Fit für die Zukunft

Schüler und Studenten sind besser als ihr Ruf. Bildungspolitiker und Lehrer verdienen die Note "mangelhaft" von Sabine Etzold

Schulferien, Semesterferien. Der Bildungsapparat ist vorübergehend abgeschaltet, die Institutionen ruhen. Ein Augenblick für Schüler und Studenten, um darüber nachzudenken, wie man sich nach den Ferien am besten einfädelt in den Betrieb. Eine Fremdsprache zusätzlich? Ein Auslandssemester? Bekomme ich eine Lehrstelle, wenn ich "nur" zur Hauptschule gehe? Soll ich statt Architektur lieber BWL studieren? Die Zukunft ist ja so ungewiß. Da werden einfache Fragen wie die nach dem "richtigen" Schul- oder Studienfach zu wirklichen Existenzfragen. Patentrezepte gibt es kaum. Und so kommen diese Zukunftssorgen gleich unter den Innovationshammer: Sei experimentier- und risikofreudig! Zeige dich teamfähig und leistungsbereit - und lerne lebenslänglich. Jeder ist seines Glückes Schmied, schallt es dem Ratsuchenden entgegen. Mit den Worten der Werbebranche wird vom Aufbruch in die Wissensgesellschaft geschwärmt: die Ressource Wissen, wertvollster Rohstoff unserer Gesellschaft. Fit für die Zukunft, so soll sie sein, die neue Generation.

Doch all die Expertenrunden, Wissenszirkel und Studien mit ihren Visionen und Innovationsimpulsen vermitteln nicht den Eindruck, als sei ihnen klar, was uns die Zukunft beschert. Was eigentlich ist diese Wissensgesellschaft? Gibt es sie schon oder erst bald? Die Schulen sollen unterrichten, die Hochschulen lehren - bloß was? Das Allgemeinwissen (das früher mal Allgemeinbildung hieß) oder ein Spezialwissen, und wenn ja, welches genau? Naturwissenschaft und Technik oder gar - wie neuerdings wieder zu hören ist - die eben noch abgeschriebenen Geisteswissenschaften?

Dafür stehen allerdings die Chancen im Augenblick besser als seit langem. Denn ein Gutes hat der Reformdruck: Wer sich jetzt nicht bewegt, den schützt keine Ausrede mehr.

Die Hochschulen tun sich mit ihrer Erneuerung an Haupt und Gliedern leichter als die Schulen. Dort regt sich zur Zeit vieles, ist immer häufiger zumindest die Bereitschaft zu erkennen, sich auf den tiefen Wandel einzustellen: Hochschulen und Institute suchen die Kooperation; private Initiativen helfen beim Sprung nach vorn. Verwaltungs- und Studienstrukturen werden umgearbeitet. Vor allem aber wächst die Bereitschaft der Universität, sich auf das veränderte Verhalten ihrer Klientel, der Studenten, einzulassen.

Die Politik blockiert den neuen Elan der Hochschulen

Für die meisten von ihnen ist das Studium schon längst keine abgeschlossene Lebensphase mehr. Früher ein Stück "Selbstverwirklichung", erster Schritt ins Erwachsensein, Startrampe für das Berufsleben, ist das Studium heute eher Teil eines Experimentes, das zusammen mit dem Job, dem sozialen Umfeld, der Freizeit den Alltag junger Menschen prägt. Da ohnehin nicht klar ist, ob es nach dem Studium den angestrebten Beruf überhaupt noch gibt oder ob eine Stelle frei ist, wird studiert, was gefällt und was gerade ohne Numerus clausus möglich ist. Wenn es sich so ergibt, wird das Studium für einen aussichtsreichen Job "geschmissen", das Fach gewechselt oder ein Auslandssemester eingelegt, wird zwischen Schule und Studium eine Berufsausbildung oder eine "Auszeit" geschoben.

In so viel Pragmatismus steckt zukunftsfähiges Potential. Warum nur wird den Studenten vorgeworfen, sie seien nicht beweglich und experimentierfreudig genug? In Wirklichkeit blockiert nicht ihre agile Studien- und Lebensgestaltung, sondern eine starre Bildungspolitik den neuen Elan der Hochschulen. Statt Teilzeitstudiengänge einzurichten, die Job und Studium unter einen Hut bringen könnten, werden Langzeitstudenten als vermeintliche Bummelanten mit Geldbußen abgestraft. Statt internationale Kurzstudiengänge anzubieten, werden Regelstudienzeiten zementiert. Statt Auslandssemester zur Gewohnheit zu machen, werden sie mit Bafög-Kürzungen geahndet. Statt ein vernünftiges Konzept zur finanziellen Beteiligung von Studenten an den Hochschulkosten einzuführen, werden entweder verkappte (und - wie in Baden-Württemberg - verfassungswidrige) Studiengebühren erhoben, oder es wird die Illusion genährt, die Gesellschaft bezahle die Ausbildung auch weiterhin.

Schlimmer steht es um die Schule. Anders als den Hochschulen gelingt es ihr noch nicht einmal im Ansatz, sich auf ihre gewandelte Klientel einzustellen. Im Gegenteil, die "neuen Kinder" wecken bei vielen Lehrern nur Angst und Abwehr. Die Zeiten der optimistischen Reformer der siebziger Jahre sind vorbei. Im Bestreben, die vermeintlichen und tatsächlichen pädagogischen Irrtümer jener jüngeren Vergangenheit zu korrigieren, werden allerdings noch viel ältere Irrtümer exhumiert. Leistung ist angesagt: Pauken, Büffeln, Disziplin. Einer schlichten Feuerzangenpädagogik wird da gehuldigt: "Mit der Schule ist es wie mit einer Medizin: Sie muß bitter schmecken, sonst nützt sie nichts."

Doch Schulen dürfen weder Schutzräume vor der bösen Wirklichkeit sein, wie das die Reformbewegung der siebziger Jahre mitunter nahelegte, noch Trainingslager für Jobfitneß. Sie sollten ein Ort sein, wo Kindern und Jugendlichen jene Begegnungen vermittelt werden, die sie sonst nicht erfahren können: mit dem Wissen und der Kultur einer Gesellschaft, mit Autoritäten und natürlich auch mit Lernen und Leistung, Erfolg und Scheitern.

Erfahrungen aber können nicht von Institutionen vermittelt werden, sondern nur von Menschen, die selbst ihre Erfahrungen gemacht haben. "Unsere Lehrer sind zu wenig gebildet": Dieser Merksatz des Pädagogen Hartmut von Hentig ist keine dumpfe Lehrerschelte, sondern eine präzise Analyse des größten Elends unserer Schulen: der unzulänglichen Lehrer(aus)bildung. Hier könnten Reformen rasch greifen. Doch die Kultusminister pflegen lieber ihre Gesamtschulen, den Fächerkanon oder den Streit um zwölf oder dreizehn Schuljahre. Fit für die Zukunft müssen sie erst noch werden, mehr als jeder Schüler oder Hochschüler. Diese haben es längst gemerkt: Die Gegenwart ist die Zukunft.

Zur Startseite