notfalls zu Hause im Sessel (Michael Bienert: Mit Brecht durch Berlin Insel Taschenbuch, Frankfurt/Leipzig 1998 272 S., 17,80 DM).
Nach Brecht steht nun auch Theodor Fontane im Mittelpunkt eines Jubeljahres.
Hundert Jahre ist er tot, und da pilgert mancher auf den Spuren des Poeten nach Neuruppin oder durch die Mark Brandenburg. Doch rund um Berlin gibt es auch abseits der Fontane-Pfade viel Gegend, ziemlich flaches, aber keineswegs monotones Land. Da ist eine Menge zu entdecken: von Mauern umfaßte Dörfer, robuste Feldsteinkirchen, lauschige Marktplätze, Alleentunnel wie Dome. Dazu Feld, Wald und Wiesen in üppiger Pracht, zwischendrin die zahllosen Seen. Und die "Berliner Landpartien" präsentieren diese Ziele so einladend, daß man am liebsten gleich losfahren würde.
Mit sachlichen, kenntnisreichen Texten beschreiben Heidrun Braun und Ulla Heise fünfzehn Tagesausflüge rund um die Hauptstadt. Präzise Entfernungs- und Zeitangaben, dazu klare Karten machen es leicht, den Weg zu den zwischen Schorfheide, Oderbruch, Uckermark und Fläming versteckten Klöstern und Schlössern, zu Badeseen und Angelplätzen zu finden. Dazu kommen fabelhafte Photos und kundige Hinweise auf Einkehr- und Übernachtungsmöglichkeiten. Eine höchst gelungene Kombination, die Lust auf Entdeckungen weckt. Übrigens sind im selben Verlag auch "Dresdner" und "Leipziger Landpartien" in gleicher Aufmachung erschienen. (Heidrun Braun/Ulla Heise/Joachim Rosse (Photos): Berliner Landpartien. 15 Tagesausflüge für Neugierige Messe Verlag, Leipzig 1998 288 S., 29,80 DM).
Wer ins Berliner Nachtleben eintauchen möchte, findet natürlich in dem von Rüdiger Schaper präsentierten "Berlin um Mitternacht" die eine oder andere Anregung. Aber in dem guten Dutzend sehr unterschiedlicher Beiträge geht es um etwas anderes. Die Hauptstadt, so argumentiert Schaper, sei unausgeschlafen, verlebt, "wie ein ewiger Nachtschwärmer". Mitternacht steht da nicht für eine Uhrzeit, sondern für die Stunde, an der in Berlin die Phantasie anhebt.
Das Buch ist kein Führer durch Berlin by night, sondern Lektüre für alle, die einen Berliner Zustand erkunden wollen. Natürlich geht es dabei um Kneipen, Bars, Sex, Musik, Geister der Vergangenheit und Gespenster der Zukunft. Aber manches in diesem Nachtbrevier kommt doch sehr eitel daher, anderes reichlich ambitioniert. Ein durchaus gemischtes Lesevergnügen also (Rüdiger Schaper (Hg.): Berlin um Mitternacht Argon Verlag, Berlin 1998 160 S., 34 DM).
Das gilt auch für Günter Bellmanns Sammlung von Beiträgen über den Potsdamer Platz, ein Stück Berlin, das wie kein zweites die bewegte Geschichte der Stadt darstellt. Vom Platz mit Zollhäuschen und Militärwache zum Verkehrsknotenpunkt, vom Mittelpunkt hektischen Nachtvergnügens zum Standort für Schieber, Schwarzhändler und Kriminelle, vom Ödland entlang der Mauer zu Europas größter Baustelle - all das paßt auf den Nabel der Berliner Welt.
"Hier brüllt am Tag fieberndes Leben", schrieb der Journalist Hardy Worm.
Aber das kommt bei der Lektüre leider wenig über.
Sehr sachlich ist die Auswahl der Beiträge ausgefallen, zuwenig Erlebtes, dafür aber reichlich Wiederholungen. Der Potsdamer Platz bleibt in dieser Lesart eine große, belebte Kreuzung, aber nicht Zentrum des Berliner Lebens.
Schade. (Günther Bellmann (Hg.): Potsdamer Platz. Drehscheibe der Weltstadt Ullstein, Berlin 1997 248 S., 39,90 DM).
- Datum 30.07.1998 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 32/1998
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